Kultur : Der ganze Gustav

Jörg Königsdorf

Strauss und Wagner können sie längst aus dem Effeff, doch jetzt schicken sich die Staatskapellen-Musiker an, auch den sinfonischen Olymp zu besteigen. Mit der zyklischen Aufführung aller Gustav-Mahler-Sinfonien will das Orchester bei den Staatsopern-Festtagen (die deshalb in diesem Jahr eigentlich Staatskapellen-Festtage heißen müssten) vom 1. bis 12. April seinen Status als Konzertorchester der Spitzenklasse unter Beweis stellen.

Das ist natürlich schon allein angesichts der starken Berliner Konkurrenz vom Deutschen Symphonie Orchester (DSO) und Philharmonikern eine Herausforderung und deshalb auch besonders gut vorbereitet: Die frisch erschienenen CDs mit den Aufnahmen der Mahler-Sinfonien sieben und neun belegen, dass das Daniel-Barenboim-Orchester sich schon seit einiger Zeit an die Großaufgabe herangearbeitet hat, und bei den ausgedehnten Konzertreisen, die die Staatskapelle traditionell im Januar unternimmt, sind diesmal Mahler-Sinfonien im Reisegepäck.

Auch daheim wird schon mal vorgearbeitet: Beim fünften Sinfoniekonzert der Saison gibt es am Dienstag (20 Uhr, Philharmonie) und Mittwoch (20 Uhr, Konzerthaus) die monumentale dritte Sinfonie. Dirigiert wird der opulente Zweistünder in d-Moll allerdings nicht von Barenboim, sondern von seinem alten Freund Pierre Boulez, der auch bei den Festtagen den Löwenanteil der Konzerte übernehmen wird.

Während Barenboim, ähnlich wie Karajan, erst spät seine Mahler-Skepsis überwunden hat, darf der 81-jährige Boulez als erfahrener Mahlerianer gelten: Schon während seines Studiums im Paris der fünfziger Jahre, so erzählt er, habe er diese damals als exotisch geltende Musik für sich entdeckt. Endgültig Feuer gefangen – wenn man das bei Boulez’ kühl intellektuellem Geist überhaupt so sagen kann – hat er dann ausgerechnet im damaligen Mekka der Neuen Musik, in Darmstadt, und zwar durch den Mahler-Enthusiasten Adorno. Das ist Musikgeschichte, und inzwischen droht eher der Mahler-Overkill: Die „Auferstehungssinfonie“ zu Ostern ist schon fast so selbstverständlich wie Beethovens Neunte zu Neujahr.

Für ein Orchester wie die Berliner Philharmoniker, die jede Mahler-Sinfonie quasi aus dem Stand beherrschen, liegen die Herausforderungen heute anderswo – etwa bei dem Konzert, das sie sich am Mittwoch, Donnerstag und Freitag (20 Uhr) mit dem ungarischen Komponisten-Dirigenten Peter Eötvös vorgenommen haben. Eötvös kombiniert Franz Liszts kaum jemals aufgeführte sinfonische Dichtung „Von der Wiege bis zum Grabe“ in der Philharmonie mit Bela Bartoks „Cantata profana“ und dem knapp halbstündigen „Requiem“ des im vergangenen Jahr verstorbenen György Ligeti. Das ist allemal das mutigste Philharmoniker-Programm der ganzen Spielzeit. Und Mahler dürfen dann ruhig die anderen spielen.

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