Kultur : Der globale Durchstarter

NICOLA KUHN

Spätestens alle zwanzig Minuten wiederholt sich die Szene: Das Handy klingelt, und Klaus Biesenbach nuschelt ein weltläufiges "Hellooooh" in den Apparat, um darauf ebenso freundlich wie bestimmt - wahlweise in Deutsch und Englisch - zu erklären, daß es gerade nicht günstig sei, er sich aber wieder melden werde.Denn das hat der Leiter der am 30.September startenden "Berlin Biennale" allen Künstlern versprochen: immer und überall für sie in diesen Wochen der Vorbereitung erreichbar zu sein.

Mit jedem weiteren Anruf wundert sich der Gesprächspartner, wie dieser Mann bei all den Anfragen und womöglich später getätigten Rückrufen noch ruhig bleiben kann.Biesenbach kann.Die kleine Welt des Handy im Griff zu haben ist nichts im Vergleich zu der von ihm ebenso leichthändig ausgeführten Übung, als absoluter Newcomer auch die Kunstwelt zu "handlen".Wer vor ein paar Jahren noch laut heraustrompete, dieser Naseweis sollte besser die Finger von Ausstellungen lassen, der sagt es heute nur noch leise.Aus dem abgebrochenen Medizinstudenten ist eine Größe im Berliner Kulturleben geworden: der Erfinder der Galerie-Szene in der Auguststraße, wie Hochglanz-Magazine seit Monaten raunen.

Tatsächlich hat die Geschichte fast mythische Qualität, wie der junge Mann im fernen New York den Mauerfall am Fernseher verfolgte und dachte: Da muß ich hin.Das ist der Stoff, aus dem die "Generation Berlin" gemacht ist.Mittlerweile langweilt es den Mediendarling Biesenbach, die Story ein weiteres Mal zu wiederholen, er fängt lieber gleich von der Auguststraße zu erzählen an: wie er 1990 mit ein paar Freunden die leerstehende ehemalige Margarinefabrik entdeckte, die selbst den Hausbesetzern zu verfallen war, wie er sie in einen Kunstort wandelte.Während sich im Westen die Ausstellungsmacher noch die Augen rieben, holte er sich Altstars wie Joan Jonas, Joseph Kosuth und Lawrence Weiner über den Atlantik in die zunehmend herausgeputzte Bruchbude und pflockte die Auguststraße in das internationale Kunstgeschehen ein.

Den großen Coup landete er 1992 mit "37 Räumen", eine über das Scheunenviertel verteilte Ausstellung, bei der drei Dutzend Kuratoren Kunst in leerstehenden Wohnungen, aufgegebenen Geschäften und alten Klassenzimmern präsentierten.Die Sache wurde ein Erfolg und Berlins meistdiskutierter Beitrag zum Documenta-Jahr.Klaus Biesenbach hatte endgültig den Ruf weg, für nachrückende Investoren den Boden bereitet zu haben.Gemunkelt wird ebenso über seine blendenden Kontakte zur Berliner CDU; mißtrauisch beäugt wird sein Verhältnis zu Kultursenator Peter Radunski, der den Kunst-Werken e.V."zündende Signal- und Initialwirkung für die aktuelle Kunstproduktion der Stadt" und "internationale Angebundenheit" attestiert.

Zu Biesenbachs Blitz-Karriere, die in der Fabrik-Ruine von Berlin-Mitte ihren Ausgang nahm, gehörte das Mißtrauen, die uneingestandene Eifersucht von Anfang an dazu.Spurlos geht das an keinem vorüber, selbst wenn er alert und mit scheinbarer Unverletztlichkeit durch das tückische Kunstmilieu gleitet.Auf Ausstellungseröffnungen wirkt Biesenbach wie ein Alien: mittendrin und außen vor, immer ein wenig unsicher, wie dieses angekommen, ob jenes richtig verstanden worden sei."In New York ist Ehrgeiz erstmal etwas Positives, und er kann Dinge bewegen.Hier ist er fast tabu oder wird einem geneidet", ärgert er sich über Berlin.

Seit 1996 hat der freie Kurator mit amerikanischen Altmeistern ("Ich habe mir am Anfang meine Professoren eben selbst eingeladen") wie mit der internationalen Nachwuchsgeneration ebenso vertraute Kunst-Globetrotter Gelegenheit zum Städtevergleich.Damals holte ihn die PS 1-Gründerin Alanna Heiss zur Wiedereröffnung an New Yorks wichtigste Ausstellungsstätte junger Kunst, die auch als Talentschmiede für Jungkuratoren gilt.Bereits im Vorjahr war Biesenbach als Berater für die Gründung des Tokioter "Center for Contemporary Art Kitakyushu" berufen worden.Und wer in der Alten Berliner Welt noch an seiner internationaler Zugkraft zweifelte, den belehrte spätestens seine Berufung in die Biennale-Jury von Venedig 1997 eines besseren.

Entsprechend ärgert ihn, den globalen Durchstarter, die mangelnde offizielle Anerkennung durch Subventionierung seiner Basis-Institution, der Kunst-Werke.Im kommenden Jahr stehen nach Eröffnung der aufwendig sanierten Anlage nur 670 000 Mark an Subventionen bereit."Dieses Budget, gerade einmal die Hälfte von dem, was der Neue Berliner Kunstverein erhält, ist ein Rückschritt auf die Improvisationsstufe bei gestiegenen Erwartungen", schimpft Biesenbach."Eine Bruce-Nauman-Ausstellung für 5 000 Mark, das geht nicht noch einmal." Wenn die Kunst-Werke internationale Ein- und Ausflugschneise sein sollen, dann müsse der Etat unbedingt aufgestockt werden.Mal mehr, mal weniger drohend äußert er auch bei Podiumsdiskussionen: "Ich brauche die Kunst-Werke nicht, noch brauchen sie aber mich." Obwohl ein klassisches "Generation Berlin"-Kid, spart er nicht mit Kritik an der Stadt, die ihm diesen Erfolg bescherte.Schließlich haben auch die Recherchen für die "Berlin Biennale" ergeben, daß die großen Künstler es in den letzten Jahren hier nie sonderlich lange ausgehalten haben.Berlin sei eben kein Ort für Stars wie etwa London, wo ein Damien Hirst wie eine Pop-Ikone gehandelt werde.

Aus solchen Ansprüchen spricht nicht nur ein stark ausgebildetes Selbstbewußtsein, sondern auch die Sehnsucht, verstanden, ja geliebt zu werden.Aber muß das Betätigungsfeld dann gerade die Kunst sein? Der Anfang- Dreißigjährige kommt aus der TV-Generation, wie er freimütig bekennt, von Kindesbeinen auf trainiert für die Informationsgesellschaft, in der wir mit den neunziger Jahren endgültig angelangt sind."Zählte in den achtziger Jahren einzig das Produkt, so dominieren heute die Information, auch durch e-mail, Handy, Fax, Reisen", erklärt er."Ich könnte ebensogut einen Politiker oder eine Firma wie Disney beraten oder ein Büro für Zeitgenossenschaft gründen".Ort und Zeit spielen da keine Rolle, denn auch Fliegen und Fernsehen sind für ihn das Gleiche: So ist es wohl kein Zufall, daß Biesenbach letztlich im internationalen Ausstellungsbetrieb gelandet ist, welcher ebenfalls mit einem weltumspannenden Netz operiert und auf der Basis weitergegebener Informationen beruht.Von der Naturwissenschaft zur Kunst sei es ohnehin kein großer Schritt gewesen, sagt der Ex-Mediziner.Beide versuchen die Welt zu erklären, nur im Gegensatz zur Kunst neige die Naturwissenschaft dazu, ihren modellhaften Ansatz zu absolutieren.Da switcht Klaus Biesenbach lieber zwischen den Welten hin und her und läßt wissen: Berlin ist nur ein Punkt auf der Landkarte und die Biennale nur ein kleiner Termin im vollgespickten Kalender.

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