Kultur : Der große Neugierige

Zum Tod des Berliner Publizisten Heinz Knobloch

Christoph Funke

„Misstraut den Grünanlagen.“ Mit diesem Satz beginnt Heinz Knoblochs Buch „Herr Moses in Berlin“. Ein vieldeutiger Satz. Er will Aufmerksamkeit wecken für das, was unter dem Rasen verborgen, verschüttet oder versteckt sein mag. Und er warnt zugleich vor dem Vergessen: vor dem Überwachsen von Geschichte. Heinz Knobloch, der Berliner Schriftsteller und Feuilletonist, der gestern im Alter von 77 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben ist, gab sich nie mit Oberflächlichem zufrieden. Er wollte Menschen ergründen, vergangenes Geschehen zurückholen in die Gegenwart. Er war ein Entdecker, ein manisch Neugieriger – und hat sich doch nie zum Sensationellen verführen lassen.

Heinz Knobloch durchforschte die Archive, wälzte ganze Bibliotheken um, versessen auf Genauigkeit. Da hätten langweilige Bücher entstehen können, Zeugnisse braver Gelehrsamkeit – das Gegenteil war der Fall. Knobloch schrieb spannende Geschichten, locker und wirkungssicher, mit einer verschmitzten Anmut, die sein Wesen kennzeichnete. War man mit ihm zusammen, begegnete man einem Freundlichen, Wachen, Aufmerksamen, der trotz seiner vielen Publikationen bescheiden blieb und ein guter Zuhörer war. In der Kunst des Feuilletons hatte er sich geschult, beherrschte sie bald wie kaum ein anderer. Und dann erschien Buch auf Buch, darunter 1979 „Herr Moses in Berlin“ mit dem Untertitel „Auf den Spuren eines Menschenfreundes“. Es ist für mich sein bestes Buch, ein leidenschaftliches Bekenntnis zu dem jüdischen Philosophen und Freund Lessings, ein grandioser Versuch, Literaturgeschichte zu verwandeln in – Menschengeschichte. Dass Knobloch 1994 mit dem Moses-Mendelssohn-Preis des Landes Berlin geehrt wurde, war also längst überfällig.

Am 3. März 1926 als Sohn eines Reproduktionsfotografen in Dresden geboren, musste Knobloch nach einer Lehre als Verlagskaufmann noch in den Krieg und war, aus der Wehrmacht desertiert, von 1944 bis 1948 Kriegsgefangener in den USA und England. Nach Deutschland zurückgekehrt, studierte er Journalistik in Leipzig und begann 1957 seine literarische Arbeit. Viele Jahre lang war er Mitarbeiter der Feuilleton-Redaktion der beliebten, auflagestarken DDR-Zeitschrift „Wochenpost“. Vorbildern wie Alfred Polgar, Franz Hessel und Alfred Kerr nachstrebend, wurde er durch seine praktische Arbeit zum Lehrmeister vieler begabter Journalisten, denen er auch ein Vorbild an Zivilcourage war – denn die Texte des Feuilletonisten versuchten listenreich, ideologische Klischees anzugreifen. Knoblochs jahrzehntelanges, unermüdliches Schreiben widmete sich dabei mehr und mehr der Suche nach den Spuren jüdischer Geschichte und den Schicksalen jüdischer Menschen in Berlin, am berührendsten wohl in „Meine liebste Mathilde“, einer Liebeserklärung an die Sekretärin und Freundin Rosa Luxemburgs. Der öffentliche Auftritt dagegen lag ihm nicht, und so blieb sein Wirken als letzter PEN-Präsident der DDR 1990 eine Episode.

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