Kultur : Der große Hunger nach Weltanschauung

Ulrich Sieg erklärt, wie deutsche Philosophen im Kaiserreich Hitlers Regime vorbereiteten.

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Der Marburger Historiker Ulrich Sieg führt seine Leser in eine fremde Welt. Die Universitätsphilosophen der Kaiserzeit und Weimarer Republik, die aus „Wahrheit, Wert und Wirklichkeit“ Systeme bauten, Aussagen „Urteile“ nannten und nach einem logischen Ort für das Alogische suchten, sind sein Thema. Doch er untersucht nicht die Höhen ihrer Abstraktion, sondern die Niederungen ihrer ideologischen Verwicklungen.

Die Philosophen, denen Sieg sich in „Geist und Gewalt“ widmet, betrieben nämlich nicht nur terminologische Spinnstuben, sondern verwendeten in Festreden und Festschriften auch Ausdrücke wie „Hunger nach Weltanschauung“, „Sinngebung“ und „Wert“. Die Nation war ihnen wichtig, zunächst unter Berufung auf die vorgebliche Universalität des deutschen Geistes. Mithilfe von Luther, Kant und Fichte umarmten sie die Welt. Später, nach den Materialschlachten von 1916, verstanden sie „Nation“ exklusiv, als Kampfgemeinschaft, in der schon mal die Frage erlaubt war, ob Juden deutsches Denken überhaupt zugänglich sei.

Die Philosophen begaben sich nach 1878 in die Öffentlichkeit. Auf Kaiser Wilhelm I. waren in kurzer Folge zwei Attentate verübt worden, was Bismarcks Maßnahmen gegen Sozialdemokraten sowie Brandreden gegen Liberale zur Folge hatte. Zwar hatten beide nichts mit den Anschlägen zu tun, doch die dem liberalen Bürgertum entstammenden, zumeist protestantischen Eliten sahen sich genötigt, Stellung zu beziehen. Der Reichskanzler hatte sie eines weltfremden Humanismus bezichtigt und der Historiker Heinrich von Treitschke noch schärfere Töne angeschlagen.

In der Folge machte die Rede von „Werten“ Karriere. Eingeführt hatte sie der Metaphysiker Rudolf Hermann Lotze, ein im 19. Jahrhundert international renommierter Denker. Doch während er noch versucht hatte, dem Wort einen auf Kants „Kritik der Urteilskraft“ zurückgehenden, im Kern ästhetischen Sinngehalt zu geben, wurde es bei seinem Schüler Wilhelm Windelband zur Parole. Werte sind nicht Preise, sie sind nicht Präferenzen – sie gelten. Manche absolut. Wer etwa den Wert „Wahrheit“ bestreitet, bestätigt ihn. Hurra, der Relativismus funktioniert nicht!

Noch vor wenigen Jahrzehnten wurden Studenten mit subtilen Varianten dieser rhetorischen Figur gequält, damals nannte man sie transcendental argument. Dabei hatte Helmuth Plessner schon in seiner 1918 publizierten Dissertation auf den zirkulären Charakter wohlfeiler „Widerlegungen“ des Relativismus beziehungsweise Skeptizismus hingewiesen (Plessner spielt in Siegs Buch freilich eine andere Rolle – als Spielverderber in Sachen „Gemeinschaft“).

In ihrem Kampf gegen den Relativismus setzten die Philosophen auf wertevermittelnde „Bildung“. Doch angesichts vieler Gebildetenzitate, die Ulrich Sieg präsentiert, wird man ratlos. Zu den harmloseren Denkern zählte der Neoidealist Rudolf Eucken, ein großer Versöhner, der zwar eine Professur in Jena hatte, aber vor allem im Feuilleton und in den Lektürekreisen des empfindsamen Bürgertums geschätzt wurde. Er war damals sehr bekannt – Sieg zieht eine kleine Parallele zu Sloterdijk/Precht – und erhielt 1908 den Literaturnobelpreis. Das versteht heute niemand mehr, und Ulrich Sieg rekonstruiert, wie es dazu kam.

Ein bad guy war der Neukantianer Bruno Bauch. Schon 1915 sprach er Juden die Fähigkeit ab, „deutsches“ Denken verstehen zu können. Ein Aufruhr unter den Universitätsphilosophen war die Folge. Bauch suchte schließlich die Nähe von Elisabeth Förster-Nietzsche, radikalisierte seine Ansichten und rief 1933 zur Stimmabgabe für die NSDAP auf. Der heute unbekannte Philosoph war, solange es um Logik und Erkenntnistheorie ging, ein scharfsinniger und im Rahmen der Windelband-Schule sogar ungewöhnlich kreativer Denker – seine in den 20er Jahren erschienenen Hauptwerke sind so etwas wie die Quintessenz des Neukantianismus. Im Politischen jedoch war er, ähnlich wie sein Jenenser Gesprächspartner Gottlob Frege, unzurechnungsfähig.

Ab 1933 nur noch Peinlichkeiten. Philosophen versuchen sich an einer Hitler-Festschrift, tragen zum „Kriegseinsatz der Geisteswissenschaften“ bei. Man ertappt sich dabei, etwa über den psychologisierenden Hühnerzüchter Erich Rudolf Jaensch zu schmunzeln. Doch Sieg merkt an: „Im Rückblick fällt es leicht, über derlei Elaborate zu spotten, Doch man sollte sich vor Augen führen, dass Jaensch ein führender Fachvertreter war, der seine Vorstellungen erfolgreich propagierte.“

Sieg erwähnt den „Zufallscharakter“, den die fünf Episoden seines Buches tragen: „Es handelt sich um Ereignisse, Personen oder Konstellationen, zu denen ich in den letzten Jahren besonders eindrucksvolle Dokumente gefunden habe.“ Anders als viele der verhandelten Philosophen weiß Sieg um die logischen Schwächen „umfassender Teleologie“. Folglich erinnert er den Leser regelmäßig daran, dass auch zu Kaiser- beziehungsweise Weimarer Zeiten unterschiedliche Denkwege offen standen. Das wirkt bisweilen etwas didaktisch, schmälert aber nicht den Lektüregewinn – gerade für Leute, die gerne über „Werte!“ und „Bildung!“ räsonieren. Lutz Herrschaft

Ulrich Sieg:

Geist und Gewalt. Deutsche Philosophen zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus. Hanser Verlag, München 2013.

315 S., 27,90 €.

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