Kultur : Der Gen-Test ist bezaubernd schön

Salzburg: Riccardo Muti und Graham Vick verlegen Mozarts „Zauberflöte“ in eine Fantasy-Welt

Sybill Mahlke

Maestro Riccardo Muti ist Salzburg wiedergegeben. Nach zehnjähriger Abstinenz kehrt er an das Opernpult der Festspiele zurück, um als „Vorleistung“ für das Mozartjahr 2006 „Die Zauberflöte“ zu dirigieren. Die Wiener Philharmoniker sind ganz aus dem Häuschen vor Freude und entfalten alle ihre edlen Zaubertöne, weil sie in Muti einen ihrer Lieblingsdirigenten sehen. Dem Schwierigen verbietet die eigene Vorstellungskraft, dass Regietheater und historisierende Aufführungspraxis seinem zwingenden Ausdruckswillen in die Quere kommen. Ein Konservativer also, aber seine „Zauberflöte“ sprüht vor Vitalität.

Die Adagio-Akkorde der Ouvertüre prägen den romantischen Mischklang, der bei Muti und seinen Wiener Philharmonikern niemals zu schwammiger Fülle neigt. Und wenn das fugierende Allegro einsetzt, herrscht kein hastiges falsches Brio, sondern musikalisches Fließen, ein Pulsieren, bei dem die vielen kleinen Noten, gebunden oder gestoßen, akzentuiert und geformt werden. Die Tempi sind Ausdrucksträger, so dass ein Stück wie das Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ auf das lieblichschönste ausgebreitet wird.

Bezwingend, die Opernerfahrung des Dirigenten zu erleben, die sich wesentlich seiner 19-jährigen Chefzeit an der Mailänder Scala verdankt. Diese Souveränität spürt Schwankungen zwischen Bühne und Orchester voraus, noch ehe sie passieren, um sie listig und trickreich mit einem Handschlag auszugleichen. Die musikalische Intensität – im ersten Akt vielleicht noch der im zweiten überlegen – nimmt dabei keinen Schaden. Gewiss: Mutis Autorität erfordert und fördert ein gewisses Rampensingen.

Regisseur Graham Vick hat damit kein Problem. Und so blicken die drei Damen der Königin lieber auf den Dirigenten als auf den Jüngling, dessen Schönheit sie besingen. Im Übrigen aber entledigt sich Vick dieser dirigentischen Forderung mit Diskretion. Wer sich gefragt haben sollte, ob der Brite, der mit vielen Verrissen seiner Arbeit auf dem Festland gleichwohl gut lebt, der Richtige für die Salzburger „Zauberflöte“ ist, wird hier angenehm überrascht. Peter Ruzickas Wahl ist aufgegangen, der Festspielleiter darf zufrieden sein.

Zunächst ein Schreck: Tamino, ein junger Mann von heute, der wahrscheinlich noch zu Hause bei den Eltern wohnt, hütet in seinem Zimmer das Bett, wo ihn eine realistische, dünne Schlange heimsucht. Schon schlüpfen drei Frauen durch die Wände, und ihre Kleider tragen das Muster der Tapete (Bühne und Kostüme: Paul Brown). Sie bringen ein Poster mit dem Foto Paminas mit. Kaum hat Tamino das Papier an der Brust zerknüllt, entdeckt er unter seiner weißen Bettdecke eine weitere schöne Frau: die Königin der Nacht. Das intime Versteck steht in absurdem Gegensatz zu dem berühmten musikalischen Maestoso, das einen grandiosen Auftritt der nächtlichen Königin zum Thema hat. Aber wir sind mit der Handlung in eine Fantasy-Welt eingedrungen, in der sich das Plausible mit dem Geisterwesen mischt.

Vick inszeniert mit leichter Hand. Märchen und Magie, Utopie und eine Grausamkeit, die leider alltäglich ist, haben ihren Platz in dieser „Zauberflöte“. Schikaneders Texte sind stark gekürzt, übliche Streichungen dagegen aufgemacht, wo die Regie Zeichen setzen will. Da hat der Dramaturg Derek Weber seine Hand mit im Spiel. Dass Monostatos, der Mohr, zum Diktator der Unterschicht degeneriert und wirklich gefährlich ist, belegen seine Sklaven im Gespräch über die entführte Pamina: „So was sehen zu müssen, ist Höllenmarter.“

Anstelle der herbeigeflöteten Löwen, die ihre Schuldigkeit auf dem Theater getan haben, treten seltsam zuckende Missbildungen auf, halb Flügeltier, halb Mensch: In Sarastros Reich sind offenbar ein paar genetische Experimente fehlgeschlagen. Geforscht wird dort viel. Dichter, Denker, Archäologen und Gärtner sind am Werk, abendländisches Bildungsgut türmt sich. Aber die ganze Gesellschaft ist schlimm überaltert, sie geht am Stock, und so kann nicht ausbleiben, dass sich dem heutigen Zuschauer angesichts der Bühnengreise eine schlimme Vision unserer realen Rentnerschicksale aufdrängt. Für die drei Damen ist es nicht schwer, sich als Undercover unter die Alten zu mischen, wie überhaupt die Personenführung Graham Vicks manche Überraschung birgt. Mit Befehl des Priesters empfangen Tamino und Pamina einen Revolver: Die Feuer-Wasser-Probe haben sie als russisches Roulette zu bestehen.

In doch eher unheimlicher Situation wissen Papagenos Glöckchen und Schwips zu erheitern. Markus Werba macht ein Vergnügen aus seinem Wunschbild von dem „Mädchen oder Weibchen“. Michael Schade als Tamino, stimmlich ein echter Prinz, verbreitet mit der Bildnis-Arie echte Tenorlyrik im Schlafzimmer. René Papes Sarastro: der Bass mit überlegener Einfachheit. Kein einziger Versager also im Ensemble. Zwischen Anna-Kristiina Kaappola (Königin), Franz Grundheber (Sprecher), Martina Janková (Papagena), Burkhard Ulrich (Monostatos), den Damen Edith Haller, Karine Deshayes und Ekaterina Gubanova, den mädchenhaft weich gefärbten Stimmen der Wiener Knaben sowie den hervorragenden Chören (Rupert Huber) gibt es eine Entdeckung: die Salzburgerin Genia Kühmeier, deren Pamina Jugend und stimmlichen Höhenglanz ausstrahlt.

Zu wünschen ist, dass die Produktion des schwierigen Stücks auch mit vorgesehenen Umbesetzungen dieses Niveau hält. So könnte sie als eine Lesart der „Zauberflöte“ getrost in das Salzburger Jubiläumsfest eintreten, das nächsten Sommer unter dem Vollständigkeitsmotto „Mozart 22“ stehen wird.

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