Der Geiger Christian Tetzlaff : Im freien Flug

In dieser Saison kann Christian Tetzlaff als Artist in Residence der Berliner Philharmoniker alle Facetten seines Könnens zeigen. Jetzt begeisterte er im Kammermusiksaal mit einem faszinierenden Soloabend.

von
Christian Tetzlaff
Christian TetzlaffFoto: Giorgia Bertazzi

Kamikaze, denkt man vor Konzertbeginn mit Blick auf die Bühne im Kammermusiksaal. Der philharmonische artist-in-residence Christian Tetzlaff spielt einen Abend nur mit Solowerken für Violine, er ist allein von einem Lichtkegel mit scharfen Schatten umgeben. Dass das Publikum bereits nach der ersten Nummer, Bachs zweiter Partita d-moll, in Ovationen ausbricht, ist in diesem Sinne auch dem Mut des Geigers geschuldet und seiner Gelassenheit gegenüber den Aufführungskonventionen.

Für gewöhnlich nämlich wird diese Musik hübsch ordentlich in den Zugabenteil gesteckt, dorthin also, wo die Anspannung genügend nachgelassen hat, um sich dem höchsten aller Violinliteraturgüter zuwenden zu können, den intrikaten, noch immer mit einer eigentümlichen Aura von Sublimation umgebenen Bach’schen Allemanden oder Chaconnen. Und tatsächlich ist auch dies zu spüren, scheinen sich Zuhörerinnen und Zuhörer beim Applaudieren zu gleicher Zeit vor einer Kompositionsart zu verbeugen, die beides ist, stilisierte Tanzmusik zum Hören und vollendete Satzkunst, die selbst über einem immergleichen harmonischen Grund die allerschönsten Tonarchitekturen zu errichten weiß.

Der Gigue an vierter Stelle gibt Tetzlaff großen Atem und weit ausgreifende Bögen, die herrliche Chaconne gewinnt gerade in den Arpeggienzügen so sehr an Fahrt, dass sie sich vom Erdboden abzulösen und ihren Geiger einfach mitzunehmen scheint, in wunderlicher Verkehrung der Tatsache, dass gerade dieser das Phänomen doch erst in Gang gesetzt hat.

Ganz anders und dennoch vollständig verwandt ist Béla Bartóks Sonate für Violine solo von 1944. Bei aller Kraft, sogar Brutalität des Zugriffs – mitunter fürchtet man, als Nächstes werde eine Saite reißen –, bei aller Fingerbrecherei von Trillern oder Pizzicati über gemächlichen Liegetönen spielt Tetzlaff auch diese Musik im positiven Sinne analysierend, genauestens vor Augen und Ohren führend wie sie gestaltet ist, besonders anschaulich in der Fuge, deren kantige Anfangsterz zum Schluss des Satzes zitiert wird: ein heiter- strenger Gruß aus einer Komponistenwerkstatt des 20. Jahrhunderts, die die musikalischen Strategien des frühen 18. Jahrhunderts im Wortsinne verinnerlicht hat.

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