Kultur : Der goldene Schuss

George Clooneys Regiedebüt „Confessions of a Dangerous Mind“

Christian Schröder

Die besten Fernsehshows lassen sich in einem Satz zusammenfassen. Drei Junggesellen und eine attraktive Frau treffen in einem Quiz aufeinander, Hauptgewinn: ein Rendezvous. Die miesesten Entertainer der Welt dürfen sich so lange vor der Kamera produzieren, bis es die Jury nicht mehr aushält und einen Gong schlägt. „The Dating Game“, in Deutschland unter dem Titel „Herzblatt“ bis heute auf Sendung, und die „Gong Show“ sind Fernsehformate von archaischer Schlichtheit. Ihr Witz ist die Schadenfreude, sie zeigen, zu welcher Gemeinheit der Mensch fähig ist. Erfunden wurden die beiden Klassiker von Chuck Barris. Der amerikanische TV-Produzent, von seinen Fans als „King of Schlock“ verehrt, brachte den Zynismus in die Wohnzimmer seiner Landsleute. Nebenbei komponierte er fröhliche Popsongs. Doch Barris’ größte Schöpfung ist seine eigene Legende. Als sich seine Karriere 1981 dem Ende zuneigte, schrieb er seine Autobiografie „Confessions of a Dangerous Mind“. Er behauptete, nicht bloß fürs Fernsehen, sondern auch für die CIA gearbeitet und 33 Menschen umgebracht zu haben. Ob die Geständnisse stimmen, ist bis heute ungewiss. Fest steht aber: Dieses Leben ist ein großartiger Filmstoff.

Der Film, den George Clooney nach einem Drehbuch von Charlie Kaufman („Beeing John Malkovich“) aus den „Confessions“ gemacht hat, beginnt 1981 in New York. Chuck Barris, brilliant verkörpert von Sam Rockwell, steht nackt in einem abgedunkelten Hotelzimmer und starrt auf die schwarze Mattscheibe des Fernsehers. Alles, was er ist, hat er diesem Kasten zu verdanken, vielleicht kann er ihm jetzt auch verraten, wie es weitergehen soll mit seinem verpfuschten Leben. Barris beginnt sich zu erinnern, die bonbonbunte Rückblende setzt ein. Zum Fernsehen zu kommen, das war sein Kindertraum. Barris arbeitet sich hoch, er fängt mit Führungen durch die New Yorker NBC-Studios an, zieht nach Philadelphia und wird als Aufpasser für den nymphomanen Moderator der Musikshow „American Bandstand“ engagiert.

Mit seiner „The Dating Game“-Idee blitzt er bei den Programmgewaltigen des Senders ABC zunächst ab. Für die sauberen Bildschirme der frühen Sechzigerjahre ist eine Kuppelshow noch zu frivol. Stattdessen macht ihm ein überaus korrekt gekleideter Herr mit seriösem Bart, gespielt von Clooney selbst, in einer Bar ein Angebot: „Ich kann dir mindestens dreißig Arten beibringen, wie man einen Menschen mit einem einzigen Schlag tötet. Und es gibt viel Geld.“

George Clooney sieht exakt so aus, wie man sich einen CIA-Agenten der Sechzigerjahre vorstellt: Ein bisschen wie in einem James-Bond-Film, bloß beamtenhafter. Überhaupt sieht in „Confessions of a Dangerous Mind“ immer alles exakt so aus, wie man sich die Vergangenheit vorstellt, wenn man sie nur aus dem Fernsehen kennt. Bei einem absurden Trainingsprogramm in einem verschneiten CIA-Camp erwirbt Barris die Lizenz zum Töten. Praktischerweise läuft „The Dating Game“ inzwischen im Fernsehen, und weil die Kandidaten mit Reisen belohnt werden, kann der Moderator seine Mordaufträge auch im Ausland erfüllen, in Mexiko, Helsinki oder Ost-Berlin. Gnadenlos ist Barris immer, vor der Kamera genauso wie mit der Pistole in der Hand.

„Confessions of a Dangerous Mind“, Clooneys Regiedebüt, ist ein zutiefst ironischer und ein zutiefst nostalgischer Film. Die Atmosphäre der frühen Farbfernsehstudios ist liebevoll rekonstruiert, vom falschen Lächeln der Assistentinnen bis zu den schwungvollen Fanfaren der Begrüßungsmelodien. Die Dekorationen wechseln rasant, aber bald schon laufen die Bilder leer. Man sitzt im Kino und glaubt doch bloß vor dem Fernseher zu hocken: vor einer zusamengeschnittenen „60er“, „70er“, „80er Show“. Im Finale kippt die Mediensatire zum Melodram. Chuck Barris, der ein fröhlicher Hedonist war, endet als armer Hund. Das Fernsehen frisst die Menschen, die es am meisten liebt.

In neun Berliner Kinos, OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und im CineStar Sony-Center.

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