Kultur : Der große Knall

Ein kurzer Film über das Heiraten: „Sábado“

Silvia Hallensleben

Liebe, Tränen, Leidenschaft: Der Stoff aus dem die Soaps gemacht sind. Doch während das übliche Drama aus der Exposition langsam dem Höhepunkt entgegensteuert, beginnt Matías Bizes „Sábado“ gleich mit dem großen Knall, gefolgt von kleineren Explosionen. Auch die Hochzeit, mit der andere Filme enden, steht in „Sábado“ am Anfang. Eine Beinahehochzeit nur. Denn die Freundin der Braut ist vom Bräutigam schwanger. So erfährt Blanca beim Anlegen des Hochzeitskleides, dass ihr Zukünftiger es mit anderen treibt. Eine kurze Schrecksekunde nur, dann stellen die beiden Frauen den Untreuen zur Rede. Und im Kino entfaltet sich eine komödiantische Kettenreaktion, die erst nach einer Videokassettenlänge endet. Denn der Witz von Bizes Film besteht darin, dass Freundin Antonia ihren Nachbarn Gabriel mit Videokamera im Schlepptau hat, damit von der verhinderten Hochzeit wenigstens ein „Hochzeitstape“ bleibt. Der Möchtegern-Regisseur filmt so lange, bis nach 65 Minuten die Kassette endet. So gibt es zwischen den dramatischen Aussprachen auch immer wieder ironische Seitengeplänkel mit dem Filmemacher.

65 Minuten Nonstop: Auch für einen professionellen Kameramann ist das eine Leistung. Denn das ist der zweite Witz von „Sábado“: Filmkameramann Gabriel Díaz ist identisch mit dem Hochzeitsfilmer Gabriel. Auch Díaz dreht seinen Film in digitaler Video-Echtzeit: Auch „Sábado“ ist genau 65 Minuten lang: Es sind Gabriels Aufnahmen, die wir auf der Leinwand sehen. Eine sogenanntes Mockumentary, genauer: ein raffinierter minimalistischer Spielfilm. Denn „Sábado“ ist weit von dem entfernt, was er scheinbar dokumentiert. Die Schauspielerinnen agieren zwar unter ihren wirklichen Namen. Doch sie sind Profis, der Filmografie nach populäre Soap-Darstellerinnen in Chile. Der Plot ist in seinen Grundelementen genau aus solchen Serien zusammengeklaubt, in denen Antonia und Blanca sonst agieren. Der Rest ist Improvisation. Was sich für den Zuschauer schnell zu einem qualvollen Experiment entwickeln kann, funktioniert hier vorzüglich. Auf dem Filmfestival 2003 in Mannheim-Heidelberg hat Bizes „Film in Echtzeit“ mehrere Preise eingesammelt. Gealtert ist er seitdem nicht.

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