Kultur : Der Gipskopf schweigt

Nagano und das DSO ringen mit Beethovens „Eroica“

Ulrich Amling

Erntezeit, mitten im Winter: Kent Naganos Zeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters neigt sich ihrem Ende zu, und die Wertschätzung seiner Arbeit eilt neuen Höhen entgegen. Die Philharmonie ist restlos ausverkauft, auf dem Podium schweben Kameras für die Fernsehserie „Monumente der Klassik“. Beethovens „Eroica“ wird aufgezeichnet, dazu hat man einen Gipskopf des Meisters ins Orchester gestellt. Hinter den Musikern blitzt das Lichtdesign giftig grün. Das alles ist schon ein Erfolg, bevor der erste Ton erklingt.

Nagano hat es geschafft, ein ungemein heterogenes Publikum für das DSO zu begeistern, ohne seinen intellektuellen Blickwinkel aufzugeben. Wie spröde der stets sanft wirkende Chef zu Werke gehen kann, zeigt seine „Eroica“. Wer das Revolutionäre, die Ideengeschichte hinter diesem Stück nachvollziehbar gestalten will, bleibt musikalisch oft im Reich der Behauptung. Rattle ist die „Eroica“ beim Erstversuch mit den Philharmonikern förmlich unter den Händen zersplittert. Hier zu scheitern, ist also keine Schande. Und doch verwirrt Naganos druckvoller, zugleich statischer Ansatz. Es gibt schematische Wiederholungen ohne Echo, abrufbare Energieniveaus, justierte Kollisionswinkel und zu wenig Musik. Der Gipskopf schweigt, wie es sich für ein klassisches Monument gehört. Vadim Repin ist es, der dem Abend doch noch bewegende Momente schenkt. In Schostakowitschs 1. Konzert für Violine und Orchester entdeckt der Russe mit seiner Stradivari ein zart loderndes Feuer: die Hoffnung auf Menschlichkeit.

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