Kultur : Der Gott von Wendisch-Rietz

Silvia Hallensleben

Rassisten? Nazis? Soziale Depression? Manchmal lässt sich die Realität schon mit einer leichten Verschiebung in Schwingungen versetzen, selbst in Brandenburg. Der Berliner Filmemacher Robert Bramkamp projiziert – scheinbar einfach – einen Teil des Landes in eine andere historische und geografische Dimension, das sumerische Zweistromland. So wird der Schmarmützelsee zum Persischen Golf und der verträumte Seesportclub in Wendisch-Rietz verwandelt sich in die alte sumerische Königsstadt Eridu. Dann lässt Bramkamp den sumerischen Schöpfergott Enki als ABM-Kraft wiederauferstehen. Der ist Verwalter der hundert göttlichen „Me“, jener Talente, mit denen die Sumerer ihren Erfolg begründeten, bevor ihre Macht verging. Auch die Segler in Wendisch-Rietz haben Untergangsprobleme, Investoren wollen die idyllische Gegend für Golfplätze nutzen. Kann der sumerische Gott sie retten? Und wie lassen sich die historischen Me zeitgemäß verwenden? Der Bootgott vom Seesportclub , gedreht mit den Ureinwohnern vor Ort, ist Auftakt eines großen interaktiven Internet-Erzählprojektes (www.enki100.net), das von lokalen und überregionalen Unterstützern weitergesponnen werden soll. Denn der Seesportclub e.V. braucht nicht nur im Film Unterstützung. Wie das funktionieren wird, wird sich zeigen. Im Pilotfilm, der heute im Brotfabrik-Kino anläuft, lässt sich die verspielte Unverfrorenheit genießen, mit der Brakamp Weltmythologie auf bodenständige Sozialrealitäten anwendet.

Ken Loach, der für „The Wind That Shakes the Barley“ gerade die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat, gilt als der Großmeister solch sozialen Kinos. Im Lichtblick wird am Mittwoch mit „Land & Freedom“ eine Ken-Loach-Hommage eröffnet und zugleich eine Reihe mit Filmen zum Spanischen Bürgerkrieg beendet. Der Film von 1995 ist der letzte aus Loachs Schaffensperiode mit dem 1999 verstorbenen Drehbuchautor Jim Allen. Sumerische Götter gibt es hier keine. Leider auch eine Realität.

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