Kultur : Der ganze Schmutz, die ganze Seele

Der Schauspieler Ulrich Matthes über den Gefühlsextremisten Heinrich von Kleist – zum 200. Todestag des Dichters

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Herr Matthes, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit Heinrich von Kleist und haben aus seinen Briefen den Monolog „Geschichte einer Seele“ montiert, mit dem Sie auch zum 200. Todestag des Dichters wieder am Deutschen Theater auftreten. Alexander Kluge nennt Kleist einen „der eigenartigsten Dichter, die wir haben, ein Wesen wie von einem anderen Stern“. Kommt er Ihnen auch eigenartig vor?

Von eigener Art, ist er auf jeden Fall. Das Merkwürdige ist, dass er mir manchmal ganz nahe ist, auch wenn es fast anmaßend ist, das zu sagen. Und dann ist er mir wieder ein so rätselhafter, dass ich denke, dass ihm überhaupt keine Theateraufführung gerecht werden kann. Das geht mir mit kaum einem anderen Dramatiker so. Nah fühle ich mich ihm auch im Bedürfnis nach größter Nähe und nach deutlicher Distanz zu anderen Menschen, zwei starke, widersprüchliche Wünsche, die einander in schneller Folge ablösen. Im Laufe meiner mittlerweile 52 Lebensjahre habe ich mich ganz gut mit mit mir und diesen Wünschen nach Nähe und Distanz arrangiert.

Kleist ist das nicht gelungen.

Das kann man wohl sagen. Das gehört zur Tragödie seines Lebens. Aber wenn er nicht so extrem immer wieder seine Lebenspläne und sich selber in Frage gestellt hätte, wenn er in seinen Gefühlen nicht so maßlos und radikal gewesen wäre, hätten wir heute vielleicht nicht seine wunderbaren Werke. Immer wieder versucht er, sein Innenleben mit dem, was außen ist, heute würde man „Gesellschaft“ sagen, in irgendeiner Weise in Kontakt zu bringen. Und scheitert immer wieder.

Erschrecken Sie manchmal vor Kleist und seinen geradezu wollüstigen Gewaltfantasien, etwa in „Penthesilea“ oder „Hermannsschlacht“?

Ja, natürlich. In der Erzählung „Das Erdbeben in Chili“ gönnt Kleist seinen Figuren nach einem schrecklichen Erdbeben einen Moment des reinen Glücks. Sie erleben in Sichtweite der zerstörten Stadt einen utopischen Menschheitszustand wie im Garten Eden, ohne Gewalt, auch ohne Klassenschranken oder das rigide Moral- und Rechtssystem, das die Liebenden vorher ins Unglück gestürzt hat. Dieses Arkadien kippt um in Extremformen von Gewalt. Der Mörder einer jungen Frau wird „ganz mit ihrem Blute besprützt“. Die Leiche eines Kindes liegt „mit aus dem Hirne vorquellendem Mark“ vor dem Vater. Das sind Nahaufnahmen zerstückelter Körper wie in einem Splatter-Film. Man erschrickt beim Lesen darüber, wie Kleist das Idyll und den Gewaltexzess unvermittelt nebeneinander setzt. Das gibt es in der Literatur des 18. Jahrhunderts, so bei keinem anderen Autor. In „Michael Kohlhaas“ hat diese detaillierte Beschreibung von Gewalttaten einen fast journalistischen Stil. Der Kontrast zu den Grausamkeiten, von denen da scheinbar emotionslos berichtet wird, ist extrem.

Er hat sich mit den „Berliner Abendblättern“ ja auch als Journalist versucht und mit reißerischen Berichten von Kriminalfällen eigentlich den Boulevardjournalismus erfunden.

Naja, das war eine tolle Mischung aus „Bild“, „Zeit“ und „Gala“. Und nebenbei hat er den Theaterdirektor Iffland infam beschimpft, weil der seine Stücke nicht spielen wollte. Kleist hatte offenbar ein großes Talent darin, es sich ständig mit allen zu verderben.

Ist Kleist in seinen literarischen Texten ein sadistischer Autor, der Genuss daraus zieht, seine Figuren leiden zu sehen?

Ob er das genießt, weiß ich nicht. Er beschreibt, was Menschen einander antun können. Das hat etwas erschreckendes, aber seltsamerweise hat man nie das Gefühl, dass das nichts mit einem selbst zu tun hat. Gewalt ist etwas den Menschen Innewohnendes. Er sucht in seinen Stücken und Erzählungen Situationen, in denen die Gewalt eskaliert. Was bei Kleist diese obsessive Faszination bewirkt hat, darüber kann man lange spekulieren. Er war 15, als seine Offizierslaufbahn in der preußischen Armee begann. Er machte bei der Belagerung von Mainz Kriegserfahrungen und war todunglücklich in diesem Soldatenleben, aus dem er erst nach Jahren ausbrechen konnte. Beim Schreiben scheint er kaum Kontrolle über seine Gefühle und Fantasien zu haben. Seine Gewaltfantasien, auch seine kindlich ungeschützte Sehnsucht nach Glück und Liebe haben etwas Ungefiltertes. Über „Penthesilea“ sagt er, „der ganze Schmutz zugleich und Glanz meiner Seele“ liege darin.

In diesem monströsen Stück kippen Sexualität und Gewalt derart ineinander, dass eine Frau den Mann, den sie liebt, aufisst.

„Sie hat ihn wirklich aufgegessen, den Achill, vor Liebe“, schreibt er in einem Brief, einige Zeilen nachdem er geschrieben hat, in diesem Stück liege seine ganze Seele. Das ist ein ziemlicher Wahnsinn. Auch der Selbstmord Penthesileas, die sich nach dem Mord an dem Mann, den sie liebt, durch ihren Willen, ihre Gedanken tötet: „Denn jetzt steig ich in meinen Busen nieder ...“ Was für ein Irrsinn. Kein Wunder, dass Goethe auf diesen merkwürdigen Menschen und seine Texte mit Irritation und Abwehr reagierte.

„Mir erregte dieser Dichter, bei dem reinsten Vorsatz einer aufrichtigen Teilnahme, immer Schauder und Abscheu, wie ein von der Natur schon intonierter Körper, der von unheilbarer Krankheit ergriffen wäre“, schreibt Goethe. Das ist präzise.

Da stoßen zwei Dichter aufeinander, die einander nur mit größtem Befremden gegenüber treten können. Wahrscheinlich hat Goethe die Realisierungsmöglichkeiten seiner Theatertexte sehr viel genauer, professioneller reflektiert als Kleist. Ich glaube, Kleist hat geschrieben, geschrieben, geschrieben, und dann einfach gehofft, dass irgendwer es aufführen würde. Kleist schreibt über „Penthesilea“, das sei nicht spielbar und solle auch gar nicht gespielt werden, solange die Schauspieler nur an Figuren von Kotzebue und Iffland, die beiden Starautoren des damaligen Theaters, gewöhnt seien.

Dreht er da die Verletzung in Aggression um, gegen das Theater, das ihn nicht aufführen will? Oder hat er angesichts seiner extremen Texte nicht einfach recht?

Beides, glaube ich. Er betont gern, Ehrgeiz sei das allerletzte, und dann fragt er drei Sätze weiter: Was spricht man denn von mir in Frankfurt. Man muss bei seinen Stücken auch den Mut haben, sich auf eine Radikalität des Gefühls einzulassen und es nicht als Kitsch abzuwehren. Käthchen weiß, dieser Mann ist die Liebe ihres Lebens, weil sie es geträumt hat, Punkt. Ihr Gefühl hat etwas Unbedingtes. Das zu spielen, ist doch toll. Man kann das genderpolitisch diskutieren und die liebende, sich aufopfernde Frau in Frage stellen. Aber trotzdem gibt es doch in uns allen ein Bedürfnis nach dieser Form von Unbedingtheit, wahrscheinlich sogar in den Männern, nicht nur in den Frauen.

„Quälend hypochondrisch, unverträglich mit dem Leben, krankhaft radikal, immer zu pathologischer Stoffwahl, zum Somnambulen, Traumverzückten geneigt ...“, so charakterisiert ihn Thomas Mann.

Der Großbürger Thomas Mann hat sich mit großer Anstrengung vor genau diesen Gefährdungen geschützt. Wenn er so über Kleist spricht, spricht er in der Abwehr auch über seine eigenen Dispositionen. Das Nachtschwarze das wir an Kleist bewundern, hat Thomas Mann, gerade weil er es kannte, sorgsam vermieden – mit großer Disziplin und mit Hilfe seiner Gattin Katia. Hätte es eine Katia oder irgendeinen Karlheinz in Kleists Leben gegeben, wer weiß, vielleicht wäre sein Leben anders verlaufen (lacht). Natürlich war er ein schwieriger Charakter.

Wie wäre Kleist heute?

Wenn er heute leben würde, vielleicht würde er den ganzen Tag am Rosenthaler Platz hinter seinem Laptop sitzen und sich in sämltiche soziale Netzwerke klicken. Jemand, der im Netz mit allen chattet, vereinsamt und unter Erfolglosigkeit leidend, der murmelt und manisch schreibt. Man würde ihn übersehen mit seinem runden Kopf, etwas unattraktiv, und würde vielleicht denken, was für ein Nerd! Man traut sich das kaum zu sagen, aber möglicherweise hatte Goethe ja recht und Kleist war wirklich ein anstrengender Mensch.

Das manische Schreiben bei gleichzeitiger Vereinsamung sieht man in seinen Briefen, in denen er permanent Bilder seiner selbst entwirft, als sei er eine litarische Figur.

Sogar sein Selbstmord hat etwas Inszeniertes. Die Pistolen habe ich gerade in Wien in einer kleinen Kleist-Ausstellung gesehen. Für den Mord an seiner Selbstmord-Begleiterin Henriette hat er sich bei einem berühmten italienischen Büchsenmacher eine elegante, verzierte Pistole gekauft, eine Waffe wie ein Schmuckstück. Für sich selbst hatte er zwei Reisepistolen, falls eine versagt. Das war alles sorgfältig geplant, der Selbstmord als Festakt. In seinen letzten Briefen ist er euphorischster Stimmung. An seine Schwester schreibt er, er wünsche ihr, dass ihr Tod auch nur „halb an Heiterkeit dem meinigen gleicht“. Das ist eine große, gespenstische Inszenierung.

Das Gespräch führte Peter Laudenbach. Ulrich Matthes tritt am Montag mit seiner Szenischen Lesung „Kleist. Geschichte einer Seele“ im Deutschen Theater Berlin auf, 20 Uhr. Karten-Telefon: 030/28 441 225

Ulrich Matthes, 52,

ist einer der profitiersten deutschen Schauspieler, auf

der Bühne und im Film. Seit 2004 gehört er dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin an.

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