Kultur : Der Geist von Verona

Heute treffen sich Schröder und Berlusconi in der Opern-Arena. Schon Goethe beschwor den Genius loci

Christoph Stölzl

Vorfreude und Vorurteil, Verzauberung, Überraschung, Verleugnung und Enttäuschung – schon beim frühesten der prominenten südwärts reisenden Deutschen sind alle Leitmotive da. Ist eine italienische Reise ein einziges Abenteuer? Jedenfalls für den, der den Sinn dafür hat und Augen und Ohren aufmacht. Es sei „ganz unspektakulär, was da stattfindet“, wiegelte Gerhard Schröder vor seinem Besuch in Verona ab, wo er heute Abend zusammen mit Romano Prodi die „Carmen“ sehen will, Silvio Berlusconi wiederum kommt auf Einladung des Veroneser Bürgermeisters. Tags darauf frühstückt der Kanzler mit Berlusconi, und am Samstagabend will Schröder wieder in Deutschland sein, in einem anderen Stadion – zur Feier von 40 Jahren Bundesliga und dem Spiel Köln gegen Dortmund.

Vorfreude und Überraschung: Früh um fünf, am 6. September 1786 reist Johann Wolfgang von Goethe mit der Postkutsche von München ab nach Italien. Was lässt man nicht alles rechts und links liegen, wenn man seiner Sehnsucht nach dem klassischen Süden nachgibt, das geht ihm durch den Kopf.

Zwischen Kochelsee und Walchensee zaubert ihm die Vorfreude ein „artiges Abenteuer“ hin. Eine elfjährige Harfenistin, altklug, selbstbewusst, mit schönen braunen Augen und rundum hübsch, fährt per Anhalter ein paar Meilen mit und verabredet sich mit dem Dichter, der alles verspricht, wohl wissend, dass er’s nicht halten werde.

Am 16. September ist er in Verona. Entschlossen, das Bedeutende des Augenblicks der ersten Begegnung mit der antiken Welt mit allen Sinnen festzuhalten, geht er sofort zur Arena. Bei Sonnenuntergang schreitet er, ganz allein, auf der oberen Kante des amphitheatralischen Kraters und es erscheint ihm seltsam, „etwas Großes und doch eigentlich nichts“ zu sehen. Es ist die Funktionslosigkeit, denn „es will nicht leer gesehen sein, sondern ganz voll von Menschen“. Nur in der Antike tat es seine ganze Wirkung, „da das Volk noch mehr Volk war, als es jetzt ist“. Drei Jahre vor der französischen Revolution mit ihrer Entfesselung „souveräner“, taten- und schaulustiger städtischer Massen eine merkwürdige, ungenau ahnungsvolle Bemerkung. Sie kommt von einem aristokratischen Politiker, der das Volk bisher nur in der demütigen, verschämten und gezähmten Fassung des ancien régime kennen gelernt hat.

Eine Vorahnung von Revolution

Goethes Tagtraum: „Denn eigentlich ist so ein Amphitheater recht gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum besten zu haben.“ Der Weimarer balanciert da oben hoch über Verona, schaut den winzig gewordenen Menschen auf der Piazza Bra zu, und sein seismographischer Instinkt fantasiert sich in eine Vergangenheit hinein, die in Wahrheit ein Zukunftsbild ist: vom Volk, das nicht mehr das unmündige, bewusstlose Objekt patriarchalischer Fürsorge ist, sondern entfesseltes Subjekt. Das Wort Demokratie fällt nicht, aber man liest es zwischen den Zeilen: „Wenn es sich so beisammen sah, musste es über sich selbst erstaunen; denn da es sonst nur gewohnt, sich durcheinander laufen zu sehen, sich in einem Gewühle ohne Ordnung und sonderliche Zucht zu finden, so sieht das vielköpfige, vielsinnige, schwankende, hin und her rennende Tier sich zu einem edlen Körper vereinigt, zu einer Einheit bestimmt, in eine Masse verbunden und befestigt, als eine Gestalt, von einem Geiste belebt.“

Und dann kehrt Goethe, ernüchtert, zurück zur Gegenwart 1786: „Jetzt, wo man es leer sieht, hat man keinen Maßstab, man weiß nicht, ob es groß oder klein ist.“ Das Volk, ein überraschendes Wesen. Der Dichter schlendert durch Verona, es ist heiß in der Nacht, seine positiven Vorurteile werden bestätigt: „Übrigens schreien, schäkern und singen sie den ganzen Tag, werfen und balgen sich, jauchzen und lachen unaufhörlich.“ Aber auch seine bösen Ahnungen finden sich wieder. Halb schockiert, halb amüsiert notiert er, Weimarer Sprachdezenz übend, dass Vorhöfe und Säulengänge alle mit „Unrat“ besudelt sind: „Es geht ganz natürlich zu, und das ist, worüber der Fremde durch ganz Italien Beschwerde führt.“

175 Jahre später bin ich von München an den Gardasee getrampt, die Vorfreude und die Vorurteile nicht so verschieden von denen des Olympiers von damals. Noch wand sich die Straße die gleichen Serpentinen durchs Gebirge wie zu Goethes Zeiten. Das Volk, oder jedenfalls seine selbstbewusste, urlaubs- und sonnenhungrige deutsche Gestalt, lagerte am Campingplatz Lazise in bunten Zelten, hielt militärische Ordnung an Duschen und sanitären „Bequemlichkeiten“. Aus bastumwundenen Flaschen, die es nur noch zur Dekoration von Pizzerien gibt, floss der billige Wein in die Kehlen der Menschen von jenseits der Alpen.

Das Nationale als Schnörkel

Am 13. August, oder war es doch der 14.?, brach eine Flut von „Bild-Zeitungen“ in die Idylle ein. In Berlin wurde die Mauer gebaut. Ich versuche mich zu erinnern, ob das die Stimmung verändert hat, und finde nichts Greifbares. Der Gardasee war die Domäne der Süddeutschen: Ihre Ferien der nationalen Tragödie zu opfern, was hätte es gebracht? Einmal trampten wir nach Verona und kauften uns die billigsten Plätze für die Arena. Ganz oben, dort wo Goethe einsam herumgestreift war, saß ich eingeklemmt zwischen italienischen Familienclans und dachte über die Veränderung der anthropologischen Normen seit der Antike nach. Wie konnten die Römer auf diesen winzigen Stufen den Gladiatorenspielen zugeschaut haben, ohne von klaustrophobischen Ängsten verzehrt zu werden? Die Nacht war glühheiß, der Mond ging auf, „Carmen“ wurde gegeben. Es ritten echte Reiter auf echten Pferden auf die Bühne, die Zigarrenarbeiterinnen sangen (auf italienisch, aber das Programmheft war zweisprachig) vom Rauch, der die sanfte Sprache der Liebenden sei.

Carmen sang, was man als 17-Jähriger für selbstverständlich hält, vom ungebundenen Leben, vom Universum, das die Heimat ist und vor allem von der berauschendsten Sache: Die Freiheit! Die Freiheit! An den grässlichen Gegensatz von Freiheitsgesang und Eingeklemmtsein erinnere ich mich noch heute. Die italienischen Opernfans riefen nach jeder Arie: Bis, bis (noch mal!!). Und wirklich wurde fast alles wiederholt. In die Arien hinein schepperte der Klang stürzender Tabletts mit Wasserflaschen. Nachts um drei war ich wieder in meinem Zelt. In Opern wollte ich danach lange nicht mehr gehen, und in die Arena schon gar nicht.

Aber die Zeit vergoldet jede Erinnerung. Vor zwei Wochen saß ich in Verona zum zweiten Mal im „Krater“ (Goethe), diesmal, aus Erfahrung gewitzt auf einem Parkettplatz. Der Mond ging auf, Verdis „Nabucco“ entrollte sich, blutrünstig, in überdeutlichen Stummfilmkulissen und -gebärden. Das Risorgimento-Stück, in dem die idealistischen Italiener durch die Juden und die österreichischen „Besatzer“ durch die Babylonier repräsentiert werden, hat heute alle nationale Bitterkeit zwischen Süd und Nord verloren.

Rätselhaft, warum Gerhard Schröder kundgetan hat, er sei froh, „Carmen“ und nicht den „Nabucco“ sehen zu dürfen, weil er dadurch den Gefangenenchor vermeide. Bei der Uraufführung 1842 in der Mailänder Scala hatten die österreichischen Offiziere noch unter Protest das Haus verlassen, als die schmissigen Verdi-Chöre alle Fremdlinge aus dem Vaterland hinausfluchten. Diesmal war das Nationale ein burlesker Schnörkel.

Als das Publikum mit bis, bis! den Gefangenenchor ein zweites Mal verlangte, rief der Dirigent, verärgert über das Zuklatschen des feierlichen Moments: Per favore: Non applaudire fino al fine! Der Chor erklingt, die Menge schweigt. Und in den wunderbaren Moment hinein kräht eine Stimme, die ganze Arena füllend und unzweifelhaft zwischen Stuttgart und Reutlingen daheim: Bravo, bravissimo, Maestro! Unsere Klischees lassen wir uns von keinem nehmen – schon gar nicht in Italien.

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