Kultur : Der geteilte Himmel

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Neben den Territorialkonflikten zwischen arabischen Einwohnern und jüdischer Stadtverwaltung ist Jerusalem seit Jahrhunderten auch von der Konkurrenz der dort ansässigen monotheistischen Weltreligionen geprägt. Mancher mag sich die dortigen heiligen Stätten des Christentums deshalb als Nische paradiesischen Friedens vorstellen. Wie weit das jedoch von der Realität entfernt ist, zeigt nun ein Dokumentarfilm über die Jerusalemer Grabeskirche, „Im Haus meines Vaters sind viele Wohnungen“. Der deutsche Regisseur Hajo Schumerus spiegelt im Mikrokosmos interkonfessioneller Grabenkämpfe um diese Kirche die großen religiösen Konflikte der Stadt.

335 nach Christus von Kaiser Konstantin erstmals am Ort der vermeintlichen Grabstätte Christi auf dem Golgathahügel geweiht, erhielt die Kirche vom heiligen Grab im Lauf der Jahrhunderte im Wechsel von Zerstörung und partiellem Wiederaufbau ihre heutige uneinheitliche Gestalt und gilt als größtes Heiligtum der katholischen Christenheit, tatkräftig befördert von Mythen und blühendem Reliquienhandel. Heute drängeln sich durch die in die Altstadt integrierte Basilika täglich Tausende von Touristen und Gläubigen, die goldgefasste Steinbrocken und Ikonen befingern, staunen und beten.

Bewirtschaftet wird das verwinkelte Gotteshaus von – ausnahmslos männlichen – Vertretern der sechs vorreformatorischen Konfessionen, die sich Rechte und Pflichten nach einem osmanischen „Status Quo“ aus dem 19. Jahrhundert teilen: einer detaillierten Hausordnung, die Gottesdienstzeiten, Zugangsrechte zu den einzelnen Kapellen regelt. Doch so penibel das Regelwerk auch ist, so hartnäckig die Versuche, es durch Dreistigkeit und die Kraft des Faktischen im jeweils eigenen Sinne neu zu deuten. Besonders im Trubel während kirchlicher Feste kommt es auch immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen.

Wie draußen gibt es auch bei den patriarchalen Hahnenkämpfen der Grabeskirche Underdogs und Gewinner: Ganz oben in der Rangordnung stehen Griechisch- und Armenisch-Orthodoxe sowie Franziskaner, die sich das Langschiff mit dem Haupteingang zum Grab teilen. Dabei sind die Griechen im Besitz des Hausrechts und des Grabes selbst, während die Franziskaner mit der einzigen Orgel den akustischen Luftraum unter Kontrolle haben.

Die Kopten dürfen nur den Hintereingang zum Grab benutzen, während die Syrer wegen Steuerschulden irgendwann in eine mickrige Seitenkapelle verbannt wurden. Fast idyllisch haben es da die abessinischen Christen in einer spartanischen Enklave auf dem Dach, die ihnen allerdings von den Kopten streitig gemacht wird. Dazu kommen zwei muslimische Familien, die sich den täglichen Pfortenschließdienst teilen und ähnlich eifersüchtig ihre Pfründe hüten.

Auch in den heiligen Gefilden bestimmt das Sein das Bewusstsein, wie Statements der konfessionellen Repräsentanten in Schomerus’ Film zeigen. Da agieren der griechische Patriarch und der Franziskanerpater mit der lässigen Arroganz der Arrivierten, während der koptische Pater sich in sanftem Humor und der Abessinier in Messianismus flüchtet. Bis auf diese Interviews und einige erklärende Texttafeln begleitet der Film „In meinem Haus sind viele Wohnungen“ das Treiben kommentarlos in aufwändiger Breitwand-Bildgestaltung.

Dabei entfalten die Zaunstreitigkeiten der heiligen Nachbarschaftskriege ihren ganz eigenen bitteren Humor und bieten trotz der innerkirchlichen Düsternis auch beeindruckende visuelle Erlebnisse wie die von Schomerus’ Kamera grandios eingefangene orthodoxe Osterfeuerzeremonie mit ihren dicht gepackten Menschenmassen über flammenden Kerzenmeeren. So lässt sich das Wunder aus der sicheren Distanz des Kinosessels selbst von Klaustrophobikern schaudernd genießen.

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