Kultur : Der Gebrochene

PETER W. JANSEN

Er war ein Mann mit zwei Gesichtern oder mit zwei komplett unterschiedlichen Epochen in seiner Wandlung vom radikalen Kritiker zum Apologeten der amerikanischen Gesellschaft. Kaum jemand ist wie er durch das politische Fegefeuer seiner Zeit gegangen, überzeugter Kommunist zu Anfang, Renegat und Denunziant später, genialisch illuminierter Debütant und kommerzieller Routinier am Ende seiner Karriere. Anders als Elia Kazan, der sich auch zum Verrat an früheren Freunden hatte hinreissen lassen, hat Edward Dmytryk den Bruch in seinem Charakter nie verwunden.

Geboren am 4. September 1908 als Sohn ukrainischer Immigranten in Kanada, hatte er seine Laufbahn in Hollywood schon als 15jähriger Laufbursche bei der Paramount begonnen, wo er dann die Ochsentour durch die Produktionsstäbe machte, ehe er 1940 als Regisseur anfing. Er wurde zu den schönsten Hoffnungen gezählt, als er 1945 mit "Murder, My Sweet" nach Raymond Chandlers "Farewell, My Lovely" einen meisterlich im Licht- und Schattenspiel inszenierten Krimi vorlegte, den man später zu den Klassikern der Schwarzen Serie zählen würde.

Auch "Crossfire" (Im Kreuzfeuer) von 1947 konnte den Ruhm von Edward Dmytryk nur nähren. Zum erstenmal in Hollywood war er mit diesem Film, in dem in einer amerikanischen Kaserne ein jüdischer Soldat totgeschlagen wird, das Wagnis eingegangen, den latenten Antisemitismus der US-Gesellschaft zu formulieren. Noch im selben Jahr vor den berüchtigten McCarthy-Ausschuss zitiert, entzog er sich einer Haftstrafe durch Emigration nach England, kehrte aber Ende 1950 nach Amerika zurück und wurde, angeblich durch den Koreakrieg "belehrt", unrühmlich bekannt als einziger der "Hollywood Ten", der sich der Kommunistenhatz beugte.

Von seinen Filmen danach konnten nur noch wenige an die frühere Meisterschaft erinnern, einige Western wie "Warlock" und "Alvarez Kelly" etwa und "Die Caine war ihr Schicksal" (1954) mit Humphrey Bogart, sowie der vorletzte Bogart-Film "Die linke Hand Gottes" (1955).

Nur sehr aufmerksamen Beobachtern ist nicht entgangen, von welch innerer Zerrissenheit in diesen Filmen Zeichen gesetzt waren. Der pathologische Frauenmörder in "The Sniper" (bei uns nie gezeigt) verbrennt sich in Selbstkasteiung die eigene Hand, und der Vertreter der Verteidigung in dem "Caine"-Film, Mel Ferrer, erscheint vor Gericht mit einer bandagierten Hand. Sein Flugzeug habe einen Unfall gehabt, erklärt er, und man darf raten, an welche Art von Verletzung der Schwurhand Edward Dmytryk bei dieser Szene gedacht haben mag.

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