Kultur : Der Globus tanzt

Londons Auktionshäuser verdienen prächtig an zeitgenössischer Kunst

Matthias Thibaut

Die Londoner Contemporary Auktionen bei Sotheby’s und Phillips illustrierten prächtig die von den Experten beschworene „fundamentale Strukturänderung am Kunstmarkt“. Gemeint ist, dass mehr Menschen mehr Geld für Kunst ausgeben als je zuvor und dass Kunst nun wie ein Grundstoff gehandelt wird – wie Sojabohnen oder Aluminium.

„Eine globale Gemeinde von Kunstfreunden wetteiferte um Werke der besten Qualität“, frohlockte Sotheby’s Contemporary-Chefin Cheyenne Westphal. Die Bilanz des Auktionshauses von 2007 fasst ihre Freude in harte Fakten: Die Zahl der Bieter, die jährlich Kunst für mindestens eine halbe Million Dollar kaufen, hat sich in den vergangenen fünf Jahren zweimal verdoppelt. So wurde Sotheby’s Prestige-Auktion mit einer Abendkasse von 95 Millionen Pfund (126 Millionen Euro) die erfolgreichste Zeitgenossen-Auktion je in Europa. Zu den strahlendsten Zuschlägen gehörte Gerhard Richters meditatives Bild einer Kerze. Eigentlich ist es ja ein Vanitas-Motiv, das den Betrachter an die Vergänglichkeit erinnert. Aber das war das Letzte, was den Bietern in den Sinn kam. Ein amerikanischer Telefonbieter bezahlte 8 Millionen Pfund (10,6 Millionen Euro).

Die Kunsthändler fliegen um die Welt, als sei nichts geschehen. Das Wackeln, das man Anfang des Monats bei Christie’s spürte, ist vorbei. Sotheby’s verkaufte in der Abendauktion vier Gemälde zu Superpreisen, darunter wieder eines von Francis Bacon für fast 20 Millionen Pfund und ein Selbstporträt von Warhol (11,5 MillionenPfund). Das gab den Sammlern Mut. Als am nächsten Tag Preiswerteres anstand, wurden 85 Prozent der Lose verkauft – entsprechend war das Ergebnis bei Phillips. Würde die Nachfrage erlahmen, dann zuerst hier, wo keine Meisterwerke angeboten werden, sondern Dutzendware, die man immer haben kann.

Ob Richters Kerze so unwiederholbar war? Richter malte immern 27 davon. Geschätzt waren 1,8 bis 2,5 Millionen Pfund. So war man bei Sotheby’s schon frappiert, als der Preis an dem erst Anfang des Monats erzielten Rekordpreis für ein anderes Gemälde von Richter vorbeizog. Nur noch Jeff Koons und Damien Hirst sind unter den lebenden Künstlern teuerer. Der zweite Künstler, der in diesem Monat einen gigantischen Preissprung machte, ist Lucio Fontana. Nach dem Superpreis bei Christie’s für eine rote, geschlitzte Leinwand konnte Sotheby’s für das durchlöcherte goldene Ei mit Fug und Recht einen Spitzenpreis erwarten.

„Fine di Dio“, Tod Gottes, heißen diese Ei-Gemälde mit philosophischem Gehalt. Fontana dachte dabei auch an den Gott der Malerei und trieb die Bildform an die Grenze zur Skulptur. Das goldene Exemplar, das Sotheby’s anbot, ist das beste der Serie. So musste der New Yorker Kunstagent Philippe Segalot 10,3 Millionen Pfund bezahlen.

Bei den Stars der letzten Jahre – Hirst, Bacon, Warhol – scheint das Preislimit erreicht. Die Sammler sehen sich nach Neuem um. Sotheby’s Starangebot von vier Werken aus der Sammlung Marcel Brient wurde nur zäh verkauft. Dagegen findet man in den Werken russischer Nonkonformisten der Sowjetära neue Individualität: Phillips versteigerte eine europäische Sammlung mit 39 Werken mit maximalem Erfolg. Ilja Kabakows Gemälde eines Käfers mit dem Text eines Kinderreims wurde mit 2,9 Millionen Pfund das teuerste russische Nachkriegswerk. Bieterin war kurioserweise die Chefin von Christie’s Londoner Contemporary Abteilung, Pilar Ordovas. Bedeutsam auch, dass dieser russische Toppreis nicht mehr überboten wurde. Hinter den Russen warten die Inder. Der britische Sammler Frank Cohen zeigt stolz seine Sammlung indischer Kunst, Charles Saatchi bereitet für sein mehrfach verschobenes neues Museum eine Indienschau vor. Auch die Londoner Serpentine Galerie plant eine Retrospektive. Die neuen Künstlersterne heißen T.V. Santosh oder Subdoh Gupta, dessen Bronzearbeit „Magic Wands“ bei Phillips 102 500 Pfund kostete.

Deutsche Kunstfreunde müssen aber nicht verzagen. Maler der Neuen Leipziger Schule werden immer noch verkauft. Phillips erzielte sogar einen Rekord für Matthias Weischers „Egyptian Room“ mit 288 500 Pfund. „Gruppe ‚11, Rote Elke und Flasche“ von Georg Baselitz kostete in der Sotheby’s-Abendauktion 580 500 Pfund, in der Folgeauktion verdreifachte sein Stillleben „Tulpen“ den Schätzpreis auf 479 700 Pfund (638 000 Euro).

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