Kultur : Der Geist Weimars

HERMANN RUDOLPH

Daß Weimar mit Christi Geburtsort Bethlehem zu vergleichen sei, wie Goethe reimte - "O Weimar! dir fiel ein besonderes Loos!/ Wie Bethlehem in Juda, klein und groß" -, gehört gewiß nicht zu den großen Einfällen des Dichters.Der Vers ist auch nicht sehr gewichtig - er entstammt einem Gelegenheitsgedicht, das einem Tischlermeister gewidmet war.Wie besonders das Los ist, das Weimar für das nächste Jahr zugefallen ist, kann offen bleiben, jedenfalls ist es profaner und hat durchaus etwas von einer Lotterie, nämlich einem Gewinn bei der Auswahl der europäischen Kulturstädte.Als eine solche wird Weimar im nächsten Jahr figurieren.Was kann es bringen? Eine Ehrenbezeugung für ein Kulturbewußtsein, von dem keiner mehr so richtig weiß, inwiefern es noch da ist? Ein Anlaß für die Inszenierungen der Kultur(macher)industrie? Oder hat die kleine thüringische Stadt mit der großen Vergangenheit doch noch die Kraft, an den Grund zu rühren, auf dem die deutsche Kultur und Geschichte steht, Spannungen zu zünden, zu einen oder zu entzweien?

Man wolle in diesem Jahr diese "stadtgewordene Literaturgeschichte neu lieben lernen", hat, immerhin, Michael Naumann, der designierte Kultur-Staatsminister, eben im Bundestag versichert.In welchem Maße Weimar noch immer ein Ort ist, an dem Deutsches exemplarisch wird, kann man schon jetzt lernen, dank zweier Bücher, die der Kulturstadt sozusagen vorauseilen - eine Weimar-Geschichte des Publizisten Peter Merseburger ("Mythos Weimar.Zwischen Geist und Macht", Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 430 Seiten, 48 DM) und ein langer Essay des Literaturkritikers Thomas Steinfeld ("Weimar", mit Fotografien von Barbara Klemm, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 228 Seiten, 48 DM).Sie rufen ins Gedächtnis, was für eine abenteuerliche Verknotung deutscher Geistes- und Kulturgeschichte sich mit diesem Orte verbindet.Aber sie demonstrieren auch Weimars nach wie vor bestehende Problematisierungskraft, weil man beide Bücher eigentlich nicht vergleichen kann, sie aber vergleichen muß.Denn in beiden Sichtweisen, die sie bieten, spiegelt sich auch etwas von der gewaltigen Spannweite, für die Weimar steht.

Weimar: das ist ja nicht nur der deutsche Parnaß, wie er, besetzt mit den Klassikern, ein Hauptstück der deutschen Bildungswelt bildete.Zur Biographie der Stadt gehört nach dieser, in der lokalen Geschichte "golden" genannten Ära eine "silberne" in der Mitte des 19.Jahrhunderts, in der Weimar - mit Franz Liszt als der interessantesten Figur - einen eigenen Beitrag zur Kulturgeschichte darstellt.Dann die Jahrhundertwende, als der Mäzen und Kulturpolitiker Harry Graf Keßler und der Architekt Henry van de Velde in der kleinen Residenzstadt ihr Wesen treiben.Aber auch im Dritten Reich spielt Weimar eine Rolle, nicht nur wegen der Errichtung von Buchenwald auf dem klassisch geweihten Gelände des Ettersbergs.Schließlich hat auch der zweite deutsche Totalitarismus nach dem Ruhm der Stadt gegriffen.

Es ist in der Tat frappierend, wie die erstaunliche Geschichte, die eine kleine Stadt in ein paar Dezennien zur geistigen Herzkammer der deutschen Kultur werden läßt, über bald zwei Jahrhunderte fortwirkt, um kaleidoskopartig neue Bedeutungen und Gegenbedeutungen, Glanz und Abstürze hervorzubringen.Nicht nur das "Binom Buchenwald-Weimar", von dem der Buchenwald-Häftling Jorge Semprun gesprochen hat, steht für diese Zwiegesichtigkeit von Weimar.Dem Frühjahrswind, der um die Jahrhundertwende in Weimar weht, steht auf der anderen Seite die Gegenbewegung des Heimat-Kunst-Architekten Schulze-Naumburg, des völkischen Literaten Bartels entgegen - Nietzsche als exzentrischer Verbindungspunkt; von einer "Gegenmoderne" spricht Thomas Steinfeld zu Recht.Weimar ist damals durchaus die Probebühne, auf der das Ringen um "kulturelle Hegemonie"(Merseburger) tobt.

Es gibt Merseburgers Buch die entscheidende Zuspitzung, daß sein Ehrgeiz über die breit angelegte Kulturgeschichte hinausgeht, deren historiographischer Eifer und erzählerisches Temperament rückhaltloses Lob verdienten.Er gilt der Wiederaufnahme eines alten Prozesses: er handelt von der Zwiespältigkeit des deutschen Geistes in seinem Unverhältnis zur Politik und seiner Verführbarkeit durch Macht und Mythen.Es ist ein altes Lied, mit dem sich schon viele abgemüht haben, und Merseburger wendet es beherzt auf Weimar.Die Stadt ist ihm der Ort, an dem, exemplarisch, der deutsche Geist wehte und sich verirrte.

Der brisanteste Teil seines Buches könnte deshalb auch "Ein Kampf um Weimar" heißen, wobei der Name ebenso die Idee wie den Schauplatz der Auseinandersetzung meint.Das reicht, hoch symbolisch, bis zu der Nationalversammlung der ersten Republik, die eher zufällig nach Weimar geriet, aber sogleich den "Geist von Weimar" als Staatsdoktrin beschwor und der Republik den Namen gab.Je mehr dieser Kampf ins Magnetfeld der großen Schismen des Jahrhunderts gerät, desto rabiater werden die Polarisierungen, die er gebiert.Die geistes- und kulturpolitischen Vorspiele um die Jahrhundertwende schlagen im erhitzten Klima der zwanziger Jahre um in politische Extreme.Merseburger befördert einen Kulturminister der thüringischen Links-Regierung 1921/23 ans Licht, der im revolutionären Überschwang in dem erzprotestantischen Land Bußtag und Reformationsfest als Feiertage durch 1.Mai und 9.November - für die November-Revolution - ersetzen wollte.Aber die Drift nach rechts ist stärker.In den späten zwanziger Jahren wird die Stadt, wie Merseburger schreibt, ein "nationalsozialistisches Experimentier- und Paradefeld".1928 tritt der erste nationalsozialistische Minister in eine Landesregierung ein.

Es muß betroffen machen, wie gerade Weimar sich als fruchtbarer Boden für das nationalistisch-völkische Unwesen erweist und wie das klassische Erbe hineingerührt wird in die trübe Suppe von Ressentiments und Aggressionen, die in der deutschen Provinz köchelt - Goethe, zum Beispiel, als "Erzieher zu Volkstum, Führertum und Nation".Man könne Goethe nicht gelesen haben, um so über ihn zu reden, urteilt konsterniert Thomas Steinfeld.Dabei besteht das Verhängnis darin, daß man ihn gelesen hatte und gleichwohl so sprach."Weimar ist ja eine Zentrale des Hitlertums", berichtet Thomas Mann im Goethejahr 1932, eher amüsiert, der "Typus des jungen Mannes, der unbestimmt entschlossen durch die Stadt schritt und sich mit dem römischen Gruß begrüßte, beherrscht die Stadt".

Nicht viel besser geht es Weimar im Einzugsgebiet der zweiten deutschen Diktatur.Zumal im Goethejahr 1949 werden Goethe und die Stadt unnachsichtig in Stellung gebracht - gegen den kosmopolitischen Westen, für die neue Gesellschaft, die sich als Verwirklichung der Klassik anpreist.Vielleicht kann man sagen, daß Weimar in diesem Jahr gleichsam das kulturelle Seitenstück zu den Zerreißproben von Luftbrücke und Parlamentarischem Rat bietet, und es trifft wohl zu, daß diese Goethe-Feiern im Sommer 1949 eine Art symbolischer Auftakt für die DDR-Gründung im Oktober sind.Diese Weimar-Indienstnahme ist im übrigen nur der Anfang einer Erbe-Politik, die Weimar einzupassen versucht in die DDR-Politik und die - bei aller Mühe im Umgang mit Archiven und Gebäuden - der Geschichte der Ideologisierung Weimars ein neues Kapitel hinzufügte.Derweil edieren zwei Italiener im Nietzsche-Archiv die Werkausgabe des Philosophen, von dem keine Zeile in der DDR erhältlich ist, weil diese ihn zur Unperson gestempelt hatte.

Aber Merseburger nimmt für diese Leidensgeschichte des Geistes von Weimar nicht nur die Epigonen-Epochen in Anspruch.Im Grund genommen werde bereits in der Klassik selbst "jener verhängnisvolle Topos für das deutsche Bildungsbürgertum begründet, nach dem Dichter und Künstler Bürger einer anderen, einer hoch über den Niederungen der Politik angesiedelten Welt sind".Wer wolle, mag dort bereits die Anfänge der Unheils-, der unpolitischen Geschichte des deutschen Geistes finden.Dafür muß man freilich Ernst Bloch und Wolfgang Harich als Zeugen in Kauf nehmen, zwei notorisch unzuverlässige Gewährsmänner, die mit ihrem Sozialismus-Glauben der Verdrehung der deutschen Geistesgeschichte kräftig Vorschub geleistet haben.Doch Merseburger gräbt noch tiefer.Im Weimar der sächsischen Fürsten, die Luther schützten, findet er die "Geburtstätte" der Ehe von Thron und Altar, also jener politikflüchtigen "Obrigkeitsfrömmigkeit", die ihm als die eigentliche Wurzel des deutschen Übels erscheint.Da gerät er dann in die Nähe jener Geschichtsschreibung nach dem Von-Luther-bis-Hitler-Muster.Er lädt Weimar etwas auf, das es nicht auch noch tragen kann.

Alle die Gründe und Abgründe, die Weimar zum "zwiespältigen deutschen Schicksalsort" machen, spart Steinfeld nicht aus.Es ist die Arbeit eines Literaturkritikers, wie Merseburgers Buch das eines politischen Publizisten ist, und sie ist schon von daher anders angelegt: mehr dem Eindruck hingegeben, interpretierend, bildungsbürgerlicher.Steinfeld umrundet immer wieder, ausgesprochen oder nicht, das Geheimnisvolle des Ortes selbst, seiner Hauptfiguren, vor allem natürlich Goethe, die "sonderbar vage, diffuse Mitte", die er ursprünglich im Weimarer Treiben war und mit Bedeutung füllte.Von hier ging eben doch der Bildungsimpuls aus, der der deutschen Kultur Glanz verlieh, nach innen wie nach außen, und der trotz aller Entgleisungen seine Wirkungen tat.Es war Weimar, wo um die Jahrhundertwende die neue Kulturpolitik, ein neuer Stil und das Bauhaus ihre erste Gestalt gewannen.Und weshalb war Weimar auch zu DDR-Zeiten - allem philiströsen sozialistischen Klassizismus und Ulbrichts grotesker Vision von "Faust" als dem Nationalepos der DDR zum Trotz - ein bißchen ex-territorial, mit einer gesamtdeutsch bleibenden Goethe-Gesellschaft?

Mythos Weimar: Merseburger entzaubert ihn, Steinfeld nimmt ihn beim Wort.Liegt es daran, daß Merseburger zu der Generation gehört, deren Väter noch den "Faust" im Tornister hatten und für die die Folgen der Fehlgänge des deutschen Geistes ein Lebensthema bleiben, Steinfeld aber schon jenseits dieser deutschen Bruch- und Gefahrenzone schreibt? Man denke sich eine Blickweise, in der beides, Weimars Zwiespältigkeit und seine wundersame Wirkung, aufgefangen wären.Kann man das? Darf man das? "Hinter allem historischen Mißbrauch leuchtet doch die Wahrheit auf", war dank Michael Naumann im Bundestag über Weimar zu hören, "daß in diesem Städtchen die schönste deutsche Prosa, die leichteste Lyrik entstand."

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