Kultur : "Der Genius Roms": Maler der schmutzigen Füße

Jörg von Uthmann

Ursprünglich sollte die Ausstellung "Die Geburt des Barock" heißen. Aber dann bekamen die Kuratoren Angst vor ihrer eigenen Courage und nannten sie vorsichtiger "Der Genius Roms 1592-1623". Die beiden Jahreszahlen markieren Anfang und Ende der Amtszeit zweier Päpste, Clemens VIII. und Gregor XV.. Von Clemens sagte ein ironischer Zeitgenosse, er sei "beinahe ein Christ" gewesen. Tatsächlich war er - anders als so mancher seiner Vorgänger - ein frommer Mann, der sich alle Mühe gab, seine Liebe zur Kunst mit den strengen Regeln der Gegenreformation in Einklang zu bringen.

Nur die Kniefälle mehrerer Kirchenfürsten hinderten ihn daran, Michelangelos "Jüngstes Gericht" mit seinen vielen nackten und halbnackten Gestalten vollständig übermalen zu lassen. Auch seine Anordnung, alle Bilder, die die Gläubigen auf unkeusche Gedanken bringen könnten, aus den Kirchen zu entfernen, wurde nur halbherzig befolgt. Hingegen fand die unter seinem Pontifikat erarbeitete, stark angereicherte Fassung des Index der verbotenen Bücher weite Verbreitung. Im Februar 1600 wurde der Dominikaner Giordano Bruno, der die biblische Schöpfungsgeschichte als Legende abtat und sich zum kopernikanischen Weltbild bekannte, auf dem römischen Blumenmarkt als gefährlicher Ketzer verbrannt.

Zugleich erlebte die römische Malerei, die bis dahin im Schatten von Florenz und Venedig gestanden hatte, einen ungeahnten Aufschwung. Dies hatte nicht nur mit dem Kunstsinn des Papstes und vieler Kardinäle zu tun, sondern auch mit den neuen Orden, die zur Verteidigung und Verbreitung des von der Reformation bedrohten Glaubens gegründet worden waren. Die Jesuiten, die Theatiner und Oratorianer erwiesen sich als spendable Mäzene. Von größter Bedeutung war es, dass die Brüder Annibale und Agostino Carracci, die in Bologna eine berühmte Kunstakademie betrieben, ihre Wirkungsstätte nach Rom verlegten.

Ihre Schüler Guido Reni, Domenico Zampieri und Giovanni Francesco Barbieri - die beiden letzteren besser bekannt unter ihren Spitznamen Domenichino (der kleine Domenico) und Guercino (der kleine Schieler) - folgten einige Jahre später. Auch aus Nordeuropa strömten die Maler zu den römischen Fleischtöpfen - aus Antwerpen Peter Paul Rubens und Anthonis van Dyck, aus Breda Paul Bril, aus Utrecht Gerrit van Honthorst, aus Frankfurt Adam Elsheimer. Michelangelo Merisi, das Genie, das die römische Malerei jener Zeit verkörperte wie kein anderer, kam aus Mailand. Nach seinem Geburtsort, einem Flecken bei Bergamo, nannte er sich Caravaggio.

Der Ruf Caravaggios hat in der Kunstgeschichte stark geschwankt. John Ruskin bescheinigte ihm "Vulgarität und Öde". Andere Kunsthistoriker attackierten ihn als Verderber der klassischen Ästhetik oder ignorierten ihn einfach. Erst das 20. Jahrhundert entdeckte ihn als Vorläufer der modernen Kunst. War er vorher ein entarteter Raffael gewesen, so galt er jetzt als Ahnherr Manets. Nun begann man sich auch für sein wechselvolles Leben zu interessieren. Wenn es darum ging, ihr Jagdrevier zu verteidigen, verfuhren die italienischen Künstler des Frühbarock mit zugereisten Konkurrenten nicht eben glimpflich. Als sich Federico Barocci erfrechte, Urbino zu verlassen und Aufträge in Rom anzunehmen, wurde er von einem neidischen Kollegen vergiftet. Zwar überlebte er den Anschlag, doch hatte er von der Ewigen Stadt genug und kehrte schleunigst in seine Heimat zurück. Guido Reni verzichtete auf einen Auftrag der Domherren von Neapel, nachdem der vorausgeschickte Gehilfe ermordet worden war.

Aber selbst in diesen wilden Zeiten fiel Caravaggios neurotische Streitsucht aus dem Rahmen. Er war ständig in gewalttätige Händel verwickelt. Nachdem er im Mai 1606 auf offener Straße einen Mann erstochen hatte, musste er aus Rom fliehen. Ein Versuch, sich in Malta niederzulassen, endete nach einem Jahr mit Einkerkerung und neuer Flucht. Im Oktober 1609, wenige Monate vor seinem frühen Tod, wurde er bei einer Messerstecherei in Neapel bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Inzwischen gibt es nicht nur ein halbes Dutzend Biografien, sondern auch mehrere Romane und einen Film von Derek Jarman über Caravaggios abenteuerliches Leben.

Kein Wunder, dass ihn auch die Londoner Schau in den Mittelpunkt rückt. Zwar stellen die 14 Gemälde, einige davon Leihgaben entlegener Kirchen und Museen, nur einen bescheidenen Teil seines Gesamtwerks dar. Doch belegen sie sehr schön alle Talente, denen er seinen Ruhm verdankt - seine verblüffende Meisterschaft im geradezu fotografisch präzisen Stilleben, seine hochdramatischen Helldunkel-Effekte und seine Kunst, Nutten, Zuhälter und Bettler in Madonnen und Heilige zu verwandeln. Der Naturalismus seiner Heiligenbilder fand bei seinen Zeitgenossen keineswegs ungeteilten Beifall. Nicht wenige warfen dem "Maler der schmutzigen Füße" vor, seine frommen Sujets zu profanieren.

Aber auf die Kollegen machte Caravaggios Malweise Eindruck. Ein ganzer Saal ist voller Nachtszenen, später eine Spezialität der Niederländer: Gerrit van Honthorst wurde von seinen römischen Kollegen "Gherardo delle notti" genannt. Caravaggios Einfluss ist auch überdeutlich in Artemisia Gentileschis blutrünstiger "Judith". Das Bild ist eine Ikone des Feminismus: Artemisia war nicht nur eine der wenigen Frauen jener Zeit, die als Malerin Anerkennung fanden. Die Vermutung ist auch erlaubt, dass sie mit der alttestamentarischen Anekdote ein persönliches Trauma aufarbeitete: Als 18jährige war sie das Opfer eines date rape ihres Lehrers Agostino Tassi geworden, der später seinen Konditor Claude Lorrain auf einen anderen Berufsweg führte.

Die gut 140 in London ausgestellten Gemälde zeigen allerdings, dass Caravaggios Stil keineswegs der einzige oder auch nur der vorherrschende war. Die Carracci-Brüder blieben viel stärker den klassischen Idealen der Renaissance verpflichtet. Auch andere Maler hielten der antiken Götterwelt die Treue, fanden aber nichts dabei, auf Wunsch einen Herkules als Johannes den Täufer zu verkaufen. Ein ganzer Saal ist Landschaften gewidmet, ein anderer dem Kult der heiligen Cäcilie, der Schutzpatronin der Musik, deren gut erhaltener Leichnam 1599 in Rom exhumiert wurde. Der letzte, wie eine Kirche gestaltete Saal stellt die neuen Orden vor, die den Gläubigen nicht beim Verstand packen wollten, sondern beim Gefühl. Hier finden sich viele Originale wieder, die später in einer unendlichen Zahl von Kopien zum Devotionalienkitsch verkommen sollten. Die formelhafte Verkürzung des Gefühls, wie Robert Musil den Kitsch definierte, blieb auch dem großen gegenreformatorischen Aufbruch nicht erspart.

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