Kultur : Der große Kindler

Schauspieler, Widerstandskämpfer, Journalist – und Verleger: Heute feiert Helmut Kindler seinen 90. Geburtstag

Peter von Becker

Es ist fabelhaft. Kaum glaublich, dass so viel unerhörter Stoff Platz hat in einer einzigen Existenz. Helmut Kindler aber, der heute 90 Jahre alt wird, ist keine Romanfigur, er ist ganz und gar ein Wirklichkeitsmensch: Verleger, Unternehmer, Entdecker. Doch was für ein Weg, bis dahin! Am Ende von Shakespeares „König Lear“, wenn fast alle tot oder närrisch sind, sagt der nachgeborene, wiedergeborene Edgar: „Den Ältesten war das schwerste Los gegeben, / Wir Jüngeren werden nie so viel erleben.“

Kaum fasslich für uns Jüngere, dass dieser Mann, der noch leibhaftig und hellwach anwesend ist, solch eine Biografie tatsächlich erfahren, erlebt und überlebt hat. Mit immer neuem Glück und größtem Erfolg. Also hat Helmut Kindler seine zuerst vor elf Jahren erschienene und jetzt wieder neu aufgelegte Autobiografie „Zum Abschied ein Fest“ genannt: unmelancholisch, dankbar, lebensheiter. Kein Abschied.

Der große Verleger ist ein kompakt untersetzter Herr von liebenswürdigster Höflichkeit, dem man bei seinem gesichtbeherrschenden Bubenlachen unterm vollem weißen Haar das Alter kaum ansieht. Und recht eigentlich ist er immer ein ganz Junger gewesen. Mit 27 Jahren saß er 1939 als leitender Redakteur eines „Modewelt“-Feuilletons im ehemaligen Ullstein-Verlag in Berlin auf dem Stuhl von Vicki Baum und dann Raimund Pretzels, der ihn engagiert hatte. Pretzel reiste alsbald auf Nimmerwiedersehen aus Nazideutschland aus und nannte sich fortan Sebastian Haffner. Wiederum 30 Jahre später ermunterte Kindler den einstigen Chef, für ihn die berühmten „Anmerkungen zu Hitler“ zu schreiben, einen der Bestseller seines Münchner Kindler Verlages. Als er 1947, noch in Berlin und gerade 34 Jahre alt, zu einem der Gründerzeitverleger Nachkriegsdeutschlands wurde, hatte Kindler bereits zwei Leben hinter sich.

Zuerst ging der Sohn eines Berliner Kriminalpolizisten zum Theater. Helmut K. war 16 und auf der Obersekunda, da sprang er als Aushilfe an der Volksbühne ein, spielte einen der Pennäler in Wedekinds „Frühlings Erwachen“, neben Peter Lorre als Moritz Stiefel, und verdiente sich seine erste Abendgage (sechs Mark). Blutjung und nichts als ein Amateur (also: Liebhaber) wurde er Gelegenheitsschauspieler und Regieassistent, arbeitete mit Erwin Piscator, begegnete Brecht und Horváth. Weil außerhalb des Theaters nun aber das Unheil siegte, war’s mit der Künstlerlaufbahn dann schnell vorbei.

Der junge Kindler wurde Journalist. Und nach der „Modewelt“ kam die Gründung des „Stern“ – einer Filmzeitschrift im Miniformat mit Millionenauflage, und Kindler interviewte jetzt die neuen, anderen Stars: Zarah Leander zum Beispiel. Zugleich schrieb er als freier Mitarbeiter für die „Frankfurter Zeitung“. Noch etwas später wurde er „Hauptschriftleiter“ (alias Chefredakteur) der „Erika“, einer Erbauungspostille der Wehrmacht. Nunmehr auch Kriegsberichterstatter, unterstützte Kinder, der zuvor schon Kurierdienste für Antinazis, für die „Rote Kapelle“ und eine von Robert Havemann geleitete Untergrundgruppe geleistet hatte, in Warschau polnische Widerstandskämpfer. Im Herbst 1943 wird er von der Gestapo verhaftet und entgeht vor dem Volksgerichtshof nur knapp dem Todesurteil.

Kindler ist noch immer den Künstlern und dem linken Geist der Weimarer Republik verbunden. Das wird ihm nach 1945 helfen. Aber auch in der Berliner Haftzeit knüpft der spätere Menschen- und Autorenverbinder Freundschaften: mit dem verhafteten Anwalt Josef Müller, später als „Ochsensepp“ Mitgründer der CSU. Ein anderer Mitkämpfer, Mitverschworener ist Rudolf Herrnstadt, nach dem Krieg erster Chefredakteur der „Berliner Zeitung“, dann des „Neuen Deutschland“.

Solche Auseinandersetzungen, solche Widersprüche im 20. Jahrhundert sind in Helmut Kindlers Leben mit vielen Spannungen und meist doch glücklichen Wendungen vereint, gespiegelt, fokusiert. Auch deshalb lohnt die Lektüre seiner Autobiografie (verlegt bei Kindler, wo sonst). Und dabei ist gleich der Anfang von „Zum Abschied ein Fest“ einer der schönsten in der deutschen Memoirenliteratur. Am Bild, am Material des Weidekorbs und seiner Flechter entwirft Kindler ein anekdotisches und metaphorisches Panorama, das vom nie gekannten Urgroßvater, einem unter Lasten „aufrechten gebeugten Mann“, bis zu Goethes Gesprächen, bis zum provenzalischen Poeten Frédéric Mistral und einem wunderbaren, kaum bekannten Böll-Gedicht führt.

Das zeigt: Helmut Kindler, der ewige Autodidakt, ist auch ein homme de lettres. Obwohl er, dem Krieg und Naziterror entkommen, durchaus taff von vorne beginnt. Erst Mitarbeiter der neuen „Berliner Zeitung“, dann erster Chef vom Dienst beim ebenso neuen Tagesspiegel (in dessen Feuilleton er 1945 vehement gegen Ressentiments gegenüber dem Emigranten Thomas Mann auftritt); später wird Kindler dann selber Gründer und Verleger von Zeitschriften und Illustrierten, von „Sie“, „Revue“ oder dem sensationell erfolgreichen Teenagerblatt „Bravo“.

Vor allem aber wird er Chef eines Buchverlags. Er überredet 1950/51 den Chirurgen Sauerbruch, seine Memoiren zu schreiben. Mit dem instinktsicher platzierten Buch des berühmten Herrgotts in Weiss verdient er das erste große Geld, danach ist vieles möglich – und von Haffner bis Willy Brandt, von Anna Freud bis Leon Uris, von Ludwig Marcuse bis Walter Jens und Robert Jungk signalisiert Kindlers Programm eine ziemlich einzigartige Verbindung von Geist, Politik und Geschichtsbewusstsein. Hinzu kommt Kindlers Mut und Faible für kulturhistorische Lexika und Enzyklopädien – der „Große Kindler“ ist als Kunst- und Literaturlexikon beidemal unübertroffen.

Sein Verlag gehört inzwischen zur Holtzbrinck-Gruppe, der Familie von Holtzbrinck ist Kindler bis heute freundschaftlich verbunden. Doch von „Abschied“ keine Rede. Heute ehrt ihn die Stadt München, und am Ende der Woche feiert er selbst in Zürich, wo er seit Jahren zuhause ist, mit seiner zweiten Frau, der Malerin Maria Reese, und vielen Freunden, Autoren, Weggefährten ein Fest. Sie alle gratulieren: einem außergewöhnlichen Publizisten, Verleger, Menschen.

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