Kultur : Der große Bluff

Friedrich Dieckmann fragt: „Was ist deutsch?“ und erklärt die politische Dialektik von alter Bundesrepublik und DDR

Kerstin Decker

LITERATUR

In Flutzeiten, glaubt man, haben die Leuchtturmwärter immer schon verloren. Und gerade rollt die so genannte Ostalgiewelle übers Land! Andererseits sind die Botschaften der Leuchtturmwärter zeitlos. Einen Leuchtturmwärter erkennt man daran, dass er, egal, welcher Seegang unter ihm herrscht und welche Windstärken die anderen gerade umwerfen, immer den ruhigen Überblick behält. Leuchtturmwärter sind die Antipoden des Zeitgeistes. Wer auf sie hört, braucht sich nicht mehr von der Gischt des Tages hin und her werfen zu lassen.

Eigentlich seltsam, dass sie nicht längst ein viel größeres Publikum haben. Vielleicht, weil die Botschaften der Leuchtturmwärter, gerade wenn sie Intellektuelle sind, natürlich auch ein ganz klein wenig schwierig sind. So wie bei Friedrich Dieckmann, der seit 1991 bereits seine Signale zur deutsch-deutschen Lage übers Land sendet. Damals erschien bei Suhrkamp „Glockenläuten und offene Fragen“, viele andere Wasserstandszwischenmeldungen folgten, und die aktuelle Essaysammlung heißt nun bündig „Was ist deutsch?“. Das klingt wie eine metaphysische Frage, aber wer auf eine metaphysische Antwort hofft, wird enttäuscht.

Dieckmann untersucht historische Konstellationen, vor allem solche jüngerer deutscher Geschichte. Spannender als die titelgebende Erkundung ist das Stück „Was war die DDR?“ Nach Friedrich Dieckmann war die DDR nicht viel mehr als „der gelungene Versuch, die Deutschen an ihre Ostgrenze zu gewöhnen.“ Und da deren rückhaltlose Anerkennung von Seiten der Bundesrepublik erst 1990 erfolgt sei, könne man die historische Tragweite der Sache mit Händen greifen. Im Zeitalter der Ostalgie ist das natürlich eine leicht unterkühlte Botschaft. Und hatte die DDR nicht auch etwas mit Sozialismus zu tun? Subjektiv gewiss, das glaubt Dieckmann auch, und objektiv herrschte, was Dieckmann den „Monopolsozialismus“ nennt: die kommunistische Partei als Gesamtbesitzer und Generalunternehmer. Eine ökonomische Merkwürdigkeit eben. Aber kam es überhaupt jemals darauf an, wofür jemand sich selber hielt? Oder wofür seine Gegner ihn hielten?

Die politische Hintertreppe

Denn auch dem Westen, so Dieckmann, ist die historische Bedeutung der Existenz der DDR nicht einmal vermittelbar. Die Sprach- und Bildregelungen auf dem historischen Feld verhindern das. Vielleicht, weil heute (wie früher in der DDR) der vorherrschende geschichtsanalytische Blick ein moralisierender ist, nur eben jetzt mit umgekehrtem Vorzeichen. Darum erscheinen Dieckmanns Analysen zum Mauerbau oder zum 17. Juni so nonkonform. Darum steht er quer zu allen gewöhnlichen Demarkationslinien des Diskurses: „Über den Aufstand des 17. Juni gibt es die irrige Vorstellung, daß dieser die Zurücknahme der vorangegangenen Klassenkampf-Politik bewirkt habe; die Merkwürdigkeit, daß es umgekehrt war, ist erstaunlich unerforscht geblieben.“

Dieckmann benutzt die deutsch-deutsche Hintertreppe. Er prüft ihre Stufen, trägt fehlende Stücke (historische Belege) heran und untersucht die Haltbarkeit des Geländers. Hier geht selten jemand lang, schon weil niemand an die Existenz dieser Treppe erinnert werden will: die DDR früher nicht, weil ihre ganze Vorläufigkeit, die Tatsache, dass sie nur eine Spielkarte in der Hand Moskaus war, und nicht mal eine Trumpfkarte, so ans Licht gekommen wäre. Die Bundesrepublik heute nicht, weil ihr Selbstbild dann etwas unscharf würde. Und wer trägt nicht gern einen Charakterkopf?

Dieckmann erinnert an Stalins Vereinigungsofferte, daran, dass Stalin die Gründung der DDR, die nach der Gründung der Bundesrepublik unvermeidlich geworden war, übermäßig lange hinausgezögert hatte. Erst als Adenauer mit hauchdünner Mehrheit zum Regierungschef gewählt worden war, gab Stalin doch grünes Licht. Denn er wusste, so Dieckmann, dass er den Kürzeren gezogen hatte „mit diesem kleinen, armen, von Reparationen ausgesogenen, von einem gesellschaftlichen Umbruch erschütterten Viertel-Deutschland.“

Später suchte Chruschtschow Verständigungsmöglichkeiten – vergeblich. „Am Ende zog sich eine Mauer durch Berlin.“ Diese Mauerbauvorgeschichte liest sich in der Tat ungewohnt, genau wie die des 17. Juni: Der Beschluss der SED vom Sommer 1952, Kurs auf den Aufbau des Sozialismus zu nehmen, „mit dem verschärften Klassen- und Kirchenkampf, den das bedeutete“, war die östliche Reaktion auf die Unterzeichnung des Bonner Generalvertrages am 26. Mai 1952, der die Westbindung der deutschen Staatseinheit endgültig vorzog. Dieckmann erkennt darin – mag sein, dass viele im Osten es damals so empfunden haben – eine gleichsam stellvertretende Bestrafung der DDR-Bevölkerung. Wie in der DDR bis zuletzt nie das Bewusstsein verloren ging, die Last der deutschen Kriegsschuld allein zu tragen. Dieckmanns Fazit: Von solchen Reaktionsbildungen wurde ein Land bestimmt, in dem es scheinbar um den Sozialismus ging. „Doch ging es in einer tieferen Schicht um etwas anderes als um den Sozialismus; es ging um die Haftung für den deutschen Ostkrieg, über den man in der DDR früher und besser Bescheid wußte als im Westen...“ Dieckmann käme es nie in den Sinn wie vor zwei Jahren der PDS, sich für den Mauerbau zu entschuldigen, weil man sich für Geschichte, für ihren Verhängniszusammenhang, nicht ohne weiteres entschuldigen kann. „Wenn der Schwächere reagiert, wird er immer als der Aggressivere scheinen.“ Auch das weiß Dieckmann.

Seine Analysen sind deshalb so lesenswert, weil sie nur für eine einzige Partei sprechen: für die Partei der Leuchtturmwärter, die die starken Unterströmungen im Blick behalten, wo andere nur die Wellen des Tages sehen. Und weil bei ihm manchmal schon ein Halbsatz eine historische Balance herstellt, die den moralisch Unmittelbaren auf immer verschlossen bleiben wird, weil Denken nun mal Vermittlung, nicht Empörung ist. Ja, es ging auch um Sozialismus, Dieckmann kommt noch einmal darauf zurück, und zwar „mit allem Macht- und Vorteilsanspruch einer unterprivilegierten Klasse, die mehr als andere die Unkosten der deutschen Geschichte getragen hatte.“ Es war eben nicht ganz einfach, eine List der historischen Vernunft zu bewohnen. Ein vierzigjähriges Grenzgewöhnungsmittel, solange der Westen nicht reif war für die deutsche Einheit. Und das hieß: für die Akzeptanz der deutschen Ostgrenze.

Friedrich Dieckmann: Was ist deutsch? Eine Nationalerkundung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003. 226 Seiten, 10 €.

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