Kultur : Der Gesang der Nacht

Mit „Poem/Body of Poetry“ tanzt das Ballett der Komischen Oper dem Ende entgegen

Sandra Luzina

„Ballet is woman“: Den berühmten Ausspruch Balanchines wählte Adolphe Binder, Ballettdirektorin der Komischen Oper, als Motto für diese Spielzeit – nicht ohne ihn umzudeuten: Balanchine huldigte der Ballerina, Binder zielt auf die Frau als Schöpferin. Für den Ballettabend „Poem/Body of Poetry“ haben die Choreografinnen Marguerite Donlon, Dominique Dumais und Didy Veldmann 30-minütige Uraufführungen kreiert, die um die Affinität von Dichtung und Tanz kreisen. Es ist die vorletzte Premiere des Ensembles, das vor kurzem seine Kündigung erhielt – dass das Ballett der Komischen Oper nun auf dem Frauenticket der eigenen Abschaffung entgegentanzt, entbehrt leider nicht der Ironie.

Ein Ballettabend, der in das Dreieck Frau – Körper – Dichtung eintaucht, muss nicht zwangsläufig untergehen. Auch wenn sein Titel wie der Name eines Parfums klingt: „Poem/Body of Poetry“. Doch er weckt erst mal Befürchtungen: Soll noch einmal bewiesen werden, dass Frauen das empfindsamere Geschlecht sind? Und einen Hang zum Lyrischen haben? Und noch eine Befürchtung steht im Raum: dass Tänzer zu sprechen anfangen. Zu oft hat man im Tanztheater ungeübten Textvortrag, der zudem stimmlich auf schwachen Beinen steht, erleben müssen.

Ein Abend aus dem Geist des Poesiealbums ist dies zum Glück nicht geworden. Doch er kommt sehr tiefsinnig daher. Und dass sich im Zusammenspiel von Tanz und Text neue Dimensionen erschließen, kann man leider auch nicht behaupten. Auch wenn öfters die Hände vor den Mund geschlagen werden oder mit großer Geste ausgeatmet wird, um einen poetischen Hauch zu produzieren, der das Unsagbare kommuniziert.

Text und Tanz – die Verbindung ist nicht in jedem Fall eine wörtliche. Wie die drei Choreografinnen die Rede von der Körpersprache einlösen, steht jeweils auf einem anderen Blatt. Didy Veldman ließ sich zu „She who was“ von Gedichten über die Bildhauerin Camille Claudel inspirieren. Die Tänzer rutschen eine Schräge herunter, verschwinden in einer Klappe im Boden. Das sieht zunächst aus, als tanze das Ballett seine eigene Abschaffung. Zum Kleinen Requiem für eine Polka von Górecki tanzen die Frauen steifbeinig in Krinoline und wirbeln viel Staub auf. Von unangepasster Weiblichkeit, vom Kampf um Selbstbehauptung ist nicht viel zu spüren. Die ignorante Gesellschaft kommt nicht grotesk überzeichnet, sondern plump choreografiert daher. Da müssen die Tänzer sich auf die Schenkel schlagen und an die Nase fassen. Eine zunehmende Verstörung will Veldman zeigen, doch „She who was“ wirkt am Ende nur noch ratlos.

„Skin Divers“ von Dominique Dumais setzt sich auf die Fährte des gleichnamigen Gedichts von Anne Michaels. Eine Tänzerin in fließendem Seidengewand trägt den Text vor, der nächtliche Stimmungen beschwört und suggestive Körperbilder einflicht. Alles andere als suggestiv wirkt der Tanz, geradezu hektisch sind die Bewegungen zu den Klängen des Streichquartetts No. 2 von Gavin Bryars. Das Video von Tatyana von Walsum tastet einen weiblichen Körper ab – eine Landschaft, in der man sich gern verlieren möchte. Der Körper – er wird zur durchscheinenden Leinwand. Doch die Tänzer können sich schon visuell nicht gegen den weiblichen Akt behaupten. Wenn sie dann durch einen Vorhang aus Hautrelief schreiten, landet die Choreografie endgültig im Kunstgewerblichen.

Marguerite Donlon lässt die Verbindung von „Body“ und Poetry nicht unbefragt gelten. In „Poetic Licence“ bekämpft sie die Versuchung des Tiefsinnigen mit leichtfüßigem Witz. Donlon lenkt die Aufmerksamkeit auf das Lesen und Schreiben – und das sind auch körperliche Aktivitäten. Tafeln werden mit japanischen Zeichen beschriftet oder pseudo-expressiv mit gewundenen Linien vollgekrakelt. Eine Tänzerin sitzt neben einem furchterregend hohen Stapel von Büchern und versucht die Bewegungen zu buchstabieren, die ein Mann auf Socken hervorbringt. Dem hat man offensichtlich eingeflüstert: bitte recht poetisch! Woraufhin er sich selbst ein Bein stellt.

Die Tänzer in hübsch trashigen Kostümen scheinen einem Tanzcomic entsprungen. Drei Girls in Mini und Hot Pants sind geschmeidige Kätzchen, die ihre Pfötchen zeigen. Jorge Moro ist der Bohemien im gestreiften Trikot – er versteht sich auf die Künstlerattitüde, doch dann scheinen seine Füße dem Kopf wegzulaufen. Donlon gelingt ein intelligentes wie amüsantes Spiel mit den Zeichen. Ein aufgesprengtes Ballettidiom kombiniert sie mit wilden oder parodistischen Bewegungen zu einer verrückten Syntax. Ein Duett mit seinen hochfliegenden, herumwirbelnden Bewegungen vermittelt zudem eine wunderbare Sinnlichkeit. Auch wenn man sich darauf keinen Reim machen kann: Hier hebt der Abend erstmals ab. Doch leider ist es für die Compagnie zu spät.

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