Kultur : Der Gegenständliche

Wiederentdeckt: Eugen Schönebeck malt seit 40 Jahren nicht mehr. Nun würdigt die Frankfurter Schirn den Berliner Künstler

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Fast scheint er über sich selbst zu staunen. Sein schmales, gerade 35 Gemälde umfassendes Werk, das in einem einzigen Jahrzehnt bis 1967 entstand, wird nun in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle ausgebreitet. Dazu ebenso viele Zeichnungen, von denen es zum Glück aber noch mehr gibt. Sie entgingen Eugen Schönebecks Zerstörungswut, denn was nicht den höchsten Ansprüchen genügte, hat er kurzerhand vernichtet. Die Berliner Galeristin Silvia Menzel brachte damals vorausschauend einen ganzen Koffer in Sicherheit.

Vier Jahrzehnte später ist der Künstler milder gestimmt. Mit Wehmut blickt er auf die metergroß reproduzierte Fotografie, die im Eingang seiner Werkschau hängt und ihn als jungen Mann vor einem Gemälde zeigt, das es nun nicht mehr gibt. Doch der Querkopf hatte sich ein für allemal entschieden und den Pinsel beiseitegelegt. Viele seiner Kollegen hatten in dieser Zeit mit dem Schritt kokettiert. Nur Schönebeck folgte radikal dem von Jörg Immendorff in einem Bild notierten Appell, das ein großes rotes X durchkreuzt: „Hört auf zu malen!“

Seine Konsequenz sollte ihm nicht zum Verhängnis werden. Bescheiden konnte der Berliner Künstler von den übrigen Werken, die er in den Siebzigern an den Sammler Erich Marx verkaufte, in einer kleinen Kreuzberger Wohnung leben, wo noch heute die Staffelei in der Ecke steht. Die Wucht der damaligen Entscheidung könnte sich sogar als spätes Glück erweisen. Denn der Maler wird gerade wiederentdeckt, mit allen Beigaben des Überraschungseffekts. Zwanzig Jahre nach seiner letzten Ausstellung in der Kestner-Gesellschaft in Hannover stöberte ihn die US-Kuratorin Pamela Kort auf, die als Rudolf-Arnheim-Gastprofessorin an der Humboldt-Universität lehrt und ihn nun mit Ausstellung und Katalog aufs Podest hebt. Der unersättliche Kunstbetrieb ist bei seiner Suche nach neuen Talenten auf ein altes gestoßen. Ein verwegenes Künstlergenie, das mit seiner rasanten Entwicklung und dem abrupten Ende fast schon James-Dean-Qualität besitzt.

Tatsächlich gibt es von Eugen Schönebeck eine Fotografie aus dem Jahr 1962, auf der er wie der Schauspieler posiert: mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Zigarette im Mundwinkel. Neben ihm steht Georg Baselitz, sein Studienfreund, mit dem er 1961 seine erste Ausstellung in einem Abbruchhaus in der West-Berliner Schaperstraße präsentierte. Gekauft wurde nichts. Der Tagesspiegel schrieb eine vernichtende Kritik, die den jungen Absolventen der Kunsthochschule umso mehr darin bestärkte, auf dem eingeschlagenen Weg weiterzugehen.

Der Rest ist Kunstgeschichte, die manchmal eigenartige Volten schlägt. Im gleichen Jahr trennten sich die Wege von Baselitz und Schönebeck, deren einstiger Malerschwur, das 1. und 2. Pandämonische Manifest, heute ein kunsthistorisches Dokument ist. Baselitz wurde mit seiner speziellen Protestnote, die Bilder auf den Kopf zu drehen, international berühmt. Schönebeck suchte allein weiter nach einem malerischen Phänotyp, der politische Haltung und innere Verfasstheit vereint, und geriet nach seinem Rückzug in Vergessenheit. Zu Unrecht, wie die Frankfurter Ausstellung belegt, die unbedingt noch nach Berlin gehört, dorthin, wo alles begann und wo mit dem „Gekreuzigten“ (1964) in der Berlinischen Galerie eines seiner Hauptwerke hängt.

Ein abgeschlossenes Werk: Auch das macht Schönebecks Schaffen zu einer Kostbarkeit. Ablesen lässt sich daran die schrittweise Befreiung eines Talents, dem am Ende die Möglichkeit zur Verwirklichung fehlte. Der Junge aus dem Osten hatte als Dekorationsmaler in Pirna begonnen, durchlief nach dem Wechsel in den Westen die Schule des Tachismus und kehrte schließlich zum Figurativen zurück, zu einer Art geläutertem sozialistischen Realismus. Später sah er für sich keinen Grund mehr weiterzuarbeiten. Für seine heroischen Porträts, die es zur Wandmalerei drängte, gab es im Westen keine Auftraggeber. Zurück in die DDR ging es ebenso wenig.

Schönebecks Geschichte bliebe eine Anekdote der Wechselfälle damaliger Malerei in der Mauerstadt, wäre seine Kunst nicht so singulär. Sie ragt heraus aus dem Streit zwischen Figurativen und Abstrakten, die sich in den Fünfzigern bis aufs Messer befehdeten – legendär der von Karl Hofer und Will Grohmann im Tagesspiegel ausgefochtene Kampf. Schönebeck trägt ihn auf der eigenen Leinwand aus. Zwei Bilder aus der Studienzeit, in denen sich bunte tachistische Farbwirbel knäueln, markieren den Anfang. Doch schon ballen sich die Formen, wie aus Urschleim erdigbraun, terrakottarot, zusammen. 1961, im Jahr des Mauerbaus, entstand „Die Nacht des Malers“. Der Weg zurück war nun versperrt, die künstlerische Herkunft offenbarte sich umso mehr. Das erste reife Bild zeigt einen deformierten Kopf mit Ansätzen von Kinn, Nase und roter Kappe.

Der junge Eugen Schönebeck begeisterte sich damals für Jean Fautrier und Francis Bacon, die mit ihren Bildern ebenfalls auf der Grenze zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit balancierten. Von ihnen übernahm er die morastigen, fleischigen Formen, die jedoch kein abstraktes Leiden beschreiben, sondern das in den letzten Kriegstagen Erlebte aufarbeiten. Als Junge hatte er ausgebombte Höfe, verwüstete Felder, Tierkadaver gesehen. Diese verstörenden Bilder kehren nun in „Toter Mann“, „Der Fänger“, „Gefolterter Mann“ wieder. Auf die Erfolge des Wirtschaftswunderlandes reagierte Schönebeck mit „Gekreuzigten“, die zwar mit größter Delikatesse gemalt sind, aber von der Traumatisierung einer ganzen Generation zeugen. Nur sehen wollte sie damals keiner.

Schönebeck forderte von der Kunst „Moral“, politisch fühlte er sich vom Sozialismus angezogen. Er war fasziniert von Pasternak und Majakowski, die als Künstler agitieren. Ihnen widmet er jene heroischen Porträts, die trotz ihrer Plakativität der Nachdenklichkeit Raum geben. Majakowskis monumentales Bildnis auf rosafarbenem Grund entsteht nach einer Fotografie, die kurz vor dem Selbstmord des Dichters aufgenommen wurde. Auch der triumphierende „Rotarmist“, den er als Vorlage im „Spiegel“ entdeckte, könnte im nächsten Moment selber zum Opfer werden: Neben dem Sieger stapeln sich bereits die Totenschädel.

Am Ende haben diese Helden keine Perspektive. Auch Schönebeck resignierte. Eigentlich hätte er sich noch für Landschaftsmalerei interessiert, sagt er nachdenklich, aber da war es für ihn schon zu spät. Die Wiederkehr seiner Helden von damals nimmt der inzwischen 75-Jährige gelassen. „Das war ein anderer als heute“, erklärt er. Deutet auf dieses Bild, das noch nicht richtig zu Ende gemalt ist, auf jene Passage, bei der etwas fehlt. Ganz ohne Bedauern. Seit jener Zeit hat Schönebeck nie mehr den Pinsel angerührt. „So wie damals könnte ich nicht mehr malen,“ sagt er. Nur den Zeichenblock, den hat er immer dabei, wenn er heute spazieren geht. Als Privatier.

Frankfurt / Main, Schirn-Kunsthalle,bis 15. Mai; Katalog (Hirmer) 26,80 €.

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