Kultur : Der Glanz der frühen Jahre - Wie Jean Gabin einmal Brezeln aß

Andreas Conrad

Oldtimer-Freunden zaubert es noch immer ein Glitzern in die Augen, rollt ihnen ein Messerschmitt-Kabinenroller entgegen. Ein halbes Jahrhundert zurück war dieses Strahlen der Normalfall, galt die Pilotenkanzel auf Rädern als Inbegriff des Wirtschaftswunders, für ersten Wohlstand. Das Aufsehen, das zur Berlinale 1955 eine ganzes Geschwader von Kabinenrollern auslöste, muss also erheblich und garantiert schmunzelfrei gewesen sein. Der Anlass der Reklamefahrt? Ein neuer Film mit Richard Widmark. Sein Titel? Unwichtig. Aber die Szene trifft exakt das, was man Zeitgeist nennt.

Der hat mitunter die Form von Salzbrezeln, auf einem Teller hübsch drapiert, die Tischdecke blütenweiß, das Mobiliar betont gediegen. Auf dem Sofa zwei Männer: links Jean Gabin, rechts Willy Brandt. Man begegnete sich auf der Berlinale 1960. Ja, das war der Glanz der frühen Jahre. Fotografen wie der verstorbene Heinz Köster haben ihn festgehalten, unter Arbeitsbedingungen, die den heutigen kaum noch gleichen. Welcher Fotograf hat schon noch Zeit, sorgfältig Bilderserien zu komponieren, abzuwarten, bis eine Szene sich wie zufällig ergibt?

Es liegt nahe, dass sich bei den ersten Filmfestspielen am Potsdamer Platz das Augenmerk vor allem auf Gegenwart und Zukunft richtet, obwohl gerade ein Jubiläumsfestival zum Rückblick einladen sollte. Schön also, dass neben dem überarbeiteten und erweiterten Buch "50 Jahre Berlinale" von Wolfgang Jacobsen (erschienen bei Nicolai) auch eine Ausstellung im Willy-Brandt-Haus mit Arbeiten von zehn Fotografen, darunter der für den Tagesspiegel arbeitenden Birgit Kleber, zur Besinnung auf das zurückliegende halbe Berlinale-Jahrhundert einlädt. Gina Lollobrigida, wie sie sich 1958 durch die begeisterten Zaungäste drängt, Sidney Pollack, der sich 1986 interessiert die Wachablösung an der Neuen Wache anschaut, dann all die Randbeobachtungen auf Pressekonferenzen, Premierenpartys, Empfängen, schließlich die Porträts von Schauspielern und Regisseuren - zehn Fotografen haben ihnen ein Denkmal gesetzt und nebenbei ein Stück Stadtgeschichte dokumentiert. Zum Glück läuft längeralsdas Festival. Im Berlinale-Trubel wird sie leicht übersehen. Es wäre schade.Noch bis zum 19. März im Willy-Brandt-Haus

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