Kultur : Der große Dämpfer

Ein

Christiane Peitz

von

Heißa, so viele Gedenktage. Zwar steuern wir gerade schnurstracks auf Sigmund Freuds 150. Geburtstag zu, aber allmählich wird es Zeit, neben dem Mozart-, dem Brecht- und dem Benn-Jahr auch das Pilz-Jahr auszurufen. Denn im Herbst steht uns der 150. Todestag von Gottlieb Theodor Pilz ins Haus. Ein denkwürdiges Datum. Zumal der Schriftsteller Daniel Kehlmann, dessen Roman über Humboldt und Gauß, „Die Vermessung der Welt“, auch nach dem Humboldt-Jahr noch auf Platz eins der Bestseller-Liste steht, gerade verkündet hat, er plane als nächstes ein kleines Buch, das „ganz gewiss eine Enttäuschung sein wird“. Sowieso wolle er künftig keine Bestseller mehr schreiben und sich den Scheinnotwendigkeiten des Markts entziehen.

Der 31-jährige Kehlmann, ein posthumer Pilz-Schüler? Gottlieb Theodor Pilz – das weiß die Menschheit, seitdem der legendäre Wolfgang Hildesheimer ihm vor einem halben Jahrhundert in seinen „Lieblosen Legenden“ ein unumstößliches Denkmal setzte – war ein Zeitgenosse Beethovens und ging als der große Dämpfer in die Geschichte ein. Zahlreiche Dichter, Komponisten und Künstler hielt er mit Erfolg davon ab, mehr als nötig schöpferisch tätig zu sein. Pilz überredete Friedrich Ludwig Jahn, keinen „Hermannschlachts“-Dramenzyklus zu verfassen (die Geburtsstunde von Turnvater Jahn), legte Mendelssohn und Schumann nahe, nicht mehr als vier Sinfonien zu schreiben (was bekanntlich auch auf Brahms abfärbte) und wirkte bis zu seinem plötzlichen Tod am 12. September 1856 als weiser Verhinderer weiterer Werke, nach dem Motto: „Mehr Worte, weniger Taten.“ Was blieb der Kulturgeschichte dank Pilz nicht alles erspart: ein stilles Genie, das laut Hildesheimer völlig zu Unrecht in Vergessenheit geriet und leider so gar nicht Schule machte. Es soll sogar Leute geben, die behaupten, Hildesheimer habe diesen Pilz einfach erfunden.

Aber Kehlmann. Beherzigt die Lehre des Meisters und dämpft sich selbst. Meidet die Gefahren des frühen Ruhms. Riskiert keinen Literaturmüll. Verspricht weniger Taten und weniger Worte. Nur ein kleines Buch will er schreiben: Großartig, wie er dem deutschen Geniekult mal eben eins auswischt. Und unsereins hat endlich Zeit, sich der Lektüre der nichtgeschriebenen Romane von morgen zu widmen. Christiane Peitz

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