Kultur : Der Glückliche

Heinz Berggruens Leben als Händler und Sammler ist zum eigenen Kunstwerk geworden

Nicola Kuhn

Schatzhaus, Palästchen – seit die Sammlung Berggruen in Berlin 1996 in den Westlichen Stülerbau gezogen ist, hat sich das klassizistische Kleinod viele Kosenamen erworben, obwohl es doch einst zu den gestrengen Gardekasernen des Charlottenburger Schlosses gehörte. Diese liebevollen Bezeichnungen erinnern eher an Märchenhaftes, Erzählungen aus Tausendundeine Nacht. Tatsächlich summt es in dem Haus vor lauter Geschichten, gewispert von den 185 Bildern der klassischen Moderne. Hauptfigur aber ist der Sammler selbst, Heinz Berggruen. Märchenhaftes umrankt den Heimgekehrten, der vor über sechzig Jahren die Stadt verlassen musste und die Nachfahren seiner einstigen Verfolger nun mit Kunst beglückt. Wer den kleinen zierlichen Herrn mit den grauen Haaren und der Hornbrille durch sein Museum wandeln sieht, wo er Tür an Tür mit Picasso und Klee in einer kleinen Wohnung logiert, der bestaunt ihn häufig wie ein Kunstwerk seiner selbst, eine Erscheinung aus dem Legendenreich.

Das heutige Berlin braucht dieses Märchen, auch Berggruen selbst. Beide müssen einander heilen, um den unguten Beginn der Geschichte doch noch zu einer versöhnlichen Gegenwart zu führen. Dabei schien wenig auf einen solchen Verlauf hinzudeuten. Berggruen hat selber immer wieder von seiner glücklichen Berliner Kindheit erzählt, den heiteren Begebenheiten im Schreibwarengeschäft der Eltern am Olivaer Platz. Nach einem Kunstgeschichtsstudium in Toulouse kehrte der Sohn assimilierter Juden arglos zurück, schrieb Feuilletons für die „Frankfurter Zeitung“, die er allerdings nur noch mit Kürzel signieren durfte. 1937 verließ er mit einem Berkeley-Stipendium in der Tasche erneut die Stadt; „ohne Druck“, wie er bis heute betont. Seine nun im Transit Verlag erschienenen Zeitungsstücke aus jener Zeit offenbaren jedoch sein Gespür für die aufziehende Gefahr. Erst mit der erneuten Drucklegung dieser Texte kehrte auch für ihn die Erinnerung zurück, dass er als Dreiundzwanzigjähriger nicht direkt von Deutschland nach Amerika ausgewandert war, sondern einige Wochen in Kopenhagen auf sein Visum warten musste. Seine Eltern, die er im letzten Moment vor den Nazis retten konnte, reagierten damals noch mit Unverständnis auf die Auswanderungspläne des Sohnes.

Amerika sollte jedoch für Berggruen das Glück bedeuten, eine erste Anstellung im San Francisco Museum of Art. Die Kunst blieb seine Leidenschaft. Als er nach dem Krieg nach Europa zurückkehrte, wurde ihm Paris zur Heimat, nach einem Münchner Intermezzo als Herausgeber der Zeitschrift „Heute“. Noch immer hat er in Paris (neben Berlin) seinen Wohnsitz behalten; dort feiert er heute auch seinen 90. Geburtstag. Nach einem Zwischenspiel als Unesco-Kunstberater eröffnete der junge Berggruen 1947 auf der Ile de la Cité seine erste Galerie, die bald zu den besten Adressen zählen sollte. Als Berggruen die Geschäfte 1980 übergab, hatte sich der Kunsthändler auch eine atemberaubende Sammlung aufgebaut. Deren Verfeinerung vollzieht sich seit ihrer Beheimatung im Stülerbau durch immer neue Ankäufe nunmehr vor aller Augen. So wird das Kunsthaus immer weiter zum Schatzhaus.

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