Kultur : Der große Kott

Peter von Becker

Superlative entsprechen auch in jenen Todesfällen, da wir einen geliebten oder verehrten Verstorbenen rühmen, selten der vollen Wahrheit. Und doch ist beim Tod des exilpolnischen Literatur- und Theaterwissenschaftlers Jan Kott die Ausnahme angebracht: Kein anderer Theoretiker nämlich hat in den letzten 100 Jahren mit seinen Interpretationen derart Einfluss genommen auf die Praxis der von ihm beleuchteten, erhellten, befeuerten Kunst.

Theorie und Kreation sind so bei Jan Kott gleichsam eins geworden. Seine 1965 in Warschau erschienene, in alle Weltsprachen übersetzte Studie "Shakespeare, unser Zeitgenosse" (im Deutschen lange "Shakespeare heute") hat alle wesentlichen Inszenierungen des Dramatikers, von London bis Tokio beeinflusst. Erst Kott hat das elisabethanische Genie, von dem man sagt, das seit Gott keiner mehr erschaffen hat, zum Dichter der ganzen Welt und aller Zeiten werden lassen.

Kott erkannte im "King Lear" die Vorausschau auf Becketts Endspiele, er analysierte in den Königsdramen den universellen Kern jeglicher Gewaltpolitik. Und erst, als wir "Hamlet" mit Kotts Augen sahen, war das Schauspiel zu jener Schlinge geworden, in dem sich Psychologie und Politik, von Hitler und Stalin bis Ceausescu und Milosevic, immer wieder aufs Neue einfangen lassen. Ob Peter Brook oder Peter Zadek, ob Ariane Mnouchkine oder Akira Kurosawa, alle wichtigen Shakespeare-Regisseure sind so Jan Kotts Jünger und Zeugen geworden.

Das lag nicht nur daran, dass Kott in einer wunderbar plastischen Sprache schrieb, die wie mühelos Kunst- und Realgeschichte, Philosophie und Philologie, Weltkenntnis und Menschenbeobachtung miteinander verband. Kotts immenses Wissen gründete auch auf seiner besonderen Lebenserfahrung. Der polnische Jude ist unter dramatischen Umständen der Deportation und, schon vor den Gewehrläufen, der Exekution durch die Deutschen entkommen; er war Partisan, Kommunist - und bald auch Opfer des Stalinismus. Er hat in Frankreich mit Trotzkis späterem Mörder Boule gespielt, mit Pasternak und Lukácz diskutiert und ging schließlich nach Paris und später nach Kalifornien, an die Stanford University.

Bis zuletzt sprach er Englisch mit nuschelndem polnischen Akzent, im Gespräch voll liebenswürdigem Witz: ein agiler kleiner Herr und großer Kopf, der noch immer gerne jungenhafte Blicke nach hübschen Mädchen warf. Er überstand zwei Herzinfarkte und ein Jahrhundert, und hat noch einen im Berliner Alexanderverlag erschienenen grandiosen "Versuch einer Autobiographie" geschrieben, sein "Leben auf Raten". Letzte Woche ist er 87-jährig in Kalifornien gestorben.

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