Kultur : Der große Knall

Vom Drama der Perfektion: eine Begegnung und ein Solo-Abend mit dem Pianisten Lang Lang

Christine Lemke-Matwey

Morgens um zehn ist die Welt der Goldfischlein noch in Ordnung. Morgens um zehn, da tänzeln sie auf ihren Schwänzen und drehen im glucksenden Malkastengrün versonnen ihre Runden. Auch auf der anderen Seite der Glaswand scheint alles jung und frisch und keusch. Leise klappert das Frühstücksgeschirr, murmelt eine Musik, surren an der Rezeption die Telefone. So könnte es eigentlich bleiben, das Leben. So selbstverständlich in seiner Coolness und Selbstinszenierung, so absichtslos absichtsvoll.

Fragt man den chinesischen Pianisten Lang Lang, ob er sich mit seinen 23 Jahren nicht bisweilen wie einer jener bunten Fische im spektakulären Lobby-Aquarium des Berliner Radisson SAS Hotels vorkomme, dann schüttelt er mäßig belustigt den Kopf. Viel bestaunt und doch nicht ganz geglaubt, ausgestellt, ausgeliefert, auf ewig gefangen, ein einsames exotisches Wundertier?

Nein. Er mache ja nur Musik, habe, seit er denken könne, nie etwas anderes gewollt als – spielen. Mozart zum Beispiel, bei dem immer alles im Fluss sei und letztlich ganz furchtbar einfach, „a natural genius“; Schumann, den „liberalsten, freiheitlichsten“ aller Klavierdenker („deswegen halten wir ihn ja für verrückt!“); Sergej Rachmaninow, den ob seiner unverstellten Tastentigerei so gerne so übel Beleumundeten. Und Chopin natürlich, den Erzromantiker, den Seelenmaler, neben Liszt das pianistische Lebenselixier schlechthin.

Womit die vier Komponisten von Lang Langs jüngster Solo-CD „Memory“ (Deutsche Grammophon) nach kaum fünf Minuten Gespräch allesamt genannt wären. Dieser unscheinbare Junge mit den weichen, weißen Händen ist ein Medien- Profi. Böse Zungen behaupten, er ließe auf seinen Globusumrundungsflügen keinen Zwischenstopp aus, ohne seine Agentur zu bitten, man möge ihm für die Pause doch einen Journalisten vorbeischicken. Oder zwei. „This was a lovely chat“, wird Lang Lang in Berlin zum Abschied um Punkt viertel vor elf sagen, und dieses Kompliment trifft die Sache wohl ziemlich genau. Das Business vorantreiben und seinen Spaß dran haben, nett sein, so normal wie möglich.

Rund 160 Auftritte absolviert Lang Lang derzeit pro Jahr. Gerade ist er mit dem „Memory“-Programm auf Europa- Tournee. Rechnet man die Reiserei hinzu, das Schüren und Befriedigen der diversen PR-Gelüste, die Arbeit im Plattenstudio, das Lernen und nackte Üben, so bleibt da nicht viel Zeit, zum Leben. Das alte Lied vom bösen, sich selbst kannibalisierenden Musikmarkt? Das hochgeschäumte Ausnahmetalent, das alsbald nur mehr Flughäfen kennt und Städte von hinten und entsprechend wenig und immer weniger zu sagen weiß mit seiner Kunst, woraufhin es wie eine leere Austernschale in hohem Bogen und auf Nimmerwiedersehen über die Reling des Erfolges fliegt? Solche Fälle hat es gegeben. Aber es gilt auch, was Daniel Barenboim sagt – und Lang Lang, der intensiv mit Barenboim gearbeitet hat, freut dies ungemein: Dass ein Interpret nicht nur aus dem Leben für die Musik lerne, sondern auch aus der Musik fürs Leben.

Just in diesem Sinne freilich muss man sich um Lang Langs Herzensheil und Zukunft ernstlich sorgen. Neben einem nun wahrhaft stupenden Klavierspiel nämlich (stupend im Radius seiner manuellen Möglichkeiten, stupend auch, was die Breite, die Feinstaffelung der Nuancen auf der Gefühlsskala angeht), neben einer oftmals überwältigenden, weil ganz physischen, physisch spürbaren Freude an der Musik und einer großen Lust am großen Flirt (mit den Stücken wie mit dem Saal!) offenbart sein Solo-Abend am Dienstagabend in der Berliner Philharmonie vor allem eines: Da ist ein junger Mann, der buchstäblich nicht weiß, wohin mit sich. Der so viel Kraft besitzt und eine so reiche Fantasie, eine so tiefe und durchaus bescheidene, ja demütige Intuition, dass es ihn, schafft er sich kein geeignetes Ventil, demnächst ganz bestimmt in der Luft zerreißen wird. Oder es zerreißt die Musik. Oder uns. Lang Lang führt vor Ohren (und Augen), was passiert, wenn Mozart auf Mozart zurückgeworfen wird, wenn Chopin in sich heiß läuft, wenn Liszt und Rachmaninow sich nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, wenn Schumann an Schumann zerbricht – kurz: wenn eine Musik außer sich selbst nichts mehr zu kennen müssen glaubt. Wenn sie alle Nabelschnüre kappt. Mutwillig wohlgemerkt.

Die Befürchtung freilich, damit trete das Rundum-Sorglos-Ethos einer neuen Pianisten-Generation zu Tage, sie dürfte sich so rasch nicht erfüllen. Dazu sind die Kandidaten (Yundi Li, Martin Stadtfeld) individuell viel zu verschieden – und deren Altersgenossen mit Anfang 20 oftmals noch nicht so weit. Auch das Asiaten-Argument sticht in einer globalisierten Welt immer weniger. Vielleicht ist also doch etwas dran an der These, dass erst die Reibung, der Widerstand den Götterfunken entzündet. Und also spielte Lang Lang viel zu perfekt Klavier, um sich jemals existenziell berühren zu lassen?

Die Stücke jedenfalls, für die er, wie er sagt, eine „kleine Hand“ braucht (die er von Natur aus nicht hat), Mozarts C-Dur Sonate KV 330 und Schumanns „Kinderszenen“ op. 15, sie wollen einem an diesem Abend gleichzeitig als viel zu klein und viel zu groß erscheinen. Zu klein, weil sie sich jedwedem Tastendonner verweigern; zu groß, weil Lang Lang auf die Stille, auf alles Schlichte selten eine überzeugende Antwort gibt. Gewiss, der langsame Satz aus der Mozart-Sonate singt im sämigsten Legato, und die Mollrückungen seines Mittelteils gelingen fast noch fahler, gespenstischer als auf der Platte. Allein was fehlt (ohne recht zu wissen, wie es fehlt!), das ist die innere Anschauung, das ins Eigene Überführte, auch: so etwas wie Schmerz wohl, wie Erlittenes.

Eine seraphisch schöne Mozart-Melodie über ebenmäßig pochenden Sechzehnteln ist eben doch mehr als nur dieses. Vielleicht sind es aber auch die Ecksätze – ein wie auf der Haydn-Spieluhr gedrechseltes Allegro moderato und ein nähmaschinengleich herunterratterndes Allegretto –, die hier alle Authentizität unterwandern. Die „Kinderszenen“ wiederum traktiert Lang Lang, als würfe er wahllos mit Spielzeug um sich: „Von fremden Ländern und Menschen“ als sonnige Streicheleinheit, „Hasche-Mann“ als Hummelflug, eine „Träumerei“, die in mächtig pedalisierenden Ritardandi ertrinkt, der „Ritter vom Steckenpferd“ mit lustig heruntergeklapptem Visier. Und wieder fehlt die Auseinandersetzung, das intellektuelle Gespür für den zyklischen, den poetisch-romantischen, den transzendenten Reigen solcher Musik.

Das Ventil, zu dem Lang Lang in dieser Situation greift, ist symptomatisch, ja verräterisch. Als erzeugte Unterdruck prompt Überdruck. Von Chopins dritter Klaviersonate (mit einer wirklich bemerkenswerten Stretta im Finale) über zwei Préludes aus Rachmaninows op. 23 bis hin zu Liszts geradezu aberwitziger Ungarischer Rhapsodie Nr. 2 steigert er sich in einen absolut cartoonreifen Exzess hinein. Schlummern bei Chopin (mit mahnend erhobenem linken Zeigefinger!) die Affekte noch halbwegs gesittet unter der Bettdecke, und glühen bei Rachmaninow bloß Pumuckel gleich die Haarspitzen, so schießt die Liszt-Rhapsodie den Vogel des Abends ab.

Mit 1000 Fingern, die er wie Spaghetti aus den weißen Tasten zieht und wieder darin versenkt, mit einer Linken, die in kochendem Puszta- Stahl wühlt, mit entrüsteten Blicken ins Flügelinnere, als trieben Mäuse dort ihr Unwesen alla ungherese, so stürzt sich Lang Lang in den kolorierten musikalischen Überschwang (natürlich in der Horowitz-Transkription). Der Virtuose als Karikatur seiner selbst. Völlig enthemmt. Nie wieder einzukriegen. Der tollste Goldfisch im Glas. Die radikale Zuspitzung unserer versammelten musikalischen Beziehungslosigkeiten. Scherz? Satire? Wut im Bauch? Nur der ganz große Knall blieb diesmal noch aus. Schade eigentlich. Ovationen.

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