Kultur : Der Glückskrug der Yakshas

Indien für Einsteiger: Hinweise auf Bücher über Fernostreisen, Brahmanen-Märchen und Gandhis Enkeltöchter

Kaspar Renner

V.S. Naipaul: Indien. Land des Aufruhrs. Roman. Aus dem Englischen von Ulrich Enderwitz. Claassen, Berlin. 672 Seiten, 24 €.

Ursprünglich wollte er Romanschriftsteller werden. Da nun aber weder das 20. Jahrhundert noch die indische Gesellschaft besonders romantauglich seien, habe er sich für die literarische Reportage entschieden, sagt V. S. Naipaul. In Wahrheit versteht es der Nobelpreisträger, beide Formen miteinander zu verbinden. In drei Reisen hat er das Land seiner Vorfahren erkundet, 1962, 1975 und zuletzt 1990. Naipaul schildert in seinem neu aufgelegten Buch die Widersprüchlichkeit einer Gesellschaft, in der jede Revolution zwei weitere auslöst: Muslimische Extremisten kommen ebenso zu Wort wie radikale Sikhs. Dass der Autor ein Faible für britische Kolonialarchitektur im weiteren Sinne hat, dürfte immer noch provozieren.

Sudhir und Katharina Kakar: Die Inder. Porträt einer Gesellschaft. C. H. Beck Verlag, München. 205 Seiten, 19,90 €.

Es ist schon kühn, einen Text schlicht „Die Inder“ zu betiteln. Dass hier jedoch ein facettenreiches Panorama entfaltet wird, erklärt sich auch aus der doppelten Perspektive der Autoren: Eine europäische Religionswissenschaftlerin schreibt gemeinsam mit einem indischen Psychoanalytiker. Eindringlich wird so etwa die Diskriminierung der „Unberührbaren“ geschildert, die die niedrigste Sprosse im Kastensystem besetzen. Aufschlussreich auch das Kapitel über die indische Familienstruktur: Wo noch der Gedanke der Großfamilie herrscht, gibt es keine WGs – aber auch kaum Altersheime.

Ulf Diederichs (Hg.): Indische Märchen und Götterlegenden. Deutscher Taschenbuch Verlag, München. 224 Seiten, 8,50 €.

Erstaunlicherweise kennt man viele indische Märchenmotive schon von den Gebrüdern Grimm: Da ist etwa der Glückskrug der Yakshas, aus dem stets so viele Speisen und Getränke kommen, wie man sich wünscht, oder aber der Brahmanensohn, der ein einzelnes Haar durch einen ganzen Berg von Matratzen spürt. Andere Motive erinnern an Tausendundeine Nacht, zum Beispiel der Papagei, der sich als Spion eines eifersüchtigen Ehemanns betätigt. Die Rahmen- oder Kettenstruktur der indischen Märchen ist hochkomplex: Genannter (kluger) Papagei weiß exakt 70 Anekdoten zu verknüpfen.

Amitav Ghosh: Zeiten des Glücks im Unglück. Indische Augenblicke. Blessing Verlag, München. 300 Seiten, 19,95 €.

Als Indira Gandhi am 31. Oktober 1984 erschossen wurde, liefen auf dem staatlichen Rundfunksender „All India Radio“ keine Nachrichten. Nur Musik. Es ist der Blick fürs Detail im Großen, der Amitav Ghoshs Essayband auszeichnet. Gerade die jüngere, oft verdrängte Geschichte interessiert den Aufklärer und Chronisten Indiens. So reist er in die Wüste Thar, wo die indische Regierung Ende der neunziger Jahre Atomtests durchführte. Damals wollte man Sand vom Testgelände verschicken, „um das ganze Land am Leuchten der Explosionen teilhaben zu lassen“. Wenn Gosh dann die Großmachtsfantasien der verantwortlichen Politiker entlarvt, wird die Reportage zu einer scharfen Polemik.

Urvashi Butalia (Hg.): Frauen in Indien. Erzählungen. dtv, München. 240 S., 8,50 €.

Es gebe drei Phasen: erst das Vorspiel, dann der Verkehr, schließlich die Klimax. „Wir konnten diese Information mit nichts Vorstellbarem verbinden. Wir grübelten über die Zeitfrage nach. Zehn Minuten? Eine halbe Stunde. Eine Stunde?“ Anjana Apachana erzählt von zwei jungen Schwestern, die gemeinsam eine „Reader’s Digest“ studieren, ihre einzige Quelle für sexuelle Aufklärung. Alle Erzählungen widmen sich dem weiblichen Beziehungsleben in Indien: von der Scheidung über die „arranged marriage“ bis zur innerfamiliären Vergewaltigung. Hoffentlich finden die zwölf Autorinnen nicht nur im Westen Gehör.

Maria Wirth: Von Gurus, Bollywood und heiligen Kühen. Eine Liebeserklärung an Indien. Herbig, München. 220 Seiten, 17,90 €.

Es war wohl so etwas wie ein Erweckungserlebnis für Maria Wirth, als ein großer Guru, den sie in Indien kennenlernte, sein Taschentuch zückte und sagte, dass dies sein Taschentuch und er nicht das Taschentuch und das Verhältnis von Seele und Körper analog dazu zu denken sei. Unterhaltsam ist dieser Text, wenn man nichts über Indien, sondern darüber erfahren will, wie deutsche Diplompsychologinnen Indien wahrnehmen.

Bernard Imhasly: Abschied von Gandhi? Herder Verlag, Freiburg. 256 Seiten, 22 €.

Mehr als 75 Jahre nach dem Salzmarsch fragt sich Imhasly, Indienkorrespondent der „Neuen Zürcher Zeitung“ und der „tageszeitung“, was aus Mahatma Gandhis Visionen geworden ist. Wie steht es um die Versöhnung der Religionsgemeinschaften, um die Aufhebung der Kastengrenzen? Auf seiner Reise kreuz und quer durch Indien hat er Bauern und Großgrundbesitzer, Trockentoilettenputzer und Theatermacher besucht. Der Epilog ist Gandhis Enkelkindern gewidmet: Eines engagiert sich für die Verbreitung des Khadi, jenem Stoff aus selbst gesponnener Baumwolle, der einst als „Livrée der Freiheit“ galt.

Anita Nair: Kathakali. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. Hoffmann und Campe, Hamburg. 256 Seiten, 22 €.

„Legen Sie die Stirn in Falten, reißen Sie die Augen auf, blähen Sie die Nasenflügel: Das ist Angst.“ Im Tanzritual des Kathakali ergibt sich jede Ausdrucksform aus einer Choreografie der 32 Gesichtsmuskeln. Die Autorin ließ sich in diese hohe Kunst einweisen – als einzige Frau unter den Tänzern. Ihr Roman folgt dem ritualisierten Emotionssystem, von der Liebe bis zur Schadenfreude. Die britische Presse warf Nair ein allzu exotisches Indien-Bild vor: „Und wenn mir der Kathakali einfach Spaß macht?“

Rana Dasgupta: Die geschenkte Nacht. Roman. Blessing, München. 471 S., 22,95 €.

13 Passagiere eines Flugs von Neu-Delhi nach Tokio sitzen nachts im Transitbereich fest. Bis zum Morgengrauen wollen sie sich Geschichten erzählen: eine „geschenkte Nacht“ wie in Tausendundeiner Nacht. Tatsächlich wimmelt es in den 13 Erzählungen nur so vor märchenhaften Gestalten, daneben stehen realistische und fantastische Szenarien sowie (nicht ganz neue) Sciencefiction, etwa über einen „Erinnerungsredakteur“, der fremde Gedächtnisse verwaltet. Ein Globalisierungsvolksmärchen.

Helge Timmerberg: Shiva Moon. Eine Reise durch Indien. Roman. Rowohlt Berlin. 204 Seiten, 17,90 €.

Der Buchrücken sagt eigentlich alles: Man sieht einen bekifften Dreitagebartträger, der sich als Zerstörungsgöttin Shiva verkleidet hat, im Lotussitz und mit Tigerfell. Timmerbergs Reisereportage beginnt an der Quelle des Ganges, in 5000 Meter Himalajahöhe. Landschaftsbeschreibungen seien noch nie seine Stärke gewesen, gesteht der Erzähler. Und: „Der Fairness halber muss ich auch erwähnen, was mit meinem Gehirn los ist. Es ist zu großen Teilen ausgeschaltet. Sauerstoffarmut macht reich an innerem Frieden.“

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