Kultur : Der Geist von Mitte

Die Fotogalerie C/O Berlin feiert ihren 10. Geburtstag – und muss das Postfuhramt verlassen

Annabelle Seubert

Ein Kind von Mitte war sie, von Anfang an. Sichtbar, progressiv, am Puls der Zeit. Voller Leidenschaft, Temperament oder, wie es die drei Gründer von C/O Berlin nennen, „idealisiertem Wahnsinn“. Ein seltsam behafteter Begriff in diesem Zusammenhang, er steht leer im Raum, dockt nirgends an. Im Moment sehen Fotograf Stephan Erfurt, Designer Marc Naroska und Architekt Ingo Pott einfach nur müde aus, als sei jede Begeisterung aus ihnen rausgerutscht. „Wir haben einen dreiwöchigen Verhandlungsmarathon hinter uns“, sagen sie bei der Pressekonferenz, auf der sie verkünden, dass ihr Traum vor eine weitere Hürde gestellt wird.

Die wohl wichtigste Fotogalerie Berlins, die zuletzt mit Ausstellungen zu Isabelle Huppert, Bettina Rheims und Annie Leibovitz für rekordverdächtig lange Besucherschlangen gesorgt hat, muss nach fünf Jahren im Postfuhramt ihren ruinöscharmanten Standort verlassen. Am Freitag hat Stephan Erfurt die Räumungsunterwerfungserklärung unterschrieben, mit der er zusichert, das Gebäude am 1. April 2011 leer zu übergeben. Gespräche mit dem neuen Investor, der Elad- Gruppe in Tel Aviv, waren zuvor ergebnislos verlaufen. Die erhoffte Frist, um das dicht gestrickte Ausstellungsprogramm des nächsten Jahres noch durchzuziehen und parallel in Ruhe einen neuen Ort zu suchen, bleibt verwehrt. „Wir bräuchten mindestens zwölf Monate“, sagt Stephan Erfurt. Nun fällt der Auszug mitten in die avisierte Mapplethorpe-Retrospektive.

Viel Ärger, wo doch gerade eigentlich Feiern angesagt wäre. In dieser Woche begeht C/O Berlin sein zehnjähriges Jubiläum, endlich kann man auch schwarze Zahlen schreiben. Schon bei der ersten Schau, im Sommer 2000, zeigte man Werke von Magnum, der renommiertesten Fotoagentur der Welt. Trotzdem dauerte es, bis die Besucherzahl von 30 000 im ersten Jahr auf 180 000 im vergangenen Jahr anwuchs. Zwischendurch wurde einmal in die Linienstraße umgezogen und dann wieder zur backsteinernen Heimat in die Oranienburger Straße zurückgefunden, ein Wettbewerb für junge Talente eingerichtet, ein Kinderprogramm organisiert. Größen wie Daniel Libeskind und Jeff Wall haben hier Vorträge gehalten. Die Annie-Leibovitz-Retrospektive hat einen regelrechten Kultur-Hype ausgelöst. Allein am Eröffnungsabend wollten über 4000 Menschen Johnny Depp auf der nackten Kate Moss sehen.

C/O hat etwas geschafft, das wenigen der unzähligen Kunstinstitutionen der Hauptstadt gelingt. Es hat Kunst zugänglich gemacht. Auf eine erfrischende, gelöste Art. Das Team ist jung, das Publikum gemischt, und wer einmal durch die Gänge im Postfuhramt spaziert ist, den Kontrast zwischen abblätterndem Putz und moderner Fotografie gespürt hat, weiß, was Stephan Erfurt meint, wenn er sagt: „Wir haben nicht nur Bilder nach Berlin geholt, wir haben auch Bilder in die Herzen und Köpfe der Berliner geprägt.“ Nan Goldin, die Amerikanerin mit den Fotos über Sex, Drogen und Punkrock, hätte sich keinen besseren Ort für ihre Show im letzten Herbst aussuchen können.

Zugegeben, das Gebäude hat Macken. Als „Oldtimer“ bezeichnen es die Initiatoren: „Wunderschön, aber pflegeintensiv und teuer im Betrieb.“ Trotzdem hatte niemand damit gerechnet, dass der israelische Investor Adi Keizman, dem die Deutsche Post das Haus für 13,5 Millionen Euro überließ, einen Abnehmer suchte. Nun plant die Elad-Gruppe im Hof ein Hotel, dazu ein Shopping-Center, erzählt Stephan Erfurt. Die Garagen, in denen auch die Berlin Biennale stationierte, sollen schon im Herbst abgerissen werden. Am 31. März 2011 gehen an der Oranienburger Straße die Lichter aus.

Kein Wunder also, dass die Stimmung bei C/O getrübt ist, obwohl die Vorbereitungen zur großen Magnum-Ausstellung voll im Gange sind. Mit ihr soll sich der Kreis schließen, an die Anfänge erinnert, der Erfolg genossen werden. C/O wäre nicht C/O, würde es hierfür nicht die hochkarätigsten aller Fotojournalisten auspacken. Da wären Robert Capa, George Rodger, Henri Cartier-Bresson und David Seymour, um die Klassiker und MagnumHauptgründer herauszustellen, deren Schwarz-Weiß-Fotografien im Erdgeschoss in die wirklich brillante Sammlung „Magnum. Shifting Media. New Role of Photography“ einführen.

Es fällt schwer, Höhepunkte aufzuführen, übertrumpfen sich die legendären Aufnahmen doch gegenseitig. Vielleicht Rodgers Foto eines kleinen Jungen, der seinen Stahlhelm im Zweiten Weltkrieg nicht bloß mit einem Lächeln, sondern auch mit einer Selbstverständlichkeit trägt, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt? Oder des anderen Jungen, der unbeschwert an den Leichenbergen des KZ Bergen-Belsen vorbeiläuft? Spannend zu verfolgen, wie sich die vier Erfinder des Copyright in ihrer Arbeitsweise unterschieden. Capa konnte nicht nah genug dran sein, Cartier-Bresson wartete lieber auf den richtigen Moment. Um dann etwa zwei Herren abzulichten, die im Gleichschritt ihre Kinderwagen vor sich herschieben und ihre Nasen in die exakt gleich gefaltete Zeitung vertiefen.

Solchem Können stehen die „Youngsters“ im oberen Stockwerk in nichts nach. Mit Videoinstallationen, Montagen und Filmprojektionen machen sie klar, wie drastisch sich Anwendung und Aufgabe der Fotografie in den letzten 60 Jahren verändert haben. „Diese Arbeiten haben zwar einen politischen Hintergrund“, meint Kurator Felix Hoffmann. „Aber man merkt: Viele davon sind für die Wand gemacht.“ So auch die großformatigen Alltagssituationen von Trent Parke, die mit ihren starken Farben und dem grellen Licht wie eine Theaterbühne wirken und mit ihren Durchschnittsmotels der Melancholie eines Edward Hopper nahekommen. Donovan Wylie, der sich ein geschlossenes Gefängnis in Irland zum Thema gemacht hat, erinnert in seiner Sachlichkeit an Bernd und Hilla Becher. Der Blick bleibt an Wachtürmen, Zellen und Stacheldraht kleben; Häftlinge suchend, die nicht auftauchen. Bis man beschämt feststellt, in der Trostlosigkeit und wiederkehrenden Gleichheit so etwas wie Schönes zu entdecken.

So sind auch die Bilder der MagnumSprösslinge politische und gesellschaftliche Dokumente. Sie sind nachdenklicher, weniger plakativ geworden. Paradoxerweise wirkt das manchmal, als träten die zeitgenössischen Fotografen einen Schritt zurück, bevor sie auf den Auslöser drücken. Vielleicht liegt das daran, dass sie heute reflektiert und innovativ zugleich sein müssen, um den Wettlauf mit der Technik zu gewinnen. Um Fragen beantworten zu können, wie sie Kurator Hoffmann an die Zukunft stellt: „Haben wir irgendwann gar keine Fotografien mehr hier hängen, sondern riesige Flatscreens?“ Diskutiert wird all das diese Woche im Rahmen der „Photography Days“. Das C/O feiert sich also doch ein bisschen, während nach einer anderen, 2500 Quadratmeter großen Ausstellungsfläche gesucht wird. Natürlich in Mitte. Immer neu, immer ein Stück voraus.

Magnum. Shifting Media. C/O Berlin, International Forum For Visual Dialogues, Oranienburger Straße 35/36, 16. 7. bis 19. 9., tgl. 11 - 20 Uhr. Weitere Informationen: www.co-berlin.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben