Kultur : Der große Frost

JAN SCHULZ-OJALA

Hanekes "Funny Games" - das Ereignis von CannesVON JAN SCHULZ-OJALACANNES.Ein schöner Sommertag, Vatermutterkind fahren in ihr luxuriöses Landhaus am See.Die Nachbarn sind schon eingetroffen, man wird demnächst segeln zusammen und golfspielen, ein Sommer wie jeder andere.Vater und Sohn machen das eigene Boot flott, Mutter räumt den Kühlschrank ein und versorgt den Hund.Da geht die Tür, und jemand steht in der Küche, ein höflicher, bißchen linkischer junger Mann, offenbar ein Gast von nebenan.Er fragt nach vier Eiern, läßt sie fallen, total peinlich ist ihm das, schubst das Handy ins Spülbecken voll Wasser, total ärgerlich das, aber kann auch passieren, sowas mal.Dann steht ein zweiter, ebenfalls sehr höflicher junger Mann in der Diele, will einen der Golfschläger ausprobieren.Sie kriegen nochmal vier Eier.Und nochmal vier.Und sollen endlich gehen.Und bleiben. Ein schöner Frühsommertag, aber Cannes wirkt wie schockgefroren.Der Film "Funny Games", der so scheinbar harmlos beginnt und in 103 Minuten furchtbar grandios die planmäßige Auslöschung einer Familie exekutiert, hat das Festival in seine Eishand genommen.Nichts ist wie vorher, als der Wettbewerb und auch die Nebenreihen eher dahindümpelten im trägen Fluß der Bilder; ja, selbst die noch bevorstehenden Filme werden es schwer haben, sich gegen die Wucht dieses Werks von Michael Haneke zu behaupten."Funny Games", schon die Beiläufigkeit des Titels hat etwas Grausames, zielt unmittelbar auf das, was andere hier allenfalls anvisiert haben: die Gewalt als Thema, nicht als Mittel des Filmemachens.Und trifft.Mitten in unser stockendes Herz. "The End of Violence" hieß, programmatisch, der Film von Wim Wenders, und hatte doch sein Ziel vertändelt.Michael Hanekes "Funny Games" dagegen setzt ein Stopzeichen - nicht für die Filmindustrie, das wäre wohl vermessen, wohl aber für die Wahrnehmung von Gewalt in den Augen all derer, die sich der Erfahrung dieses Films auszuliefern bereit sind.Sie sind einander, in der Theorie, gar nicht so fern, diese beiden Generationsgenossen jenseits der Fünfzig, der Deutsche Wenders und der in München geborene Österreicher Haneke.Beide haben die Gewalt satt, die das Fernsehen und die Spielfilme zum Konsum anbieten, beide wollen etwas gegen die Gewöhnung an solche Barbarei tun.Nur: Der eine predigt (leider auch in seinem Film), der andere tut eben das, was das Kino tun soll.Er zeigt. Vordergründig variiert Haneke mit "Funny Games" nur sein Kernthema der Gewalt ohne Motiv, das schon die Trilogie "Der siebente Kontinent" (1989), "Bennys Video" (1992) und "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1994) prägte; tatsächlich aber spitzt er es, kaum mehr steigerbar, zu.Mit all diesen Filmen war er bereits in der (prominenten) Quinzaine-Nebenreihe vertreten, mit seinem radikalsten ist er nun im Wettbewerb.Und Cannes ist - wie schon in den vergangenen Jahren mit "Crash", "Kids" und "Pulp Fiction" - wieder ganz, wo es hingehört, im klug kalkulierten Risiko.Und mitten in der Diskussion. Wer wagt, gewinnt.Haneke wagt sehr viel.Zum Beispiel die extreme Reduktion: Der Film zeigt keinerlei unmittelbare Akte der Gewalt, wohl aber bis zur Unerträglichkeit deren Widerschein in den Augen der Opfer.Oder die extreme Einbeziehung des Zuschauers.In einer Szene blickt der stets das gewählte Wort pflegende Kopf des Terminatoren-Duos (Arno Frisch) unmittelbar in die Kamera: "Wir sind doch noch unter Spielfilmlänge - oder?" fragt er, nachdem er gerade mittels Fernbedienung die Gegenwehr eines Opfers (Susanne Lothar spielt, fantastisch, die Mutter) rückgängig gemacht hat.Was wie ein abenteuerlicher Verstoß gegen die Kinoregeln anmutet, hat geniale Methode: "Funny Games", der die Mittel des Thrillers benutzt, um sie zu demontieren, macht seine Zuschauer zu Zeugen und Opfern zugleich.Auf äußerster Künstlichkeit beharrend, verschiebt er die Grenze zwischen Spiel und Wahrheit, zwischen Fiktion und Realität.So nackt war Gewalt im Kino - und so nackt der Mensch vor ihr - vielleicht noch nie. Wim Wenders, immerhin, hat die Diskussion angestoßen.Auf seiner Pressekonferenz hatte er gesagt: "Viele Leute benutzen Gewalt in ihren Filmen, haben aber von Gewalt keine Ahnung." Inzwischen, im Bann der Seelentodesruhe von "Funny Games" richtet dieser Satz eine ganze Reihe von Wettbewerbsfilmen, ja: richtet sie hin.Zum Beispiel Johnny Depps Regiedebüt "The Brave".Depp selbst spielt, ausgiebig im Bild, einen Mann indianischer Abstammung, der einen faustischen Pakt mit dem Teufel Marlon Brando schließt: 50000 Dollar für seine Familie, wenn er sich vor laufender Kamera töten läßt.Aber was soll das, wenn in der Restwoche Lebenszeit kaum ein Gefühl die Verbindung zwischen ihm und der Familie beglaubigt? Oder Francesco Rosis schauderhafte Kolportage "La Tregua" nach einem Roman von Primo Levi: Antifascho-Kitsch, der die Grauen der KZs benutzt, nur um John Turturro in einer verblüffend an Malkovich erinnernden "Unhold"-Rolle, umgeben von Knallchargen, ins Bild zu setzen.Oder "The Well", der erste Spielfilm der Australierin Samantha Lang, ein Psychodram und Möchtegern-Thriller: Wer soll glauben, daß ein Mädchen, das soeben einen Fremden überfahren hat, viertelstundenlang dessen Tod beweint, um flugs mit einem Koffer voller Geldscheine abzuhauen? Spiel mir das Lied vom Tod, sagen diese Filme, aber sie verstehen nur: Spiel mir das Lied vom Thrill.Und, siehe da, der Saal fängt an zu lachen, wo er doch weinen sollte. Es gibt allerdings auch Filme in Cannes, die klug und ("und" bitte kursiv) zart sind.Der Tod kommt in ihnen vor als etwas, das zum Leben gehört - ohne jede Spekulation.Zwei inzwischen die nordamerikanische Filmszene bereichernde Regisseure mit freilich entfernteren Wurzeln, Ang Lee und Atom Egoyan, sind mit atmosphärisch verblüffend ähnlichen Filmen vertreten - in beiden ist es Naturkälte, die die Seelenkälte widerspiegelt.Ang Lees "The Ice Storm" erzählt von kleinstädtischen Familien im Jahre 1973 in Connecticut, von ihren Lieben und anderen Katastrophen, wobei es die Pubertierenden ratlos den ratlosen Alten nachtun, bis es tatsächlich zu einer banal-alltäglichen Katastrophe kommt.Und in Egoyans "The Sweet Hereafter" wird die Ursache eines Busunglücks im kanadischen Winter, bei dem viele Kinder umkommen, am Ende nicht aufgeklärt.Man muß nicht alles wissen im Leben, sagen diese Filme - und mögen so manchem Festivalbesucher eine freundliche Wahrheit gegen Hanekes faszinierende, ungeheure Kälte sein.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben