Kultur : Der große Babynator

Helge Schneider hat die Deutschen erfolgreich infantilisiert. In Berlin bringt er nun Senioren zur Ekstase.

Philipp Lichterbeck

Auftritte von Helge Schneider sind ein bisschen wie Kaugummi kauen. Der Höhepunkt ist am Anfang, wenn die Aromastoffe ihre Wirkung entfalten. Dann verliert es seinen Geschmack, doch man spuckt es noch lange nicht aus, warum weiß keiner, irgendwie macht es Spaß. Die Klimax von Schneiders neuer Show „Kampf in Weltall“ (sic) ist erreicht, wenn der Mülheimer auf die Bühne gelatscht kommt, sich an ein Kinderschlagzeug setzt und sachte darauf herum trommelt, Faxen macht, Fratzen zieht und alle Schlagzeuger dieser Welt auf den Arm nimmt. Da jubelt das Publikum, und da lacht der schlanke Helge Schneider im grauen Strampelanzug, mit breiter Viskosekrawatte und luftiger roter Mähne.

Fit sieht er aus, trotz seiner fünfzig Jahre, aufrecht steht er da, reckt sich und strahlt. Jetzt erst mal den obligatorischen Anis-Fenchel-Kümmel-Tee, dargereicht vom stillen Bühnensklaven Bodo Oesterling, lautstark geschlürft vom Meister. „Ich bin Teeist“, sagt Schneider und das Publikum jauchzt. (Letztes Jahr sagte er, er sei „A-Teeist“.) Er näselt: „Berlin ist die schönste Stadt im Umkreis von fünf Kilometern. Ihr habt doch jetzt auch einen Kanzler im Rock, oder?“ Der Saal schmeißt sich weg. Schneider fährt sich durch den Dreitagebart und grient.

Bereits jetzt hat der Mann fast alle Register seines Könnens gezogen, der Rest ist Variation derselben. Im Vordergrund steht der Jazz, dessen Improvisationsgebot Schneider auf alle Bereiche seiner Kunst übertragen hat. Schneider sitzt also am Flügel oder an der Orgel oder schnallt sich die Gitarre um oder bläst Trompete oder klappert mit diversen Perkussionsinstrumenten oder auch alles zugleich und erzählt Geschichten (am Schlagzeug begleitet vom stillen Pete York): assoziativ, bar jedes Spannungsbogens, mal harmlos, mal bitter, immer pointenfrei, aber voller Komik. Wer wünschte sich nicht so einen zum Onkel, Freund oder Opa. Der so wehmütig Klavier spielt und den Kindern dabei von den Schmetterlingen berichtet, die Wiesenverbot haben, weil ihr Kot die Grasnarbe verschmutzen würde, der Udo Jürgens und Udo Lindenberg imitieren kann und von Stephen Hawking erfahren hat, dass das All direkt über der Erde an die Wand genagelt ist.

Schneider hat zur Verjüngung – man könnte auch sage Infantilisierung – dieser Gesellschaft beigetragen wie kein Zweiter. Das ist ihm hoch anzurechnen. Er lässt seinen Saxophonisten Sergej Gleitmann, einen älteren Herrn mit Glatze, der aussieht wie Solschenizyn, im gelben Babyanzug die Ballade vom geplatzten Pariser tanzen. Eine lächerlich zarte Veranstaltung, die das gesetzte Publikum im ausverkauften Schiller-Theater ergreift. Erstaunlich viele Senioren sind darunter. Auch sie summen und singen mit, als Schneider seinen bisher größten Hit gleich als zweite Nummer präsentiert: „Katzeklo, Katzeklo, ja das macht die Katze froh.“

Einst beschimpfte das Feuilleton Schneider als Vertreter eines debilen Ungeistes, sah in ihm den Repräsentanten der oberflächlichen Spaßkultur, dessen Kunst absolut sinnfrei sei. Heute wird Schneider als Nachfolger von Humoristen wie Ernst Jandl und Christian Morgenstern gehandelt. Man hat erkannt, dass Schneider nicht nur ein herausragender Musiker ist, sondern ebenso einer, der etwas befriedigt, was Kunst, die immerzu entlarven und anklagen will, nicht leisten kann. Schneider träumt offenen Auges, ist spontan, nie laut, witzig und man weiß nicht warum. In der bildenden Kunst wäre Schneiders Gegenstück der gerade verstorbene somnambule Karikaturist F. K. Wächter, auch der ein Melancholiker.

Wie Wächter ist Schneider ein Multitalent, das viel ausprobiert. Das geht manchmal in die Binsen, und manchmal trifft es einen Nerv. Schneiders von Bachscher Orgelmusik begleitete Reportage vom Queen-Besuch in der Kathedrale von Bochum ist so ein Treffer. „Kinder bewegen sich auf den Wagen der Queen zu. Sie werden von der Polizei niedergeknüppelt und unter den roten Teppich gekehrt. Die Queen reicht ihre Hand aus dem Wagen. Sie liegt auf einem Tablett. Die Marzipanhand wird von den Innenministern geschüttelt.“ So geht das minutenlang, zwei Stunden lang. Bis Schneider irgendwann keine Lust mehr hat, „tschüss“ sagt und geht, wie er gekommen ist. Einfach so.

Bis 26. November, jeweils 20 Uhr

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