Kultur : Der G-30-Gipfel

Künstler erobern die Politik: Heute tritt in Graz das „Europäische Kulturparlament“ zusammen. Ein Portrait seines Gründers Karl-Erik Norrman

Caroline Fetscher

Deutlich, als sei es gestern gewesen, erinnert sich der Diplomat an einen chinesischen Dissidenten. Es war in Peking, 1971. Karl-Erik Norrman, Sekretär der schwedischen Botschaft , und sein Gast hatten gut gespeist, der Abend wurde beschwingter. Da gestand der Mann, ein Geiger, dem Schweden plötzlich, was er sich herausnimmt. „Ich spiele Beethoven“, flüsterte er. Er beugte sich vor zu Norrman: „Heimlich. Bei mir zu Hause.“ Vorsichtig blickte er sich um. Das Lokal summte von Stimmen. „Mittags spiele ich“, sagte er lächelnd, „wenn es keiner hört.“ Beethoven und Mozart standen in Maos Reich auf dem Index. Bourgeoise Musik, unerwünscht. Verboten.

Der Schwede stand am Beginn einer sicheren Karriere; er bewunderte den Mut eines Menschen, der sich in Gefahr brachte, indem er Beethoven spielte. Der hochmusikalische Norrman, geboren 1943 in Stockholm, ist selber ausgebildeter Opernsänger. Damals, am Tisch des kühnen, chinesischen Geigers, begriff der junge Diplomat die unschätzbare politische Dynamik von Kultur. Ihm ging auf, dass eine Violine zur weichen Waffe werden kann, gegen ein System der harten Hand.

Vielleicht darum war es dann wieder ein Geiger, der Norrman fast dreißig Jahre darauf zu einer großen Idee inspirierte. „1999, kurz vor seinem Tod, erklärte Yehudi Menuhin in einem Interview, dass Europa ein Parlament der Künstler braucht", sagt Norrman. Wir sitzen im Café Einstein in der Berliner Kurfürstenstraße, der hochgewachsene, elegant, aber dezent gekleidete Herr, fällt keinem auf. Seine Welterfahrenheit verbirgt er hinter jener aufmerksamen Gelassenheit, die er sich in den Jahren beim schwedischen Außenministerium angewöhnt hat, auf UN-Konferenzen in Genf und New York, als Diplomat in China, Russland, Europa. „Menuhins Idee“, sagt er mit Optimismus, „ist zu exzellent, um nicht verwirklicht zu werden. Europa darf nicht allein eine Euro-Zone oder eine DIN-Norm-Föderation sein.“ Vor zwei Jahren hat sich Norrmann von der offiziellen Diplomatie zurückgezogen. Auf seiner Visitenkarte ist zwar noch „Ambassador Karl-Erik Norrman“ zu lesen, doch die Organisation, unter der er nun firmiert heißt „European Cultural Parliament“. Ein anderes Parlament, ein utopisches, und doch reales entsteht.

„Menuhin hatte Recht, als er meinte, wir brauchen in Europa eine zweite, eine starke und kulturelle Kraft neben der Politik.“ Die kulturelle Kraft neben Norrmans politischem Leben war und ist seine Frau, Doris Soffel. Als Mezzosopranistin ist sie berühmt für ihr Timbre und Volumen, besonders bei der Interpretation von Wagner und Mahler. Das Paar lebt mit seinen beiden Kindern in Stockholm und in Berlin, wo die schöne Sängerin am kommenden Wochenende Sonntag als Hector Berlioz’ „Madame Orphée“ im Konzerthaus am Gendarmenmarkt auftritt. Doris Soffel hat unter Herbert von Karajan und Zubin Mehta gesungen, auf den großen Bühnen von Salzburg bis New York.

Ihr Ehemann ist ein kultivierter Kosmopolit und Pragmatiker – mit einem großen Projekt: „Ich will Menuhins Idee umsetzen, sagt er. Als sei das so einfach. Aus der Vision eines Violinisten die Prosa der Tat zu machen, mit Sponsoren, Beiräten, Budget, Terminen und Tagungen, das erfordert Organisation, Kontakte, Talent. „Jetzt fängt das Europäische Kulturparlament an zu wachsen“, freut sich Norrman, der das Gewächshaus dafür baut und nebenbei gerade ein Buch über Fußball als kommunikative Weltkultur veröffentlicht hat („Football as Meaning of Life“). In Schweden ist Norrman zudem ein gern gelesener Kommentator; so erzürnte er sich unlängst im „Svenska Dagbladet“ über George W. Bushs Milliardenausgaben für das „Irakäventyr“.

Lautstark soll die Stimme der Kulturparlamentarier schon bald Alternativen, etwa zur Politik der Aufrüstung, fordern: „Was unser Parlament sagt, muss so wichtig werden, wie die Worte der Spitzenfunktionäre beim G7-Gipfel in Davos!“, will Norrman. Soweit ist es noch nicht. Doch inzwischen stehen Prominente, die er während der Jahre als Diplomat kennen lernte, hinter dem Projekt. Generalsekretär Norrman leitet es gemeinsam mit einem Team, zu dem als Sponsor auch der deutsche Verleger Ernst Cotta gehört und Pär Stenbäck, Finnlands früherer Außenminister. Für den Beirat verpflichteten sie Umberto Eco und Polens Ex-Außenminister Bronislaw Geremek, Barcelonas Bürgermeister Juan Clos und Vera Boltho, Leiterin des Kulturdezernats im Europäischen Rat. Ab heute, vom 26. bis zum 28. November, tagt das „Europäische Kulturparlament“ jetzt in Graz, der Kulturhauptstadt 2003, wo an die hundert „Abgeordnete“ ihre Plenarsitzung abhalten: Literaten und Philosophen, Theatermacher und Filmregisseure, Musiker, Komponisten, Maler, Bildhauer und Architekten debattieren dabei über „Kreativität und zivile Transformation in Europa“ oder über „Kultur als Instrument der Konfliktprävention“. Vom Ural bis zum Atlantik erstreckt sich dieses kulturelle Europa, repräsentiert von originellen Temperamenten, autonomen Köpfen, die auch der Brüsseler Kultur-Indolenz Paroli bieten wollen.

„Dem heutigen Europa“, sagt Norrman, „fehlt eine ethische und ästhetische Dimension, eine, die bisher nirgends formuliert wird. Denn Kultur kann ja in jeder Hinsicht Sprengstoff sein – im guten Sinn gefährlich für Regime, im Negativen aber auch bedrohlich für Demokratien.“ Wo entstehen etwa „falsche Schutzzonen“ für Kultur? Wie können Folklore oder Lokalkultur als Saboteure von Öffnungsprozessen wirken? Auch um solche Fragen streitet man. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler aus Osteuropa wurden dazu geladen. Über das „Post-Wall-Europe“, wie Norrman erklärt, kam kulturell nicht nur Aufbruch, sondern auch Zusammenbruch: „Nun finden wir ganze Orchester erstklassiger Musiker mit ihren Instrumenten versprengt – in den U-Bahnhöfen des Westens.“

Russlands exponierteste Kritikerin des Tschetschenien-Krieges, Anna Politkovskaja, die mehrmals inhaftiert war, spricht in Graz über Putins Machtexzesse. Danis Tanovic, Regisseur und Oscar-Preisträger des UN-kritischen Films „Niemandsland“ trifft die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovic und seinen Lehrer, den bosnischen Schriftsteller Dzevad Karahasan. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Iso Camartin kann mit Avantgarde-Musikern aus Estland diskutieren, der Gründer des britischen Medici-Quartetts mit einem bulgarischen Architekten.

Statt über Distanzen hinweg in Zeitungen zu debattieren, sollen sich die Leute real begegnen. „Kulturell haben in Europa die Alten das größte Gewicht: als Nobelpreisträger, wenn sie über siebzig sind. Aber die begabtesten Jüngeren?“ Norrman lässt die Frage kurz schweben und fängt sie sofort auf. Einen Augenblick lang öffnet sich der Vorhang skandinavisch-diplomatischer Zurückhaltung: „Die Jüngeren sollten wir hören, wir müssen Leute schon hören, bevor sie einen Nobelpreis kriegen!"

Und in Zukunft, so meinen die Kulturparlamentarier, werden sie unüberhörbare Manifeste verfassen, unübersehbare Aktionen anzetteln. Aus Yehudi Menuhins hingeworfenem Akkord entwickelt sich eine kulturpolitische Partitur. Für das Jahr 2004 hat sich Barcelona als Forum des Kulturparlaments angeboten. Norrman hofft, dass nächstes Jahr ein Palästinenser und ein Israeli gemeinsam das Kulturparlament eröffnen. „Barcelona ist einmalig. Da hat Kunst schon den öffentlichen Raum erobert." Und darum, sagt er, geht es.

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