Kultur : Der ganz besondere Saft

Carla Rhode

Ob es Kannibalismus tatsächlich gegeben hat, ist unter Historikern und Soziologen umstritten. Beweise gibt es nicht, lediglich Vermutungen aufgrund von Erzählungen und Kult-Darstellungen. Entweder handelt es sich um Notsituationen, in denen Menschen, um zu überleben, ihresgleichen verzehren, oder um bestimmte Rituale mit dem Ziel, sich durch die Einverleibung eines Opfers dessen Macht und Kraft anzueignen. Bei einigen Kulten wird dabei auch die vollkommene Auslöschung eines Feindes intendiert. Antonia Bird, bekannt für kontrovers diskutierte Filme ("Priest", "Mad Love"), schert sich um solche Überlegungen allerdings nicht. Eine Legende aus dem mexikanisch-amerikanischen Krieg in der Mitte des 19. Jahrhunderts liefert ihr den Vorwand für einen von Blut triefenden Schocker, der dermaßen widerlich und abstoßend ist, dass mit Sicherheit auch kein einziger Zuschauer in der Lage ist, über die Bestie Mensch irgendwelche Überlegungen anzustellen. Man sieht sich Bildern ausgesetzt, denen man nur noch zu entkommen sucht, und tatsächlich verließen schon in der Pressevorführung viele Kollegen fluchtartig das Kino. Ich gebe zu, auch nicht bis ganz zum Schluss durchgehalten zu haben, denn nach meiner Erfahrung dauert es lange, solche Horrorbilder wieder loszuwerden.

So ähnlich geht es auch der Hauptfigur, dem Soldaten John Boyd (Guy Pearce), den die Erinnerungen an seine grausigen Kriegserlebnisse traktieren. Fast tot lag er schon auf einem Stapel von Leichen, deren Blut über seinen Körper troff. Nach mühsamer Rettung wird er nun in der Heimat als Held mit einem Festessen geehrt, doch das blutige Beefsteak auf seinem Teller will ihm nicht so recht schmecken ... Kurz darauf wird er in ein neues Abenteuer geschickt, gegen das sich das erste wie ein Kindergeburtstag ausnimmt. In der eisigen Sierra Nevada kommt es zu einer Begegnung mit einem Wahnsinnigen, der ein Schauermärchen erzählt, wie Boyd zunächst vermutet. Doch wird die Geschichte des Menschenfressers Colqhoun (Robert Carlyle) für ihn und seine Kameraden bald böse Wirklichkeit.

Antonia Bird stapelt einen Schock auf den nächsten; die Bilder überbieten einander in blutigen Details, blitzende Messer, abgetrennte Gliedmaßen, dazu der schier unstillbare Hunger der in einer Höhle eingeschlossenen Männer. Doch sogar solche Gruselszenen werden ihrer Bedeutungsleere wegen allmählich langweilig.In Berlin im Cinemaxx Potsdamer Platz, Royal und in der Kurbel (OV)

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