Kultur : Der Golf fährt nicht mehr

Cool und ängstlich: Die 28-jährige Nina Pauer schickt ihre Generation zur Gruppentherapie

Florian Amrhein

Anna und Bastian sind zwei völlig unterschiedliche Typen – und trotzdem haben sie das gleiche Problem. Anna ist die Überfliegerin, die vor allem an ihre Karriere denkt, die sich von einer To-do-Liste zur nächsten peitscht und sich dabei völlig verausgabt. Bastian ist der Langzeitstudent, ein notorischer Hänger. Obwohl intelligent und liebenswert, bekommt er seinen Alltag überhaupt nicht auf die Reihe. Und auch er fühlt sich oft ausgelaugt und gestresst – nur nicht vom Arbeiten, sondern vom Nichtstun. Auch das soll es geben.

Anna und Bastian sind beide um die dreißig Jahre alt. Sie stehen noch am Anfang ihrer Berufslaufbahn und sind finanziell, aber auch emotional weiterhin abhängig von ihren Eltern, von denen sie viel Liebe und Obhut erfahren. Beide sind also lediglich „so etwas Ähnliches wie erwachsen“. Nach außen hin sind Anna und Bastian starke, gereifte Persönlichkeiten. Sie sind beliebt, gut aussehend und sollten allem Anschein nach glücklich und sorglos sein. Doch hinter ihrer Image-Fassade aus gespielter Coolness und Lässigkeit bröckelt es gewaltig. Beide haben Angst. Tief greifende, traumatisierende Angst sogar. Nur vor was sich Anna und Bastian eigentlich fürchten, ist gar nicht so leicht zu fassen.

In ihrem Buch „Wir haben keine Angst“ schickt die selbst erst 28-jährige Autorin Nina Pauer diese beiden Figuren zum Therapeuten, auf die Couch. Sie verhandelt auf knapp 200 Seiten alle essenziellen Lebensbereiche: vom Berufsleben über Familie bis hin zur politischen Einstellung. Abwechselnd erhält der Leser Einblicke in Bastians und Annas Alltagshölle. Dazwischen meldet sich Nina Pauer immer wieder selbst zu Wort, analysiert das Leben ihrer Protagonisten in der Wir-Form und stilisiert insbesondere Anna und Bastian somit zu Archetypen einer ganzen Generation.

Ein Generationenbuch im Sinne einer groß angelegten Zeitdiagnostik ist „Wir haben keine Angst“ allerdings nicht, auch wenn der Untertitel „Gruppentherapie einer Generation“ und der Florian-Illies-Werbebutton auf dem Buch („Wie cool ist das denn!“) etwas anderes, Naheliegendes vermuten lassen. Im Grunde geht es Nina Pauer um das eigene Milieu, um den mittelständisch und in heilen Familienverhältnissen aufgewachsenen Akademikernachwuchs. Diese vergleichsweise kleine Gruppe der heute 25- bis 30-Jährigen porträtiert das Buch dafür sehr authentisch. Es zeichnet ein Bild junger Leute, denen die Welt offen zu stehen scheint, denen es nie an etwas gefehlt hat und die dennoch panische Angst vor dem Scheitern haben – im Beruf, in der Liebe, vor allem aber an den eigenen Ansprüchen.

Da wird selbst noch der Wunsch zur hemmenden Last, für sich ein ähnlich gutes Leben zu gestalten, wie es die eigenen Eltern so erfolgreich vorgelebt haben. Der soziale Abstieg – das macht Nina Pauer durch gewitzte Analogien zu TV-Formaten wie „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Schwiegertochter gesucht!“ deutlich – sitzt ihnen als reale Möglichkeit immer im Nacken.

Dem enormen Druck, den sich Anna und Bastian vor allem selber machen, sind sie nicht gewachsen. Anna bewegt sich ständig am Rande eines Burn-out-Syndroms. Sobald etwas nicht nach Plan läuft, droht sie unter der Last ihrer eigenen Vorstellungen und Ansprüche zusammenzubrechen. Anna lebt ungesund, ist oft krank, richtiggehend depressiv gar, und findet weder ausreichend Zeit für sich noch für ihre Freunde. Verzweifelt versucht sie, alles auf einmal in den Griff zu bekommen, ohne dass es ihr gelingen würde. Auch Bastian will alles perfekt machen. Doch sein Leben spielt sich an einem lethargischen Nullpunkt ab. Er versucht es gar nicht erst mit harter Arbeit, geschweige denn, dass ihm an einer Karriere gelegen wäre. Somit türmt sich sein Leben als Berg ungenutzter Chancen vor ihm auf.

Nina Pauers Figuren sind Extrembeispiele. Sie sollen eines besonders deutlich machen: Die Probleme, mit denen sich diese Generation konfrontiert sieht, sind neuartig, sie sind von viel subtilerer Natur als die der Elterngeneration. WG-Leben oder Yoga sind eben heute keine revolutionären Statements mehr, sondern biederer Alltag. Und zwischen sozialen Netzwerken wie Facebook, globalisiertem Arbeitsmarkt und digitalisierter Spaßgesellschaft sind die Gräben, in die Menschen wie Anna und Bastian fallen können, breit und tief. Die Inseln des Privatlebens, auf die sie sich flüchten können, sind gleichsam kleine, bedrohte Biotope geworden.

Stark ist Nina Pauers Text immer dann, wenn die festgestellten Generationssymptome auch sprachlich verarbeitet werden. Manchmal durchziehen vermeintlich spitze Ironie oder bemüht wirkende Lässigkeit die eingestreuten Kommentare der Autorin. Diese Stilmittel entlarvt sie inhaltlich selbst wieder als Abwehrmechanismen, um die von ihr diagnostizierten Ängste zu kaschieren. Diese Textpassagen stehen dann im Kontrast zu anderen, in denen erzählerische Lässigkeit plötzlich auf ganz natürliche Weise gelingt, weil eingängig aus dem Leben der beiden Figuren berichtet wird.

Man merkt „Wir haben keine Angst“ an, dass es das Debüt einer talentierten, aber noch jungen Autorin ist – und das es mehr sein will als schon wieder ein Generationenbuch in der Tradition von „Generation Golf“ bis „Generation Umhängetasche“. Cool ist was anderes. Das mindert den Spaß an der Lektüre in keiner Weise. Denn Nina Pauer erzählt gnadenlos ehrlich von jungen, sympathischen Erwachsenen, die auf der Suche nach dem richtigen Lebensweg sind und so gern schon irgendwo angekommen wären. Der Gedanke daran, dass die hier repräsentierten Menschen die zukünftigen Leistungsträger unserer Gesellschaft sein sollen, verleiht „Wir haben keine Angst“ eine gewisse Brisanz. In diesem Sinne ist es dann doch ein Generationenbuch.

Nina Pauer: Wir

haben keine Angst.

Gruppentherapie

einer Generation.

S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2011.

198 Seiten, 13,95 €

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