Kultur : Der Gang übers Doppelmesser

SANDRA LUZINA

Schamanistisches im Berliner Haus der Kulturen der WeltVON SANDRA LUZINAFrüher habe er Angst gehabt vor den Schamanen, erzählt der koreanische Star-Regisseur Lee Youn Taek, doch bei der ersten Begegnung mit einem schamanistischen Ritual war er von der theatralen Dimension ihrer Handlung begeistert.Lee Youn Taek zählt zu den koreanischen Gegenwartskünstlern, die versuchen, den Schamanismus, die traditionelle Naturreligion der nordasiatischen Kultur, in moderne Theatersprache zu übersetzen.Die Choreographin Kim Hyonok wiederum fürchtete sich nie vor Schamanen.Während einer künstlerischen Krise zog sie eine weise Frau zu Rate; nachdem sie an der Sorbonne über die magisch-religiösen Tänze Koreas promoviert hat, wird sie heute selbst zur Schamanin ausgebildet.Ihre im Haus der Kulturen der Welt aufgeführten Choreographien "Modus" und "Trans-Island of waiting Souls" knüpfen an Glaubensinhalte animistischer Überlieferung an, aber in ihrer Verlangsamung und Bewegungs-Stilisierung zelebrieren sie zugleich ein modernes Ritual.Kim Hyonok in rot drapiertem Gewand beginnt mit einem Solo, als Magierin und Matriarchin steht sie einem Ensemble aus fünf Frauen vor.Die Tänzerinnen verschmelzen zu einem Körper: zu einer Göttin mit zehn Armen, von den Köpfen ragen Zweige in den Bühnenhimmel.Der Zusammenhang alles Lebendigen soll demonstriert, die Leiden des Kreatürlichen veranschaulicht werden.Umherirrende Seelen stimmen einen Klagegesang an.Arbeiten von Kim Hyonok sollen die Zuschauer mitnehmen auf einen spirituellen Trip.Wo die Bühnenschamanin ein tänzerisches Gebet formuliert, erweist sich der weihevolle Ernst als störungsanfällig.Der Mystizismus entpuppt sich als simpler Effekt, das Pathos kippt ins Lächerliche, wenn die Tänzerinnen sich in ihren Geweihen verheddern.Gar nicht unnahbar-entrückt gab sich dagegen Kim Keum Hwa, die lächelnde Schamanin.Sie sucht den Kontakt mit dem Publikum, trotzt allen Sprachbarrieren; während sie Geister beschwört, bleibt sie in regem Austausch mit den Mitspielern und Musikern auf der Bühne.Wie der koreanische Schamanismus das zeitgenössische Theater beeinflußt hat, zeigten die Aufführungen von Lee Youn Taek und Kim Hyonok.Im Rahmen des Korea-Programms im Haus der Kulturen war sogar ein originales Kut zu sehen: Kim Keum Hwa, eine der angesehensten Schamaninnen im "Land der Morgenstille", zelebrierte dieses mehrstündige Ritual mit Gesang und Tanz: eine Demonstration der vitalen, kulturellen Kraft, die der Schamanismus in der südkoreanischen Gesellschaft trotz Kapitalismus und HiTech darstellt.Den Teilnehmern des Rituals ist es gestattet, ihre Wünsche zu formulieren.Elementare Bedürfnisse werden angesprochen, Beistand gegen viele Übel wird versprochen.Auf einer langen Tafel sind Früchte und Reiskuchen zu Pyramiden geschichtet, Papierlampions schmücken den Opferaltar.Der Daedong Kut beinhaltet ursprünglich 24 Akte, er wurde für Berlin auf zehn gekürzt.Mit einer Prozession der Schamanen und Musiker, die in prächtige Seidengewänder gekleidet sind, beginnt das Ritual.Die Musik hat eine zentrale Rolle: gespielt werden der Gong Ching, die Sanduhrtrommel Chango sowie ein quäkendes Blechblasinstrument.Segnungen und Reinigungsprozeduren werden vollzogen, Kim Keum Hwa und ihre Assistenten führen Drehtänze aus, die sich im Tempo steigern.Ein Rausch der Bewegung und der Farben.Die Requisiten werden einbezogen: Fächer, Fahnen, Bänder, Stöcke und Messer.Häufig wechselt Kim Keun Hwa die Gewänder, deren Farben offensichtlich abgestimmt werden auf den jeweiligen Charakter unsichtbarer Gäste; die Beschwörung hat einen eminent theatralen Charakter.Zum Höhepunkt des Abends steigt die Frau - sie hat sich offenbar in Trance getanzt - mit nackten Füßen auf das Doppelmesser.Dies soll der Moment sein, in dem der Geist von ihr Besitz ergreift.Kurz darauf ist die alte Dame wieder putzmunter: nun verkörpert sie einen Casanova-Geist, der von unersättlichen Begierden umgetrieben wird.Kim Keun Hwa spart nicht an obszönen Gesten, auf zupackende Weise weiß sie der männlichen Geilheit Herr zu werden - eine burleske Szene, die Gelächter provozierte.Auch das Publikum konnte teilhaben am Ritual.Die Zuschauer werden aufgerufen zu spenden, monetäre Gaben stärken die spirituelle Kraft der Schamanin.Sie können sich auch Reiskuchen holen und so Glück und ein langes Leben ermampfen.Zum Abschluß des Rituals lockt die Schamanin ihre Zuschauer zum Tanz auf die Bühne, in bunten Seidengewändern hüpft der Anzugträger neben dem Esoterik-Liebhaber.Alle hopsen sich ihren Groll und Unmut vom Leibe.Eine Insel des friedlichen Frohsinns, das Haus der Kulturen der Welt.Braucht Berlin Rituale?

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