Kultur : Der Geschmacksverstärker

Vom Sofakissen bis zum Städtebau: Der Berliner Architekt Hermann Muthesius war ein Multitalent. Eine Ausstellung ehrt ihn.

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Kosmopolit mit Weitblick. Hermann Muthesius (1861–1927) um 1910 vor seinem Haus in Berlin-Nikolassee. Foto: Sammlung Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Hermann Muthesius Nachlass
Kosmopolit mit Weitblick. Hermann Muthesius (1861–1927) um 1910 vor seinem Haus in Berlin-Nikolassee. Foto: Sammlung...

Es sind nicht die schlechtesten Architekten, die lieber schreiben statt bauen. Hermann Muthesius konnte beides. Im bürgerlichen Berliner Südwesten hinterließ er eine Reihe unglaublich geräumiger Einfamilienhäuser, die man damals, im reformfreudigen Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg, nicht mehr Villa, sondern Landhaus nannte. Allein diese Häuser, allen voran sein eigenes an der Rehwiese in Nikolassee, sichern ihm einen Ehrenplatz in der Architekturgeschichte. Zugleich jedoch verfasste Muthesius, der zeit seines Berufslebens eine Doppelexistenz als freier Architekt und preußischer Ministerialbeamter geführt hat, unzählige Bücher, Broschüren, Thesenpapiere, Pamphlete – und rund 8000 Briefe, die als Hauptschatz seines Nachlasses seit 1977 im Berliner Werkbundarchiv gehütet und erforscht werden.

„Schreiben & Bauen. Der Nachlass von Hermann Muthesius im Werkbundarchiv“ heißt die sehenswerte Ausstellung, die der junge Kunsthistoriker Fabian Ludovico im Museum der Dinge – wie sich das Werkbundarchiv seit einiger Zeit ergänzend nennt – eingerichtet hat. Schreiben und Bauen, in dieser Reihenfolge, waren für Muthesius zwei Seiten einer Medaille, verfolgte er doch ein denkbar einfaches Ziel: die Erziehung des Publikums zum besseren Geschmack, der bei ihm immer auch eine moralische Dimension besitzt. Das Wahre, Gute, Schöne: eine ziemlich deutsche Angelegenheit. Und doch gehört der 1861 in einem Dorf nahe Weimar geborene Architekt zu den vergleichsweise wenigen Intellektuellen seiner Generation, die konsequent über den Tellerrand des Wilhelminischen Kaiserreichs geschaut haben.

Muthesius tat, was Bildungspolitiker noch heute als Grundlage jeder interkulturellen Integration fördern: Er reiste nicht nur, sondern nutzte mehrmals die Gelegenheit, sich beruflich im Ausland fortzubilden. Nach dem Architekturstudium an der TH Charlottenburg (der heutigen TU Berlin) geht Muthesius 1887 für das Berliner Büro Ende & Böckmann vier Jahre nach Japan. Auf Vermittlung von Großherzog Carl Alexander von Sachsen-Weimar-Eisenach liefert er Entwürfe für die erste evangelische Kirche in Tokio, die allerdings erst nach seiner Rückkehr nach Deutschland gebaut werden kann.

Nicht nach Weimar, wie Großherzog Carl Alexander hofft, sondern nach Berlin zieht es den jungen Regierungsbaumeister. Er wird Beamter am Preußischen Ministerium der öffentlichen Bauten und Redakteur beim halbamtlichen „Centralblatt der Bauverwaltung“. Die Richtung scheint vorbestimmt. Doch Muthesius, mehr Künstler als Beamter, lässt sich 1896 für sieben Jahre als technischer Attaché an die deutsche Botschaft nach London versetzen. Es ist die Chance seines Lebens. Mit seiner jungen mondänen Frau, der Sängerin Anna Trippenbach, bezieht er in London ein eigenes Haus: „The Priory“, liebevoll ausgestattet mit japanischen Mitbringseln, wird in den kommenden Jahren zum Dreh- und Angelpunkt deutsch-britischen Künstleraustauschs.

Was sich die Berliner Bürokratie von Muthesius erhofft (und sie wird nicht enttäuscht): Berichte und Analysen über das Kultur- und Technologieland Großbritannien. Seit den großen Weltausstellungen ist es offenkundig geworden, dass englische Ingenieure, Architekten und Kunsthandwerker – heute würde man sagen: Designer – international führend sind und Produkte „made in Germany“ keine realistischen Chancen auf dem Weltmarkt besitzen. Muthesius soll sich gründlich umschauen, wie die jungen Kreativen im Vereinigten Königreich ausgebildet werden, und Vorschläge entwickeln, was in Preußen diesbezüglich zu verbessern sei.

Der Attaché interpretiert die Mission auf seine Weise. Er knüpft freundschaftliche Bande zu führenden modernen Architekten seiner Generation – allesamt Vertreter von Arts and Crafts, der typisch britischen Spielart der frühen Moderne. Er mutet den mehrheitlich biederen Lesern des „Centralblatts der Bauverwaltung“ Berichte über neueste Trends der Londoner und Glasgower Architektenszene zu. Und er sammelt Material für ein dreibändiges Buch, das schließlich 1904 und 1905 in Berlin erscheint und noch heute ein Standardwerk ist: „Das englische Haus“ wird zur Bibel für Fans britischer Landhaus-Lebensart – von den spätmittelalterlichen Anfängen bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Trotz seiner Umtriebigkeit ist es nicht einfach, hinter dem ungeheuren moralischen Furor der Frage „Wie lebt man richtig?“, die aus jeder Zeile des schriftlich Hinterlassenen drängt, dem Menschen Hermann Muthesius näherzukommen. Die Ausstellung überzeugt hier durch feine Zwischentöne, etwa an den Audiostationen, wo Briefe von und an Muthesius zu hören sind. Oder mit zwei wunderbaren Zeitzeugeninterviews: Renata Stepanek, die 1914 geborene Tochter von Hermann und Anna Muthesius, erinnert sich an den gesellschaftlichen Glanz abendlicher Gesellschaften mit Hausgästen wie Albert Einstein und an die große Bescheidenheit ihres Vaters. Danka und Anatol Gotfryd, die seit 1972 im Haus Muthesius in Nikolassee leben, berichten erstaunt und amüsiert, wie sich dieser starke Bau seine Bewohner selbst erzieht.

„Vom Sofakissen bis zum Städtebau“, ein berühmter Ausspruch von Hermann Muthesius, sollte die angestrebte Reformbewegung alle Lebensbereiche erfassen und veredeln. Und, ganz nebenbei, die erstarkende Arbeiterklasse sozial befrieden. 1907, die Familie Muthesius lebt inzwischen in Nikolassee im eigenen, viel bewunderten Landhaus, wird es ernst mit dem Weltverbesserertum. In einem Vortrag brandmarkt Muthesius die Rückständigkeit der deutschen kunstgewerblichen Produktion. Die Fachverbände toben, die Presse berichtet, Kollegen solidarisieren oder distanzieren sich. Es kommt zum „Fall Muthesius“, der, berichtet Kurator Ludovico, im Geheimen Staatsarchiv in Dahlem bis heute aktenkundig ist.

Die öffentliche Debatte von 1907 wurde zum Auslöser für die Gründung des Deutschen Werkbunds, einer Vereinigung von Künstlern, Architekten, Fabrikanten, Politikern, die sich eine umfassende Reform der Produktkultur (und letztlich auch der Produktionsbedingungen) zum Ziel gesetzt hatte. Muthesius konnte als Staatsbeamter zwar nicht an der Gründungsversammlung teilnehmen, gehörte aber von Anfang an zu den führenden Köpfen. Sieben Jahre später, auf der Kölner Werkbundausstellung, kam es zum „Werkbundstreit“ zwischen Muthesius und Henry van de Velde. Muthesius forderte mit Blick auf deutsche Exportmärkte die Entwicklung typisierter Industrieprodukte, van de Velde argumentierte mit der Individualität des Künstlers, der jede Normierung widerspreche.

Die persönlichen Angriffe auf Muthesius waren so heftig, dass er 1916 aus dem Werkbund ausschied. 1927 starb er als enttäuschter älterer Herr an den Folgen eines Straßenbahnunfalls. Zwei Jahre zuvor hatte Muthesius an seinen einstigen Mitstreiter Richard Riemerschmid geschrieben: „Was ich früher mit Hingabe betrieben habe, ist heute in meinem Innern so überholt, dass es mir unmöglich ist, darauf zurückzukommen.“ Industrie oder Handwerk, Massenkonsum oder Luxusgut? Unter veränderten gesellschaftlichen Vorzeichen lebten die alten Werkbundfragen im Weimarer Bauhaus nach 1919 wieder auf. Ihre Früchte ernteten Jüngere.

Werkbundarchiv – Museum der Dinge, Oranienstr. 25, bis 30. Juli, Mo/Fr–So 12–19 Uhr. Zudem zeigt die Werkbundgalerie, Goethestr. 13 in Charlottenburg, bis 22. Juni die Ausstellung „Das Haus des Architekten: Hermann Muthesius, Christoph Ingenhoven, Karl-Heinz Schmitz“.

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