Kultur : Der Geschmack der Bürger

Die kleinen Großen (1): Das Pommersche Landesmuseum Greifswald besitzt eine herausragende Gemäldesammlung. Eigentlich gehört sie nach Stettin

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Rund um Berlin gibt es Museen mit exquisiten Sammlungen, die kaum jemand kennt. Anlass genug für Kunstreisen in die Umgebung – zu den „kleinen Großen“. Im vergangenen Jahr führte uns unsere Sommerserie nach Dessau, Altenburg, Schwerin und Görlitz. Zum Auftakt geht es nach Greifswald.

Bei einem Familienbesuch hat Caspar David Friedrich 1818 den Greifswalder Marktplatz im Aquarell festgehalten. Alles sehr beschaulich: Im Vordergrund unterhalten sich Friedrichs Brüder Christian, Heinrich und Adolf mit dem Kaufmann Johann Heinrich Praefke, rechts steht Christians Ehefrau Elisabeth mit Tochter Caroline und dem Söhnchen Heinrich Adolf auf dem Arm, dazu die Ehefrauen von Adolf und Heinrich. Man plaudert, promeniert, der Wirt schiebt im Hintergrund Fässer auf einer Karre über den Platz, das prächtige Rathaus, die barocke Turmhaube des Greifswalder Doms St. Nicolai sind im Hintergrund zu sehen. Der Blick ist aus dem Haus Markt 10 aufgenommen, das Johann Heinrich Friedrich 1808 erworben hatte.

So beschaulich geht es in Greifswald noch heute zu. Rentner sitzen auf den Bänken am grünen Wall und blicken den Studentinnen auf dem Fahrrad nach, auf dem Marktplatz isst man Eis in der Mittagsglut, der Wochenmarkt am Mühlentor bietet regionale Produkte. Und die Studenten stehen am Freitagnachmittag am Bahnhof und warten auf den Zug nach Berlin. Studienstress unter der Woche – am Wochenende lockt die Großstadt.

Die Touristen, die es im Sommer nach Rügen oder Usedom zieht, machen vielleicht Station, um den Museumshafen zu besuchen, oder die zwei Kilometer vor der Stadt gelegene Klosterruine Eldena, die Caspar David Friedrich verewigte. Ins Pommersche Landesmuseum verirren sie sich, trotz zentraler Lage hinter dem Markt, eher selten. Was vielleicht auch daran liegt, dass es ein noch junges Museum ist: Im Jahr 2000 eröffnete die Gemäldegalerie im ehemaligen Schulbau des Greifswalder Architekten Johann Gottfried Quistorp, 2005 folgte der landesgeschichtliche Teil im ehemaligen „Grauen Kloster“, das 1845 als das damals modernste Armen- und Altenheim Neuvorpommerns errichtet wurde. Der Bereich zur Geschichte des 20. Jahrhunderts ist noch in Arbeit.

Die Quistorp’sche Schule sieht aus wie der Inbegriff des Klassizismus: langgestreckt, weiß getüncht, Rundbogenfenster im Untergeschoss, Mittelrisalit und seitliche Kopfbauten, das Ganze atmet Schlichtheit, Anmut, Würde. Und passt perfekt zu dem, was im Inneren zu sehen ist. Selten ist die deutsche Romantik so reich, konzentriert und qualitätvoll zu sehen wie in diesen stillen, grau getönten Sälen, die vom Architekturbüro Sunder-Plassmann behutsam restauriert wurden und noch etwas von der Kloster-Konzentration ahnen lassen. Weite niederländische Landschaften, italienisches Licht, die Wiederentdeckung von Elbsandsteingebirge und Riesengebirge als romantisches Naturerlebnis, dämmernder Abend, strahlender Morgen, klirrende Kälte im Winter. Diese Sammlung ist tatsächlich ein Geheimtipp.

Alle sind sie vertreten, von Carus bis Runge, von Hackert und Koch bis Thiele, und die schönsten Bilder sind oft von heute völlig unbekannten Künstlern. Hinzu kommen Bürgergesichter von Tischbein und Runge, Kinderbilder des Greifswalders Wilhelm Titel, mondäne Gesellschaftsporträts von Ferdinand von Rayski. Und natürlich die Bilder des Hausheiligen Caspar David Friedrich, die pittoreske Marktszene, die vor kurzem erst angekaufte „Frau auf der Treppe“ mit ihrem Pendant, der „Frau mit dem Leuchter“, das vor dramatischem Wolkenleuchten aufragende Neubrandenburg, die ins Riesengebirge versetzte Klosterruine Eldena, eines von Friedrichs letzten Bildern. Sicher, Museen wie die Hamburger Kunsthalle oder die Berliner Nationalgalerie mögen berühmtere Werke besitzen. So intim, so nah wie hier in Greifswald kommt Caspar David Friedrich selten.

Doch der Clou ist: So selbstverständlich sich diese romantischen Landschaften in Greifswald präsentieren – sie gehören nicht alle hierher. Beim ersten Bild nimmt man den Hinweis „Städtisches Museum Stettin, Treuhandbesitz Stiftung Preußischer Kulturbesitz“ noch hin. Doch der Zusatz taucht auf fast jeder Tafel auf. Dahinter steckt ein Kunst- und Geschichtskrimi besonderer Art. Denn was in Greifswald jetzt so schön und stimmig präsentiert wird, ist die Sammlung des Kunstmuseums Stettin, das 1913 an prominenter Stelle auf der Hakenterrasse über der Oder eröffnet wurde. Eine späte Museumsgründung, die ihre Herkunft aus Bürgerkollektionen nicht leugnet – daher die biedermeierlichen Porträts, die Stadtansichten, die Niederländer und Italienbilder. Der Geschmack des 19. Jahrhunderts – selten ist er so in Reinform zu erleben.

Doch dem Museum war nur kurzer Glanz beschieden. 1945 näherte sich die Weltkriegs-Front der Stadt Stettin, im März wurden die wertvollsten Gemälde, zweihundert an der Zahl, hektisch nach Coburg ausgelagert, wo sie auch nach Kriegsende blieben und ab 1962 in der Veste Coburg präsentiert wurden. 1970 dann ein Neuanfang: Die 1966 gegründete und in Kiel ansässige Stiftung Pommern übernimmt, vermittelt durch die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Schirmherrschaft über die Sammlung, lässt sie trotz heftiger Proteste aus Coburg nach Schleswig-Holstein überführen und zeigt sie ab 1971 im Rantzau-Bau des Kieler Schlosses.

Und noch einmal muss die Sammlung wandern. Nach der Wiedervereinigung reift der Plan eines Pommerschen Landesmuseums, für das schließlich die Universitätsstadt Greifswald den Zuschlag erhält. Die Stettiner Gemäldesammlung findet ihr neues, nun wohl endgültiges Domizil in der Mühlenstraße, vereinigt mit den Beständen des Greifswalder Heimatmuseums.

So mischt sich Wehmut in die Freude. Die Sammlung hat ihre Heimat verloren und eine neue gewonnen. Stettin muss im 19. Jahrhundert eine Mischung aus Greifswald und Berlin gewesen sein, beschauliche Bürgerstadt und aufstrebende Industriestadt in einem. Da zeigen Bilder von Ludwig August Most das stolze Schloss mit den lieblichen Gärten zu seinen Füßen, den Blick über die Dächer vom Logengarten aus, die spazierenden Bürger auf den Wiesen vor den Toren der Stadt, dazu das bewegte Leben am Stettiner Hafen, die Werften, die Dampfer, die moderne Baumbrücke. Verlorene Welt. Verloren wie die stolze Bürgerlichkeit, die sich auf den Biedermeierbildern präsentiert.

Heute ist das hundert Kilometer entfernte Stettin mit der Bahn in zwei Stunden erreichbar. Bei der Bewerbung als Kulturhauptstadt 2016 will Greifswald Stettin unterstützen. Polnische Beschriftungen sind im Greifswalder Museum noch nicht zu sehen.

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