Kultur : Der geteilte Himmel

Politik und Kunst: In Taiwans Hauptstadt Taipei eröffnet die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ihr neues Schaufenster für Ostasien

Bernhard Schulz

Zwölf weiß gekleidete Hostessen tragen rote Kissen mit vergoldeten Scheren. Die Ehrengäste, Museumsdirektoren und Sponsoren, werden aufgerufen, die Scheren zu ergreifen und ein Band zu zerschneiden. Blitzlichter zucken – die Ausstellung ist eröffnet!

In Taipei, der Hauptstadt von Taiwan, offiziell der Republik China, wird auf Etikette geachtet. Die am vergangenen Freitag eröffnete Ausstellung „A Century of German Genius“, mit der die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz den Bogen vom Klassizismus des späten 18. bis zum Expressionismus des frühen 20. Jahrhunderts in Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk schlagen, ist ein Ereignis. Erstmals wird auf der Insel ein Überblick zur deutschen Kunst präsentiert (bis 1. August). Die Schau versteht sich als Gegengabe zu der grandiosen Übersicht „Schätze der Himmelssöhne. Die Kaiserliche Sammlung aus dem Palastmuseum Taipei“, die letzten Sommer im Alten Museum Berlin sowie in der Bundeskunsthalle Bonn 270000 Besucher beeindruckte.

Rund 190 Werke vorwiegend aus der Alten Nationalgalerie und dem Kunstgewerbemuseum bieten nun umgekehrt einen Querschnitt des in den Berliner Museen besonders gewichtig vertretenen, „langen“ 19. Jahrhunderts. Der umfangreiche Katalog erschließt dem taiwanischen Publikum eine unbekannte Kunstlandschaft. Vor allem aber ist diese Gegengabe – ein Politikum.

Denn nichts ist unpolitisch in Taiwan. Zur Eröffnung im Palastmuseum am Stadtrand der hektischen Sechs-Millionen-Metropole hatte sich auch der unlängst im Amt bestätigte Präsident Chen Shui-bian angesagt – um dann aber doch der Zeremonie fernzubleiben. Der Präsident, zuvor Bürgermeister der Hauptstadt, erlebt turbulente Zeiten. Alle Aufmerksamkeit richtet sich auf seine Rede zur Amtseinführung am 20. Mai, von der eine Antwort auf die Kardinalfrage der taiwanischen Politik erwartet wird: die nach dem Verhältnis zur Volksrepublik China.

Die Nicht-Beziehung zu „Festlandchina“, wie man den mächtigen Nachbarn stets nennt, ist wieder einmal frostig. Es mangelt nicht an Pekinger Warnungen an Chen, die seit langem virulente Frage einer Unabhängigkeitserklärung der Inselrepublik bloß nicht anzuschneiden. Gleichzeitig betonte der Ministerpräsident der Volksrepublik, Wen Jiabao, bei seinem Berliner Staatsbesuch am Montag, eine Wiedervereinigung mit Taiwan könne „von niemandem aufgehalten“ werden. Er sagte dies ausgerechnet im Potsdamer Cecilienhof, wo 1945 die Teilung Europas beschlossen wurde. Wen unterstrich, im Potsdamer Abkommen sei Taiwans Zugehörigkeit zu China festgeschrieben worden.

Dabei ist die chinesische Identität der Insel im Schwinden begriffen; laut Umfragen versteht sich eine Mehrheit der 23 Millionen-Bevölkerung als „Taiwaner“. Die von beiden Chinas früher gleichermaßen, nur unter entgegengesetzten ideologischen Vorzeichen verfochtene Politik des „einen China“ gehört im Alltag der Republik zum Erbe der Herrschaft Tschiang Kai-scheks. Mit der seit den Achtzigern schrittweise vollzogenen Demokratisierung wird dieses Erbe als zunehmend überholt empfunden.

Die Inselrepublik ist so etwas wie ein Quasi-Staat. Wegen des volkschinesischen Alleinvertretungsanspruchs steht sie ohne nennenswerte diplomatische Anerkennung da und dürstet nach Zeichen „normaler“ Beziehungen. Kulturaustausch ist ein probates Mittel. Das Gastspiel der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als größter deutscher Kultureinrichtung ist hoch willkommen, zumal die Staatlichen Museen eine auf mehrere Jahre angelegte Ausstellungsreihe für Ostasien gerade in Taipei beginnen. Stiftungspräsident Klaus-Dieter Lehmann spricht von einem weltumspannenden „Metropolenprogramm“. Die unter diesem Begriff gebündelten Aktivitäten der Staatlichen Museen verbuchen Erfolge wie 2003 in Brasilien, wo eine Million Besucher die Glanzlichter der Berliner Afrika-Sammlung bewunderte.

Im kommenden Jahr steht Japan auf dem Kalender der Staatlichen Museen, erst danach die Volksrepublik. Ein reger Informationsaustausch sorgt dafür, dass in Peking keine Verstimmung über das Engagement in Taipei aufkommt. Solange der Status Taiwans nicht berührt wird, beweist die Volksrepublik einmal mehr den langen Atem dessen, der sich seiner auf Jahrzehnte angelegten politischen Strategie sicher ist.

All das bildet eine Grundkonstellation, die bei den Kulturereignissen nicht sofort zu bemerken ist, in vermittelter Form allerdings schon. Die von der Berliner Kunsthistorikerin Agnete von Specht gemeinsam mit den taiwanischen Leihnehmern getroffene Kunstauswahl betont nämlich die föderale Struktur der deutschen Kunstentwicklung. Das kann als Hinweis auf den stets zentralistischen Charakter Chinas verstanden werden. Die Kulturnation gab es in Deutschland lange vor dem Nationalstaat. So ist es auf den ersten Blick verwirrend, auf den zweiten aber folgerichtig, dass die Ausstellung mit Rom einsetzt, war doch der kulturelle Mittelpunkt Italiens samt antikem und christlichem Erbe zugleich der Sehnsuchtsort der Goethezeit. Danach erst kommen das klassizistische Berlin Schinkels, das romantische Dresden C.D. Friedrichs, Hamburg mit Runge, aber auch das biedermeierliche Wien eines Ferdinand Waldmüller in den Blick; dann mit Düsseldorf und München die großen Akademien der Jahrhundertmitte.

Die mit repräsentativen Werken – auf Wunsch der taiwanischen Partner nur in kleinen bis mittleren Formaten – aufwartende Ausstellung zum „Deutschen Genius“ macht anschaulich, dass die kulturelle Entwicklung weder mit der staatlichen parallel läuft noch überhaupt als Legitimation von Herrschaft und politischen Ambitionen taugt. So ist das Ausstellungskapitel zur Kaiserzeit neben Anton von Werner mit Antipoden des Wilhelminismus besetzt, wie Liebermann oder Corinth oder auch dem unbestechlich beobachtenden Menzel. Nach der Wende zum 20. Jahrhundert dominieren ohnehin die „Jungen Wilden“ des Expressionismus.

Das Kunstgewerbe spielt in der Ausstellung eine bedeutende Rolle; der preußische Eisenkunstguss fand das besondere Interesse der chinesischen Gastgeber. Dieses Zusammenspiel der Gattungen, das die elegant gestaltete Ausstellung zwanglos vorführt, vermisst man in Berlin.

Die chinesische Hochkultur kennt anders als die unsere die Trennung der Künste nicht. Das Palastmuseum stellt von Bronzen bis Porzellan, von Malerei bis Kalligraphie – und damit Dichtkunst – alle Gattungen in ihrem historisch bedingten Auf und Ab dar. Wo die europäische Kunstgeschichte ein Bild der Brüche und der wechselnden geografischen Schwerpunkte bietet, stehen für China Kontinuität und Einheit in Vielfalt obenan. Und eben die Legitimation des die Kunstschätze bewahrenden Kaisertums, wie sie in der Berliner „Himmelssöhne“-Ausstellung so eindrücklich vor Augen trat.

Aus diesem politischen Kontext versucht der knapp 60-jährige Tu Cheng-sheng, der ins Amt des Erziehungsministers wechselnde Direktor des Palastmuseums, seine Institution zu lösen. Mit dem schrittweisen Abschied von der Ein-China-Politik verlieren die 1949 als Unterpfand der Herrschaft nach Taiwan evakuierten Schätze aus der „Verbotenen (Kaiser-)Stadt“ ihre legitimierende Rolle. Museumsdirektor Tu hatte in einer bemerkenswerten Berliner Rede die politische Indienstnahme der Kunst – und seines Museums – zurückgewiesen. Das kulturelle Erbe, so wiederholte er jetzt in Taipei, gehöre der ganzen Menschheit; das Palastmuseum müsse sich nicht so sehr als chinesische denn als universalistische Einrichtung präsentieren.

Vom Auswärtigen Amt kam übrigens keinerlei materielle Unterstützung für das Austauschvorhaben. Taiwan hat sich in erheblichem Maße engagiert – abgesehen von der überwältigenden Gastfreundschaft, mit der die Museumsleute der Insel ihre Berliner Kollegen empfingen. Taipei bietet eine breit gefächerte Kulturszene, aus der das der Gegenwart zugewandte Museum der bildenden Künste, aber auch die archäologische Sammlung der Academia Sinica sowie das der ethnischen Vielfalt des Landes verpflichtete Historische Museum herausragen.

Die breite Reaktion der Medien rund um die Eröffnung des Berliner Gastspiels spricht für den erhofften Publikumszuspruch. Mit ihren Museumssammlungen rückt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz mehr und mehr in die Rolle des deutschen Kulturbotschafters – auch wenn die Bundesregierung nicht recht bemerkt, welche außenpolitischen Möglichkeiten sich damit eröffnen.

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