Kultur : Der Goldgräber

Wunschkandidat: Der Archäologe Hermann Parzinger soll Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz werden

Amory Burchard,Christina Tilmann

Seinen großen Auftritt in Berlin wird er schon im Juli haben, bei der Skythen-Ausstellung im Martin-Gropius-Bau. Mit der Entdeckung eines Fürstengrabes mit tausenden Goldobjekten im südsibirischen Arzan sowie einer Grabkammer, in dem sich eine 2500 Jahre alte Eismumie fand, waren Hermann Parzinger und sein Team des Deutschen Archäologischen Instituts 2006 in die Schlagzeilen gekommen. Die gut erhaltene Mumie ist eine ähnliche Sensation wie die Auffindung des legendären Ötzi 1991. Nun wird das Skythen-Projekt als bahnbrechende Zusammenarbeit mit der asiatischen Archäologie und mit den beteiligten russischen Institutionen gefeiert.

Eine Sensation ist nun auch die Benennung des Präsidenten des Deutschen Archäologischen Instituts zum Nachfolger von Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz – weil sie so überraschend kommt. Am Dienstag hatte sich die Findungskommission, die wegen der föderalen Struktur der Stiftung aus Bundes- und Landesvertretern wie Kulturstaatsminister Bernd Neumann, dem Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, seinem nordrheinwestfälischen Amtskollegen Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, Joachim Hofmann-Göttig (Rheinland-Pfalz) sowie dem thüringischen Kultusminister Jens Goebel (CDU) besteht, schon in ihrer ersten Sitzung einstimmig auf Parzinger als Wunschkandidaten geeinigt. Parzinger muss nun am 8. Juni dem Stiftungsrat vorgeschlagen und von Bund- und Ländervertretern gewählt werden. Bis dahin haben die Beteiligten offiziell Stillschweigen vereinbart. Sein Amt soll Parzinger am 1. März 2008 antreten.

Es ist die wichtigste Personalentscheidung in Neumanns Amtsperiode. Die von Bund und Ländern gemeinsam getragene Preußenstiftung mit rund 2000 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 240 Millionen Euro hütet und pflegt die Kunstsammlungen des preußischen Staates, der von den alliierten Siegermächten vor 60 Jahren aufgelöst wurde. Dazu gehören die Staatlichen Museen zu Berlin, ein Konglomerat aus 17 Häusern, darunter die Museumsinsel, die Nationalgalerie und der Hamburger Bahnhof, aber auch die Staatsbibliothek und das Ibero-Amerikanische Institut. Neben der Wahl des neuen Stiftungspräsidenten steht im Oktober 2008 auch noch die Neubesetzung der Stelle des Generaldirektors der Staatlichen Museen an, die Peter-Klaus Schuster innehat. Auch hier, so war aus der Stiftungssitzung zu vernehmen, soll es einschneidende Änderungen geben. So soll der Generaldirektor in Zukunft nicht mehr in Personalunion auch den zuletzt in die Kritik geratenen Hamburger Bahnhof/Museum für Gegenwart leiten.

Die Entscheidung für den 48-jährigen Archäologen Parzinger steht für einen Generationswechsel an der Stiftungsspitze – und einen Richtungswechsel. Lehmann scheidet im Februar 2008 mit 68 Jahren aus dem Amt. Mit dem Bibliotheksmann Lehmann teilt Parzinger die Herkunft aus der Wissenschaft – und den guten Draht zur Politik. Als Präsident des dem Auswärtigen Amt unterstellten Deutschen Archäologischen Instituts (DAI) ist es ihm gelungen, den Etat seines Hauses auch in Kürzungszeiten aufrechtzuerhalten. Doch während Lehmann als klug moderierender Kulturpolitiker agierte, sind von dem Archäologen Parzinger auch inhaltliche Vorgaben zu erwarten, vor allem im außereuropäischen Bereich. Das DAI ist unter seiner Präsidentschaft ein vom Auswärtigen Amt hochgeschätzes Instrument der deutschen Außenpolitik geworden. Der 1959 in München geborene Archäologe sei ein „überaus erfolgreicher Wissenschaftspolitiker und ein ganz überragend guter Wissenschaftler“, heißt es aus Kollegenkreisen.

Vollbärtig, sonnenverbrannt, offenes Hemd, darüber eine graue OutdoorWeste, im Hintergrund die grünen Weiten der asiatischen Steppe: So präsentiert sich Hermann Parzinger auf seiner Homepage. Ein Feldforscher, der sein bayerisches Idiom nie ganz verleugnet, ein Mann der Praxis und der weiten Welt. Und doch auch ein geschickter Diplomat. Seit den 90er Jahren in Sibirien und in der Mongolei graben zu können, erforderte Verhandlungsgeschick, welches Parzinger in Zukunft auch für die schwierigen Beutekunstgespräche mit russischen Museen und Institutionen brauchen wird. Hilfreich sind da zweifellos auch seine Sprachkenntnisse, darunter Russisch, Türkisch und Serbokroatisch. Im Feld verkörpert er den Typ des leidenschaftlichen Ausgräbers. Prähistorische Kulturen vom Neolithikum bis zur Eisenzeit in Mittel- und Südwesteuropa, Anatolien und Zentralasien – überall hat Parzinger gegraben. 1995 kam er nach Stationen als Dozent in München und Frankfurt nach Berlin, um am DAI die Eurasien-Abteilung aufzubauen. Für seine Forschung erhielt er 1997 den Leibniz-Preis, die höchstdotierte deutsche Wissenschaftsauszeichnung. Seit 2003 leitet er das DAI.

Der Archäologie gehört die Zukunft. Mit Parzinger kommt der zweite Archäologe auf einen Spitzenposten in der Berliner Kultur- und Wissenschaft. Luca Giuliani, bis dahin Professor für Klassische Archäologie in München, hat gerade den Rektorenposten am Wissenschaftskolleg angetreten. Giuliani zeigte sich erfreut von Parzingers Nominierung. Der Stiftung könne man nur gratulieren, allerdings drohe der deutschen Archäologie „einer der wenigen profilierten Ausgräber, die wir haben“, verloren zu gehen.

Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz bedeutet Parzingers Wahl jedoch eine Chance zur rechten Zeit. Steht doch mit der gerade gefallenen Schloss-Entscheidung eine Umverteilung hin zu weniger Kunst und mehr Kulturgeschichte an, weniger Europa, mehr Übersee. Und auch auf der Museumsinsel, deren Umbauplanung Lehmann seinem Nachfolger einigermaßen abgeschlossen überlässt, stehen mit Neuem Museum, Altem Museum und Pergamonmuseum in den nächsten Jahren vor allem die archäologischen Sammlungen wie das vorderasiatische Museum inhaltlich auf dem Prüfstand.

Die außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem, die ab 2013 in das neu zu erbauende Schloss ziehen werden, dürften Parzinger erst recht liegen: steht er doch auch in der Archäologie für ein Umdenken weg von den klassischen Grabungsländern hin zu außereuropäischen Fundorten. Die fächerübergreifende Vermittlung von Kulturgeschichte, das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Kunst ist Parzingers Spezialität, der auch in der Archäologie für Kooperation mit Kollegen aus den Nachbarwissenschaften, auch mit Klimaforschern, Ethnologen oder Migrationsspezialisten steht.

Der Traum vom Humboldt-Forum, der von Lehmann angestoßen wurde und mit der Entscheidung für das Schloss nun greifbar nahegerückt ist, dürfte in Parzinger einen idealen Verwirklicher haben. Auch das ist wahrscheinlich ein Grund für die schnelle Einigung. Parzinger eilt in der Berliner Museums- und Wissenschaftslandschaft ein Ruf als Moderator voraus, dem es – ähnlich wie Lehmann – gelingen könne, die sehr selbstständigen Direktoren aller Museen und Institute der Stiftung auf eine Linie zu bringen: „bajuwarisch-liebenswürdig“ sei er, verfolge seine Ziele aber „mit ungeheurer Energie“, hört man von Mitarbeitern. Zur Umwandlung der schwerfälligen Stiftung in ein zeitgemäßes Zentrum der Kultur wird er alle diese Energie benötigen.

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