Kultur : Der große Magier

MATTHIAS MOCHNER

"Wer hat Ihnen denn gesagt, daß man mit Farben malt?" soll Jean Siméon Chardin ärgerlich einen Künstlerkollegen gefragt haben, der damit prahlte, seinen Farben besondere Reinheit und Vollkommenheit zu verleihen. "Man benutzt wohl Farben", erklärte er dem Verblüfften, "aber man malt mit dem Gefühl."Die erste große Ausstellung in Deutschland über den "Fachmaler von Tieren und Früchten" - als solcher wurde der 28jährige am 25. September 1728 von der berühmten, 1648 gegründeten Académie royale de peintre et sculpture in Paris aufgenommen - dokumentiert in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe das Selbstverständnis einer der wichtigsten Künstlerpersönlichkeiten des 18. Jahrhunderts und die überraschende Modernität seiner Malerei. 34 Ölbilder (sowie eine der wenigen Zeichnungen) des 1699 in Paris als Sohn eines Tischlers geborenen Chardin stehen im Mittelpunkt der Präsentation. Vier davon stammen dank des vielseitigen Sammelinteresses der selbst künstlerisch tätigen Markgräfin Louise von Baden aus dem eigenen Bestand der Kunsthalle. Auf diese planvolle Werkauswahl Chardins - der sich merkwürdigerweise bei der Arbeit nie beobachten ließ, was seiner Technik die Aura des Geheimnisvollen verlieh - beziehen sich mehr als 80 Werke anderer Künstler, 40 zeitgenössische Drucke sowie über 100 niederländische und französische Kupferstiche, Radierungen und Zeichnungen des 17. und 18. Jahrhunderts.Die kluge Hängung im renovierten DurmFlügel der Kunsthalle ermöglicht erstaunliche Vergleiche: ganz im Sinne von Chardin, der selbst von 1755 bis 1774 für die Hängung im Salon in Paris verantwortlich war und es, wie Diderot schreibt, bravourös verstand, "über vergleichende Gegenüberstellungen Klarheit zu verschaffen". So findet sich Jan Steens "Tischgebet" (London) neben Chardins sensibler Interpretation desselben Themas in "La bénédicité" (Paris), das der Künstler 1740 König Ludwig XV. überreichte. Die aggressive, nach einer Auster greifende Katze im mit erotischer Symbolik aufgeladenen "Stilleben mit Katze" von Alexandre-François Desportes steht in spannungsvollem Kontrast zur ruhenden Katze in Chardins "Die Wäscherin" (St. Petersburg). Den Geschmack des Ancien Régime zeigt "Kleiner Junge, ein Kartenhaus bauend" (New York) des Franzosen François-Hubert Drouais. In Chardins wunderbar ruhiger Anverwandlung dieses Motivs in "Le château des cartes" (Florenz) fehlt alle süße Koketterie - es zeigt einen nachdenklich sinnenden elfjährigen Jungen, der die Karten zu einem Haus des Lebens stellt.Ideale der Aufklärung klingen in den sich ihrer Menschenwürde bewußten Gestalten der Bilder Chardins an, wie zum Beispiel "Die Frau am kupfernen Wasserfaß" (London) und "Die Rübenputzerin" (München). Besonders deutlich wird dies im Vergleich mit der niederländischen und französischen Genremalerei. Die "bestimmte Unbestimmtheit" (A. Gruschka) der pädagogischen Bilder schließlich - allen voran "La gouvernante" von 1745 - ist eine Entdeckung. Feinste seelische Stimmungen sind hier in differenzierter Farbigkeit festgehalten. Chardins Bilder suchen den Dialog zum Betrachter. Von hier scheint es ebenso wie in dem einzigartigen, nach 1750 entstandenem Bild "Zwei tote Kaninchen mit Jagdtasche und Pulverhorn" nicht mehr weit bis zur Farbraummalerei.Der Maler, der Paris während seines fast 80ährigen Lebens nur ein einziges Mal für einen Arbeitsaufenthalt verließ - 1731 arbeitet er unter der Leitung von Jean-Baptiste Van Loo bei der Restaurierung der Galerie François 1er in Fontainebleau mit -, war bei seinen Zeitgenossen sehr geschätzt. Käufer seiner Bilder waren Madame Pompadour, Louise Ulrike von Schweden, Katharina II. von Rußland, Friedrich der Große aber auch der Bildnismaler und lebenslange Freund Chardins Joseph-Jacques-André Aved. Chardins stark reduzierte Malweise, exzellente Kenntnis der Alten Meister sowie die außerordentliche Kraft der Farbe veranlaßten Diderot 1763 zu den hymnischen Sätzen: "O Chardin, das ist nicht weiße, rote und schwarze Farbe, die du da auf deiner Palette zerreibst; das ist die eigentliche Substanz der Gegenstände, das ist die Luft und das Licht, die du mit der Spitze deines Pinsels nimmst und auf die Leinwand überträgst."Die Fähigkeit, das Wesen der Dinge malerisch zu erfassen, ließ die Werke des "grand magicien" - wie Diderot Chardin nannte - bei nachfolgenden Künstlergenerationen nie in Vergessenheit geraten. Es lohnt, sich für Augenblicke in der Ausstellung davon "bezaubern" zu lassen: von Bildern wie "Der Zeichner" oder "Die Briefsieglerin" (Potsdam). Man kann sich über die zeitgenössische Kritik an Chardins unendlich langsamer Malweise amüsieren - Früchte und Tiere würden während des Malens vor ihm verfaulen! - oder den Dialogcharakter seiner Bilder wissenschaftlich verifizieren - die Begegnung mit Chardin in Karlsruhe sollte man jedenfalls nicht versäumen.

Staatliche Kunsthalle Karlsruhe, bis 22. August.

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