Kultur : Der Gang vor die Hunde

„Fabian“, sehr frei nach Erich Kästner, am Berliner Maxim Gorki Theater

Peter Laudenbach

Auf dem Plakat steht „Fabian“, und darunter steht der Name Erich Kästner. Aber wer erwartet hat, am Berliner Maxim Gorki Theater einen gemütlich verruchten Nostalgie-Ausflug in die späten zwanziger Jahre zu erleben, schaut verwundert auf die Bühne: Weder George-Grosz-Typen noch neu sachliche Bubiköpfe bevölkern die Rampe. Nichts erinnert an das Zeitkolorit von 1931, dem Erscheinungsjahr von Kästners „Geschichte eines Moralisten“.

Stattdessen singt Stina Nordenstamm mit dünner Stimme Prince’s „Purple Rain“ wie ein depressives Selbstgespräch. Bunte Kleider aus dem Fundus schweben an Seilzügen über die leere Bühne, und ein leichtes Marthaler-Dämmern bemächtigt sich des Zuschauers. Es wird ihn in den folgenden gut dreieinhalb Stunden nicht mehr verlassen. Hier geht es eher um Tagträume, halb vergessene Erinnerungen und Nachtgespinste als um krachenden Realismus.

Dem ersten Vorspiel folgt ein zweites. Die Darsteller machen es sich auf einem guten Dutzend Stühle gemütlich und beginnen halb privat bizarre Zeitschriften-Meldungen vorzulesen. Es geht um Dinge wie sexuellen Missbrauch durch einen Wels, um Liebespaare, die von Wirbelstürmen sanft durch die Lüfte getragen werden oder Chinesen, denen die Gans nur schmeckt, wenn sie lebend gegart wird. Lauter vermischte Nachrichten, in denen sich Fakten und Fakes, Gefundenes und Erfundenes die Hand geben: Ein Waffenmagazin würdigt das Massaker von Erfurt als „sportliche Leistung“, einem geschmackvollen Berliner Stadtmagazin werden ziemlich geschmacklose Kontaktanzeigen beschert. Das ist trashig und ein bisschen pubertär, ein kleiner Scherzartikel aus der Welt des Performance-Theaters. Ganz sicher, was hier ernst gemeint ist und was nur mit großer Geste und ironischem Lächeln ausgestellt wird, kann man sich nie sein. Natürlich haben die grellen Sensationsmeldungen mit Kästners „Fabian“ auf den ersten Blick nicht das Geringste zu tun. Mit explodierenden Luftschiffen, politischen Morden und Reden des Reichspräsidenten, also dem Zeitungsstoff, der in Kästners Roman hineinragt, können die Zeitschriften-Leser auf der Gorki-Bühne nicht dienen. Die Verbindung liegt auf der Meta-Ebene: Wie die grotesk erfundenen Grellheiten bedient sich Kästners Roman bei der Kolportage und ihrer lustvoll-schamlosen Übertreibung, wie die von Sensationen zu Sensation springenden Leser der Yellow Press weiß er, dass man die Wirklichkeit nur in winzigen Bruchstücken, in schnellen, nicht allzu zuverlässigen Augenblicksaufnahmen zu fassen bekommt.

Held ohne Halt

Mit den beiden Vorspielen ist ein Grundakkord der Inszenierung gegeben: Sie handelt von großen Gefühlen – aber es sind Gefühle auf Probe. Sie ist melancholisch – aber sie seufzt nicht larmoyant. Sie stürzt den Zuschauer in einen verwirrenden Torkel, aber sie lächelt dabei spöttisch. Im Lauf des Abends werden zwei junge Männer sterben – aber beide Todesfälle, ein Selbstmord und ein Unfall, erfolgen eher aus Versehen als aus Gründen des theaterüblichen Pathos. Die Spiele mit erotischen Zynismen und ideologischem Fieber, die Nervosität von Wirtschaftskrise, politischen Schießereien und gehetztem Leben, durch die Kästner seinen empfindsamen Protagonisten jagt, wird nicht aufgeregt illustriert, sondern eher lässig in Bilder übersetzt. Schwach und bemüht wird Joachim Meyerhoffs Inszenierung immer dann, wenn sie brav und umständlich Roman-Szenen nachstellt. Drive und Lust entwickelt sie, wenn sich Meyerhoff von der Nacherzählung frei macht und für Kästners melancholisches Zeitbild assoziative Übersetzungen findet.

Fabian Krüger spielt den verkrachten Germanisten, Werbetexter und später arbeitslosen Fabian als spillerigen Charme-Bolzen, ein schmaler Mensch, der aus Überzeugung keine Überzeugungen vertritt. Dieser Fabian torkelt durch die Zeit – und er tänzelt über die Bühne, leicht, wirkungs- und selbstverliebt, ohne jeden Halt. Weil seine Liebesnacht mit der Zufallsbekanntschaft Cornelia (Katrin Hylla) der einzig ungebrochen romantische Augenblick des Abends ist, dürfen alle daran teilhaben. Das 15-köpfige Ensemble legt sich nackt auf ein Matratzenlager und verdämmert zärtlich alle Theatralik.

Weil die Liebe zwar eine Himmelsmacht ist, Fabian aber im schroffen Zwanzigerjahre-Berlin lebt und nicht im Himmel, ist das Ende der Romanze trocken und lakonisch: Cornelia hat einen Filmproduzenten getroffen und seine Erwartungen auf der Besetzungs-Coach erfüllt; jetzt hofft sie auf eine Filmrolle. Und weil Fabians Freund, der vor lauter Idealismus dampfende Labude (auch sehr dampfend: Hans-Joachim Wagner) an nichts mehr glauben kann, weder an die Liebe noch an seine akademische Karriere, erschießt er sich, wie sich noch keine Bühnenfigur erschossen hat: Während er mit sich und der Welt abrechnet, nährt sich ihm, groß, silbern und langsam, die auf der Drehbühne heranschwebende Kugel.

Wieder am 18. September.

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