Kultur : Der glückliche Sisyphos

Heute hält der Literaturnobelpreisträger Imre Kertész seine Rede vor der Schwedischen Akademie in Stockholm. Vor dem Abflug: ein Besuch bei Kertész in Budapest

Peter von Becker

Sind das, in der Woche vor dem zweiten Advent, die Willkommensgrüße zur christlichen Jahreszeit? Im Eingang zum Treppenhaus, hinter neunzehn meist verbeulten Blechbriefkästen – einer trägt das Namensschild „Kertész“ – hängen zwei Kränze mit roten Schleifen, trocken, ein wenig staubig schon. Vielleicht Adventsschmuck. Allerdings sind es Lorbeerkränze; die könnten beide auch dem Dichter gelten, dem gelehrten und dem geehrten: poeta doctus und poeta laureatus.

Es ist ein Budapester Stadthaus, vierstöckig, grauschwarz von außen, so wie die meisten Bauten und Viertel der ungarischen Hauptstadt im nasskalten Dezember. Davor tobt dieselnd und hupend der Nachmittagsverkehr, nebenan eher schäbige Läden, Lampen, Fotoservice, Trödel, eine Wäscherei. Drinnen in dem Haus, in dem der neue Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und seine Frau Magda wohnen, werden Licht und Lebenszeichen immer heller, je höher wir steigen. Im dritten Stock ist die Adresse dann unverkennbar. Im Treppenflur grüßt neben der Türklingel ein Plakat, das den nunmehr für alle Zeiten prominentesten Bewohner mit der Botschaft „Nobel-díja 2002“ und den Covern seiner wichtigsten Bücher zeigt, am größten abgebildet hat Kertész’ ungarischer Verlag Magvetö dabei das Schlüsselwerk: „Sorstalanság“, Schicksallosigkeit, woraus in der deutschen Übersetzung der „Roman eines Schicksallosen“ wurde.

Dieses Buch, das von dem Fünfzehnjährigen erzählt, der im Sommer 1944 als jüdisches Kind aus der Familie und dem humanistischen Gymnasium in die absolute Inhumanität und fast in den Tod gerissen wird und doch die Selektion in Auschwitz und dann bis zum Kriegsende das KZ Buchenwald überlebt, dieses Buch ist ja zum Schicksal des Schriftstellers Imre Kertész geworden. Man möchte, zumal im neuen Licht des Nobel-Ruhmes, sagen: zum Schicksal des zweiten oder gar dritten Lebens von Imre Kertész.

Aber da widerspricht er, widerspricht mit jeder Zeile, die er schreibt. Nein, es ist dieses eine, für andere nie ganz fassliche Leben; der Schrecken und der späte Erfolg, sogar das vom Unglück für ihn oft kaum scheidbare Glück, das alles gehört unauflöslich zu seiner dem frühen Tod entronnenen Existenz. Und dennoch empfindet er sich, eine Weile schon, als Mensch „auch zwischen den Zeiten“.

Der schwärzeste Erfahrungsschatz ist für Kertész ein moralischer Kompass, Auschwitz ein Brandmal, das in die Zukunft leuchtet, als Trauma das Zeichen des Menschenmöglichen. Und andererseits: Menschennötigen. Die Gegenwart liegt dazwischen, wie ein reales Phantom. Und ist doch im Augenblick greifbar. „Hier“, sagt Kertész (der sich hinten mit hartem „s“, nicht mit „sch“ spricht), „hier steht mein erster eigener Schreibtisch!“ Der Nobelpreisträger, den wir zwei Tage vor seinem Abflug zum heute Nachmittag zu haltenden Nobel-Vortrag vor der Schwedischen Akademie und der am Dienstag folgenden Preisübergabe noch in Budapest besuchen, er steht lachend im Raum. Kertész deutet auf das in edlem Design ums Eck geschwungene, naturholzglänzende Möbel: „Der erste wirkliche Schreibtisch meines Lebens – und sieht gleich aus wie von einem Geschäftsführer!“

Imre Kertész ist gerade 73 geworden. Mit Magda, seiner zweiten Frau, hat er vor fünf Jahren, als man ihn endlich kannte, das geräumige schöne Vierzimmerapartment in Buda, auf der linken Donau-Seite, gekauft. Jahrzehnte hauste und arbeitete er auf 28 Quadratmetern in einer Einzimmerwohnung nahe der Margarethenbrücke, die in seinem zweiten Roman mit dem sarkastisch präzisen Titel „Fiasko“ verewigt ist. Da war wohl ein Esstisch auch der Schreibtisch, morgens, wenn seine erste Frau Albina, eine jüdische, jugoslawische Ex-Partisanin, in einer Gaststätte für das Paar Geld verdiente. Albina, die 1995 an einem Hirntumor starb, hat Imres Weltruhm nun nicht mehr erlebt.

Große Schriftsteller wurden häufig verkannt, endeten in Armut im Exil (wie Else Lasker-Schüler in Jerusalem), sie wurden von Diktaturen verfolgt, ermordet oder haben sich ( als Holocaust-Überlebende) später selbst getötet, auch als längst Anerkannte – und womöglich doch Unerkennbare: wie Primo Levi, Paul Celan, Carl Améry. Aber der Fall, der späte Glücksfall Kertész ist doch einzigartig.

Noch vor kaum einem Jahrzehnt, da war Kertész schon über 60 und erhielt erste Stipendien in der Bundesrepublik, hatten wir keine Ahnung von ihm, von seinem Werk. Er hatte sich, von Ungarns Stalinisten auch in der zweiten Diktatur seines Lebens unterdrückt, als „freier“ Autor durchgeschlagen: mit frühen, ungedruckten Texten für kleine Boulevard- und Musiktheater, mit Farcen , die er literarisch nicht gelten lässt. Schließlich wurde er Übersetzer aus dem Deutschen, von Nietzsche und Freud, Canetti und Wittgenstein, von Schnitzler, Thomas Bernhard und Tankred Dorst. Doch als er einmal in München, wohl 1992, und dann 1993 in der Berliner Kulturbrauerei seine eigene Prosa las, da kamen jeweils zwischen zwei und sieben Menschen.

Erst die Neuübersetzung des aus der erbarmungslos unbestechlichen Sicht eines Jungen, eines Simplicius im Holocaust, erzählten „Roman eines Schicksallosen“, 1996 im Verlag Rowohlt Berlin, wurde zum Anfang einer Weltkarriere. Kertész hatte an dem Buch 13 Jahre gearbeitet, als es 1975 erstmals in Ungarn erschien, wurde es sofort verfemt und vergessen. Nicht mal ein Totgeschwiegener – dazu hätte er als Autor überhaupt erst mal leben müssen. Und nun, nach fünf Jahren der wachsenden Anerkennung, der mit 1, 1 Millionen Euro dotierte Nobelpreis. Als ihm den vor zwei Jahren ein ungarischer Kollege nicht nur im Scherz prophezeite, soll Kertész erbleicht sein.

Jetzt kommt er gerade aus Paris, wo sein Bild in den Metrostationen hängt, kommt aus Wien, wo man ihn im Burgtheater geehrt hat. In Budapest, wo nun die Tochter seines Schriftsteller-Freundes Péter Esterházy in der legendären 28-Quadratmeter-Wohnung lebt, hat man ihm noch die Ehrenbürgerschaft verliehen. Doch zugleich schmähen ihn die rechten Nationalisten und Antisemiten. Im staatlichen Fernsehsender nannte man ihn kürzlich nur den „gewissen Herrn“ und sagte dem Auschwitz-Überlebenden: „Wir haben unsere eigenen Toten!“ Über ähnliche Stimmen hat vorgestern auch der Romancier György Dalos im Tagesspiegel berichtet. Doch man kann in Budapest auch anderes hören: Dieser erste Nobelpreis für ein Land voller Poeten und Fußballenthusiasten mache zumindest jene Niederlage von 1954 ein bisschen wett: damals in Bern, im WM-Finale gegen die Deutschen.

Mit den Deutschen, bis 1945 und dann seit den 90er Jahren, sieht sich auch Imre Kertész immer neu verstrickt und verbunden. „Sie sind meine treuesten Leser“, sagt er. 300000 Exemplare wurden hier allein von seinem „Schicksallosen“ bisher verkauft. „Und ein Nomade bin ich jetzt sowieso.“ In Berlin-Charlottenburg hat Kertész seit einem Jahr eine Wohnung gemietet, dennoch wird er nach den Stockholmer Feiern als Fellow des Berliner Wissenschaftskollegs zunächst dorthin in den Grunewald zurückkehren.

„Alles ist absurd“, lacht er, auch der Erfolg. Seine Figuren erscheinen als Wahlverwandte Kafkas und Becketts, sein eigener Wahlverwandter aber ist der mit absurder Würde den Stein immer aufs neue rollende Sisyphos, in Albert Camus’ poetisch-philosophischer Deutung.

Als Kertész, der wegen einer Parkinson-Erkrankung seit zwei Jahren nicht mehr mit der Hand schreibt, auf seinem Tisch den aufgeklappten eleganten Labtop demonstriert und dabei mit allen Freuden der beschleunigten Korrektur auch wieder das Glück eines Unglücks beweist, zitieren wir ihm Becketts Lieblingsmotto: „Scheitern, immer besser scheitern.“ Kertész: „Ach, diesen schönen Satz kannte ich noch nicht. Den hätte ich gerne mal geklaut.“ Aber die Stockholmer Preisrede sei doch noch nicht gehalten. „Nein“, antwortet der Dichter, „vor der Akademie und lauter königlichen Hoheiten darf man nicht vom Scheitern sprechen!“

Was er heute in Stockholm sagen wird, bleibt geheim. Doch das archimedische „Heureka!“ („Ich hab’s gefunden!“), es soll wohl ein Schlüsselwort werden.

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