Kultur : Der genialisch getriebene Workaholic, und Lenya, die Nymphomanin?

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Wenn ich mich nach dir sehne", schreibt der Komponist Kurt Weill an Lotte Lenya, "so denke ich am meisten an den Klang deiner Stimme, den ich wie eine Naturkraft, wie ein Element liebe." Das war 1926, wenige Tage nur nach ihrer Hochzeit. Ein Foto zeigt das frisch gebackene Ehepaar im Charlottenburger Schloßgarten: Er hat die Hutkrempe tief über die Brille gezogen und sieht aus wie eine Mischung aus Peter Lorre und Charlie Chaplin. Sie lächelt, trägt Blumen unterm Arm und einen sehr schicken großkarierten Rock. Einmal, viel später, formuliert sie ihr künstlerisches Credo und Geheimnis: "Man weiß immer worüber ich singe", sagte die Lenya. "Es ist klar, glasklar. Ohne Dreh."

Lotte Lenya, die mit bürgerlichem Namen Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer hieß und in ärmlichste Wiener Arbeiterverhältnisse hineingeboren wurde, galt als eine Ikone der Golden Twenties in Berlin. In den spektakulären Brecht/Weill-Uraufführungen dieser Jahre spielte sie ihre ersten großen Bühnenrollen - und wurde über Nacht berühmt: als Polly in der "Dreigroschenoper", als Anna in den "Sieben Todsünden" und natürlich auch als Jenny Smith in "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny". Lenya - das "exotische, zerbrechliche Wesen"? Ihre Stimme half, solche Klischees zu festigen. Ernst Bloch beschrieb sie als "süß, hoch, leicht, gefährlich, kühl, mit dem Licht der Mondsichel". Und Lenya selbst mutmaßte, es sei "das Mädchenhafte" darin gewesen, "so ohne Bibbern und Sex-Appeal", was den Komponisten Weill inspirierte.

Das Klischee des Künstlers und seiner Muse jedoch, das Klischee von männlichem Schöpfergeist und willigem weiblichen Ego, findet bei Weill und Lenya überraschend wenig Nahrung. Nicht nur, dass Lenyas vox angelica recht bald ihrem legendären Timbre aus "gesprungenem Glas" wich, mit dem seine Songs fortan in aller Welt identifiziert werden sollten. Als Ehefrau ging Lenya frühzeitig ihrer eigenen Wege, stürzte sich von einer prominenten Affäre in die nächste, ließ sich trotzig scheiden, heiratete Weill ein zweites Mal in Amerika - und begrub ihn dort 1950. Also doch: Kurt Weill, der genialisch getriebene Workaholic, und Lenya, die Nymphomanin? Man werfe einen Blick in Jens Rostecks vorzügliche Doppelbiografie des Paares ("Zwei auf einer Insel", Propyläen Verlag 1999) und entdecke, dass es sich so einfach nicht verhält. Auch Weill hatte - angefangen bei Erika Neher - etliche Affären; und Lenya war bis zu ihrem Tod 1981 weit mehr als seine Witwe. Zwei Menschen und der Stoff, aus dem das 20. Jahrhundert ist? Nach Lenya befragt, antwortete Kurt Weill einst einer Illustrierten: "Sie ist eine miserable Hausfrau, aber eine sehr gute Schauspielerin. Sie kann keine Noten lesen, aber wenn sie singt, dann hören die Leute zu wie bei Caruso."

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