Kultur : Der gestrafte Träumer

Ein Leben wie sein Land: Schimon Peres hat Israel mitgestaltet und alle seine Tiefen miterlitten. Bleibt ihm am Ende der Karriere mehr als eine große unerfüllte Hoffnung?

Clemens Wergin

Schon am Morgen hat Schimon Peres ein schlechtes Gefühl. Als er am entscheidenden Tag der israelischen Regierungskrise in die Knesset kommt, sieht man weder das bekannte Glitzern in seinen Augen, noch hat er für irgendjemanden ein Lächeln übrig. Seine Stimmung hellt sich im Laufe des Tages noch einmal auf. Kompromissvorschläge werden herumgereicht. Eine Einigung mit Ariel Scharon über die Subventionen für die Siedler scheint möglich zu sein. Am Ende scheitert die große Koalition jedoch an einem Wort: Siedlungen. Zwar hat Scharon zugestimmt, dass die Gelder für die Siedler gekürzt werden. Es darf nur nicht beim Namen genannt werden. Die Koalition ist geplatzt.

Als der große alte Mann der Arbeitspartei dann sein Kündigungsschreiben unterzeichnet, liegt doch so etwas wie Endgültigkeit in der Luft. Und man weiß nicht, wer geht da eigentlich? Einer, der für den Frieden in Nahost mehr bewegt hat als irgendjemand anders. Oder ein ewiger Verlierer und eitler Schönredner, dem bis zuletzt die Beteiligung an der Macht wichtiger war als seine Prinzipien.

Als „Träumer ohne Lohn“ hat sich Schimon Peres in Anlehnung an ein Zitat von Gabriel Garcia Márquez bezeichnet. Das war Mitte der 90er Jahre. Der Oslo-Prozess hatte gerade begonnen, und Peres malte die Zukunft des Nahen Ostens in den hoffnungsfrohsten Farben. Der Lohn eines langen Politikerlebens war für ihn nur eine Frage der Zeit. Jetzt, nach der Gewaltorgie der letzten zwei Jahre, muss Peres abtreten, ohne den Lohn zu erhalten, den er sich erträumt hatte. Der Friede im Nahen Osten ist bloß ein Traum geblieben. 60 Jahre in der Politik, 18 Ministerposten, 3 Mal Premierminister – alles reichte nicht, den Konflikt zu lösen. Fast im 80. Lebensjahr steht der Don Quichotte der israelischen Politik wieder am Anfang. Alles, so scheint es, ist so, wie es immer schon war: Es herrscht Krieg zwischen Juden und Arabern.

Idealist oder Intrigant

Mit neun Jahren ist Schimon Persky, wie er damals hieß, in Israel eingewandert. Geboren und aufgewachsen war er im weißrussischen Shtetl Wischnewa, das damals zu Polen gehörte. Als Peres 1933 die Birkenwälder seiner Heimat gegen die steinige Wüste Palästinas eintauschte, hatte es vier Jahre zuvor schon die ersten arabischen Pogrome gegen Juden gegeben. Und es sollten keine weiteren drei Jahre vergehen, bis eine lange Phase arabischer Übergriffe gegen die ständig zunehmende jüdische Bevölkerung einsetzte.

„Wenn du den Frieden willst, rüste für den Krieg“, das könnte als Motto über Peres’ Leben stehen. Obwohl er den größten Teil seiner seiner Laufbahn im Verteidigungsministerium verbrachte, fehlte ihm doch stets das, was andere Politiker in den Augen vieler Israelis zu geeigneten Regierungschefs macht: der Ruf des Kriegers. Zwar war Peres in der Untergrundarmee der Arbeiterbewegung, der Haganah, ausgebildet worden. Zu viel mehr als zur Bewachung einer Schaf- und Kuhherde in seinem Kibbuz Alumot in Galiläa hat er eine Waffe aber nie gebraucht. Und dennoch hat Peres mehr zur Bewaffnung, zur Wehrhaftigkeit Israels beigetragen als die meisten seiner Politikerkollegen.

Peres war immer beides: Kind seiner Zeit und den anderen voraus. Als sein großes Vorbild David Ben Gurion in den 40ern noch isoliert war mit der Ansicht, man müsse sich einen jüdischen Staat erkämpfen und notfalls zur Aufnahme der jüdischen Flüchtlinge aus Europa einen geteilten, aber jüdischen Staat akzeptieren, stand Peres schon auf der Seite des späteren israelischen Staatsgründers. Nach dem Unabhängigkeitskrieg 1948 war Peres dann die treibende Kraft hinter der Allianz mit Frankreich, das bis 1967 Israel mit Waffen versorgte. Und er betrieb gegen große Widerstände das für Israels Sicherheit vielleicht wichtigste Rüstungsprojekt: den Griff nach der Atombombe.

Erst Realist, dann Idealist, das ist das Bild, das Peres von sich zeichnet. Gleichzeitig gilt er als einer der gewieftesten Taktiker der israelischen Politik. Als „hartnäckigen Intriganten“ hat Rabin ihn in seiner Autobiographie beschrieben – das war, bevor beide zu Friedenspartnern wurden. Seine geistige Beweglichkeit, das zeichnet Peres aus. Sie hat ihm aber auch den Vorwurf der Prinzipienlosigkeit eingebracht. Nicht nur seine politischen Gegner fragen: So viele Häutungen, so viele Brüche, kann man das überhaupt durchleben, ohne irgendwann den inneren Kompass zu verlieren?

„Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“ hat Peres eines seiner jüngsten Bücher genannt. Dass sich nicht nur die Zeiten ändern, sondern auch diejenigen, die sich in den Strom der Geschichte begeben – dafür ist er das beste Beispiel. Schon in den 40er Jahren hat sich der Sohn eines Getreide- und Holzhändlers leidenschaftlich in die Debatten der Sozialisten eingeschaltet. Eine bessere Welt wollten sie schaffen. Im Kibbuz die gerechte Gesellschaft aufbauen. Dafür ging Schimon auf eine landwirtschaftliche Schule, die auf die Neugründung eines Kibbuz vorbereiten sollte. Die ganze jüdische Welt blickte damals, am Ende des Zweiten Weltkrieges, auf diese junge Generation, die dazu ausersehen war, nach fast 2000 Jahren wieder einen Staat in Palästina zu errichten. Selbst Albert Einstein war vorbeigekommen und hatte den Jungen und Mädchen ein metallenes Modell des Sonnensystems geschenkt. Alles atmete Aufbruch, Neuanfang. Und Bedrohung: Zur Abwehr arabischer Überfälle wurde in der Nacht Wache geschoben und tagsüber gelernt. Damals trat Peres auch in die Untergrundarmee Haganah ein. Bei schaurig-schummrigem Kerzenlicht schwor er nachts einen Treueeid, vor ihm auf dem Tisch Bibel und Revolver.

Schimon war damals schon eine stattliche Erscheinung. Schmächtig zwar, aber hoch gewachsen und mit hoher Stirn, war er ein überzeugender Redner bei politischen Veranstaltungen. Er hielt gerade Wache, als ihm die Frau seines Lebens begegnete: „Ein barfüßiges junges Mädchen, mit langen braunen Zöpfen und schönen, griechisch anmutenden Gesichtszügen“, erinnert sich Peres. „Ich war völlig von ihr hingerissen.“ Es war Sonja, seine zukünftige Frau. Er hat ihr den Hof gemacht, wie die politisierten Jugendlichen den Mädchen damals den Hof machten: Er legte ihr seine Weltanschauung zu Füßen. Bei Mondschein setzten sie sich in die Felder von Bet Schemen, und Peres las seiner Sonja Passagen aus Karl Marx’ „Das Kapital“ vor. Sie ist trotzdem bei ihm geblieben, bis heute.

Später gab Peres dann zu, er habe das getan, um seine Liebste zu beeindrucken. Denn in Wirklichkeit waren es doch reichlich seltsame Linke, die die israelische Politik über Jahrzehnte beherrschten. Die Bibel nahmen sie jedenfalls weit häufiger zur Hand als „Das Kapital“. Das galt vor allem auch für den ersten Regierungschef, David Ben Gurion. Als er sich 1956 entschied, mit den Engländern und Franzosen den Suez-Kanal zu befreien, ließ er auch die Spitze des Sinai bei Sharm-al-Sheikh besetzen. Er glaubte, an dieser Stelle habe sich eine im Alten Testament erwähnte israelitische Garnison befunden. In philosophischen Fragen konsultierte Ben Gurion lieber die alten Griechen. Die Bibel aber war für viele sozialistische Zionisten eine Art Grundbuch ihres Anspruchs auf Palästina, Beweis dafür, dass es dort ein jüdisches Volk mit einem eigenen Staat gegeben hatte.

Man kann diese Mischung aus Bibel- und Marxismusgläubigkeit nur verstehen, wenn man weiß, wo die Generation der Ben Gurions und Eschkols und auch die Jüngeren wie Peres herkamen: Aus dem Schtetl, das zwar auch vor dem Zweiten Weltkrieg schon von den Umbrüchen einer neuen Welt erfasst worden war, aber dennoch in den jüdischen Traditionen verwurzelt blieb. Peres kam aus einer Familie, die schon immer Religionsgelehrte hervorgebracht hatte. „Ich wuchs in der festen Überzeugung auf, dass die kostbarste aller Gaben intellektueller Scharfsinn sei“, sagt Peres. „Wenn Erwachsene von einer Veranstaltung kamen, dann berichteten sie zuerst, wie der Kopf des Redners ausgesehen habe, vor allem aber, wie hoch seine Stirn gewesen sei.“

Der Großvater war die klassische, tief religiöse Patriarchenfigur des damaligen jüdischen Ostens. Nur so ist vielleicht zu erklären, warum sein Enkel und viele andere auf der Linken in den 70er Jahren der Faszination der Siedlerbewegung erlagen. Peres hatte damals als Verteidigungsminister unter Rabin vehement für eine Ausweitung der zur Grenzsicherung dienenden Siedlungen gestritten. Als dann 1975 die ersten ideologisch motivierten Siedler der Gusch-Emmunim-Bewegung auftauchten, verkannten sowohl Rabin als auch Peres die Gefahr, die von ihnen ausging.

„Ich hegte sogar eine gewisse Sympathie für die Jugendlichen von der Gusch Emmunim“, schreibt Peres in seinen Erinnerungen. Keiner habe den alten hebräischen Ausdruck vom „Schriftgelehrten und Krieger“ stärker verkörpert als diese jungen Männer. „Seitdem“, schreibt Peres noch 1995, „stehen für mich ihre tiefe religiöse Bindung und der Elan ihres Pioniergeistes außer Zweifel.“ Hier kam beides zusammen: Der religiöse Eifer ihrer Großväter und ein Pioniergeist, der dem der Generation von Rabin und Peres ähnelte. Die Linke war in die romantische Falle getappt.

Überhaupt ist der friedenswillige Visionär Peres jüngeren Datums. „Früher war ich ein Falke“, sagt er selbst. Ben Gurion hatte ihn gleich bei Ausbruch des Unabhängigkeitskrieges 1948 ins Verteidigungsministerium gesetzt. Dort wurde er mit 26 Jahren schon stellvertretender Marineminister – in einer Armee, die sich Schiffe, Flugzeuge und Waffen erst auf den Schwarzmärkten der Welt besorgen musste, weil kein Land bereit war, dem um sein Überleben kämpfenden neuen Staat Waffen zu verkaufen. Peres stellte sich so geschickt an, dass er sich bald um die Waffenkäufe für die ganze Armee kümmerte und den Aufbau einer Luftfahrtindustrie betrieb. Da war er noch keine 30 Jahre alt. 1956 war er es, der den Franzosen den Vertrag zum Bau eines Atomreaktors in der israelischen Wüste abtrotzte – das Herz des israelischen Atomwaffenprogramms.

Moshe Dayan, Teddy Kollek und Schimon Peres – das waren die „jungen Männer des alten Mannes“ Ben Gurion. Manche nannten sie verächtlich „die Macher“. „Wir galten als Pragmatiker“, schreibt Peres später, „die gut bei der Lösung konkreter Aufgaben waren, denen es aber an Tiefgang fehlte, wenn es darauf ankam, Zusammenhänge genau zu durchleuchten.“

Fast 30 Jahre hatte Peres im Zentrum der Macht zugebracht. Sein Rivale Rabin war inzwischen Premierminister geworden, nach dem Rücktritt von Golda Meir, die die Katastrophe des Jom-Kippur-Krieges von 1973 politisch nicht überlebte. Im Frühjahr 1977 sollte gewählt werden – mit Rabin als Spitzenkandidaten der Arbeitspartei. Der musste dann wegen eines Devisenvergehens seiner Frau Lea im Wahlkampf zurücktreten. Zum ersten Mal wurde Peres Premierminister. Übergangsweise. Denn die Wahlen gewann Menachem Begin vom Likudblock. Die Vorherrschaft der Arbeitspartei war gebrochen.

Vielleicht war es die Stille nach der Macht, die Denkpause nach Jahren hektischer Betriebsamkeit, die Peres vom Falken zur Taube mutieren ließ. Ein allmählicher Abschied von vorherigen Gewissheiten, der nicht einfach war. „Von der Verteidigung hinüberzuwechseln in die Domäne des Friedens, das war für mich, als verließe ich eine reale Welt im Tausch für eine irreale“, schreibt Peres in seinen Memoiren.

Peres’ politischer Mentor Ben Gurion hatte einmal gesagt, „alle Experten sind Experten der Vergangenheit. Zukunftsexperten gibt es nicht“. Sein Lehrling sollte ihn widerlegen. Wie alle Aufgaben vorher eignete er sich nun die Welt der geistigen Zukunftsentwürfe, der Visionen und Friedensutopien an. Er wurde zum Zukunftsexperten – und blieb gleichzeitig Machtpolitiker. Ein Spagat, der ihm, am Ende seiner Karriere zum Verhängnis wurde, als selbst engste Freunde nicht mehr verstanden, warum Peres es immer noch in der Regierung von Ariel Scharon aushielt.

Geheimtreffen mit Hussein

Einmal, da glaubte Peres den Weg zum Frieden schon gefunden zu haben. 1984 war er Premier der ersten großen Koalition in der israelischen Geschichte geworden. Nach zwei Jahren löste ihn turnusgemäß Itzchak Schamir vom Likudblock ab. Und Peres eröffnete als Außenminister einen geheimen Verhandlungskanal zum jordanischen König Hussein. Beide trafen sich im April 1987 im Haus eines befreundeten Anwalts in London zum Lunch. Die Stimmung war gelöst. „Er sprach von seinem Sohn, der in der Royal Air Force einen Cobra-Hubschrauber steuerte“, erzählt Peres, „das machte auf mich besonderen Eindruck, denn auch mein Sohn war Cobra-Pilot in der israelischen Luftwaffe.“ Das Eis war gebrochen.

Die Hausherrin hatte gekocht, und Hussein scherzte am Ende des Essens, er und Peres seien mit dem Abspülen dran. Stattdessen gingen die beiden in Klausur. Was sie dort vereinbarten, war eine Friedenskonferenz zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn. Die Palästinenser sollten an den Verhandlungen als Teil der jordanischen Delegation teilnehmen. So wie es Anfang der 90er Jahre dann auf der Madrider Konferenz geschah. Allein, Schamir hintertrieb den Friedensplan. Vielleicht hätte Peres das als Warnung sehen sollen, als er vor 20 Monaten in die Koalition mit Scharon eintrat, hoffend, er könne den Friedensprozess retten.

Vom Visionär zum Verlierer

Vielleicht muss man nur beharrlich warten, lange genug aushalten, um Geschichte zu schreiben. Der Fall der Mauer 1989 kam für Peres gerade noch rechtzeitig. Damals war er schon hoch in den 60ern. Aber die Gelegenheit wollte er sich nicht entgehen lassen. Die Sowjetunion war als Störenfried und Rüstungslieferant der arabischen Staaten ausgefallen. Die Zeit der Gemäßigten war angebrochen. Die Madrider Konferenz, der Durchbruch in Oslo, der Friedensvertrag mit Jordanien – die Israelis kamen einem endgültigen Ende des Konflikts mit den Arabern immer näher. Es war die beste Zeit für den Träumer Peres. Und plötzlich fanden sich zwei, die sich ihr Leben lang bekämpft hatten: Rabin wurde zur Erdung, zum Sicherheitsseil des in immer waghalsigeren Zukunftsvisionen schwebenden Peres. Zusammen konnten sie die Israelis davon überzeugen, den Frieden zu wagen.

Arafat war zurückgekehrt, die Palästinenser hatten eine beschränkte Autonomie erhalten. Aber während sich andere um A-, B- und C-Zonen der Souveränität stritten, entwarf Peres schon den Nahen Osten von Übermorgen: gemeinsame Wirtschaftszone, offene Grenzen, eine Region von Software-Spezialisten und Hightech-Ingenieuren. Noch wurde um Grenzen gestritten, weil die Palästinenser zum ersten Mal ihre eigenen haben wollten, und Peres machte sich schon daran, sie wieder aufzulösen. Ein wenig zu früh.

Denn dann wurde Rabin ermordet, später explodierten die Bomben von Hamas und Hisbollah, und Peres verlor die Wahl 1996 hauchdünn gegen Netanjahu. Plötzlich war dem Visionär die Realität abhanden gekommen. Es folgten nur noch Demütigungen: Ehud Barak gewann 1999 die Wahl für die Arbeitspartei, Peres bekam aber nur das unbedeutende Ministerium für regionale Zusammenarbeit. Und dann fiel er bei der Wahl zum Staatspräsidenten durch. Dabei hätte man ihn dringend gebraucht. Denn so mancher fragt sich, ob Israel bei den Friedensverhandlungen mit Arafat in Camp David nicht mehr Erfolg gehabt hätte, wenn Baraks mutige, aber barsch vorgetragene Offerte von Peres’ diplomatischem Feingefühl begleitet worden wäre. Vorbei. Peres war vom Visionär zum Verlierer geworden.

Die meiste Zeit ist Peres Außenseiter gewesen. Zu elegant, zu europäisch, zu intellektuell – das sind die Vorbehalte vieler Israelis gegen ihn. In den fast zwei Jahren als Außenminister in Scharons großer Koalition wurde es zunehmend einsamer um ihn. Viele Weggefährten sagten sich von Peres los, weil er seine Prinzipien verrate und einer nur auf Stärke setzenden Regierung als Feigenblatt diene. Manche Journalisten, die ihn in seinem Arbeitszimmer interviewten, wunderten sich über die auch tagsüber runtergelassenen Jalousien: Als müsste die grausame Wirklichkeit draußen bleiben, damit Peres weiter Zukunftsvisionen entwerfen konnte.

Auch seine Art zu schreiben hat sich verändert. Peres’ Buch „Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss“ ist eine seltsame Mischung aus Hightech-Vision und alttestamentarischer Prophetie. Er zitiert die jüdischen Weisen, beharrt auf der moralischen Mission des Judentums, oft genug in jenem ungeduldigen hohen Ton der biblischen Propheten.

Am Tag nach seinem Rücktritt saß Peres schon wieder auf Mallorca mit palästinensischen Politikern zusammen und versicherte, er werde sich weiter für den Frieden einsetzen. Seine melancholisch-abwesenden Augen scheinen sich der Realität zu verweigern: Die alte Welt, die Peres schon überwunden glaubte, die Welt des jüdisch-arabischen Konfliktes hat ihn wieder eingeholt. Seine neue Welt muss warten. Bis auf Weiteres. Aber 79 Jahre ist ja kein Alter. Kein biblisches jedenfalls.

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