Kultur : Der große Sänger

Vor 100 Jahren wurde der Dichter Pablo Neruda geboren. Die politische Dimension des Nobelpreisträgers wird unterschätzt

Steffen Richter

„Es gibt Formen zu sterben, die einen Mord verraten.“ Treffender als der Literaturwissenschaftler Carlos Rincón kann man das lange Zeit geläufige Bild Pablo Nerudas kaum beschreiben. Neruda, das war zuallererst der Kampfgefährte Salvador Allendes. Das war der poetische Volkstribun aus Chile, der den Putsch vom 11. September 1973 nur um zwölf Tage überlebte, nachdem sein Haus auf der Isla Negra von Pinochets Soldateska verwüstet worden war.

Doch natürlich war Neruda immer auch der Dichter der „Elementaren Oden“ – ein erdverbundener, allen sinnlichen Genüssen zugewandter Mann. Vielleicht machte gerade das seinen besonderen Reiz aus: Er sprach mit derselben Stimme von großer Politik und kleinen Dingen des Lebens. Dabei war Ricardo Eliécer Neftalí Reyes Basoalto, der sich ab 1920 Pablo Neruda nannte, die Rebellion gegen alles Unrecht der Welt durchaus nicht an der Wiege gesungen worden. Die „Balladen von den blauen Fenstern“, vor vier Jahren publizierte Schülergedichte, lassen Spuren der Verlaine- und Mallarmé-Lektüre erkennen, nicht aber des „Kommunistischen Manifests“. Noch in „20 Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung“, die den 19-jährigen berühmt machten, war wenig von „Gewerkschaften“ und „Kameraden“ die Rede, viel aber von „Schwermut“ und „Einsamkeit“.

Sicherlich, Nerudas Universum hatte Platz für die Verblendung, die ihn das Lob der Partei anstimmen und Stalin preisen ließ. Platz aber gab es auch für den Regen seines nie vergessenen Kindheitsorts Temuco im äußersten Süden Chiles. In der poetologischen Absichtserklärung „Poésie impure“ von 1935 steht sein Bekenntnis zu einer Dichtung, „unrein wie ein Kleid, wie ein Körper mit Essensflecken und obszönen Gesten, mit Falten, Beobachtungen, Träumen, durchwachter Nacht“. Doch auch dem Mondschein wollte er nicht abschwören. Die ganze Welt sollte in sein Gedicht eingehen.

Und Neruda wusste, wovon er sprach. Schon 1927 geht er als chilenischer Konsul in den Fernen Osten: Er sieht Ceylon und Batavia, bereist Indien und Japan. Den Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs erlebt er 1936 mit seinen Dichterfreunden Federico García Lorca und Rafael Alberti in Madrid. Der Mord an Lorca, dem „Engel dieses Augenblicks unserer Sprache“, verstört ihn tief. „Seht mein totes Haus, / seht mein zerbrochenes Spanien“, tönt die Klage gegen Franco. Aus Madrid abberufen, organisiert Neruda von Paris aus die Rettung hunderter republikanischer Flüchtlinge.

Unterwegs entsteht der „Aufenthalt auf Erden“, sein wohl berühmtestes Buch. Charakteristisch ist es insofern, als hier die Idee einer zyklisch fortschreitenden Poesie Gestalt annimmt. Die Grenzen des geschlossenen Werkes zerfließen. Schon 1933 war der erste „Aufenthalt“ erschienen – 33 teils dunkle Gedichte über die unglücklichen Jahre des chilenischen Gesandten in den asiatischen Tropen. 1935 folgte der zweite „Aufenthalt“, ergänzt um Gedichte über die spanischen Jahre. Der „Dritte Aufenthalt“ mit den Erinnerungen an den Bürgerkrieg schreibt den Zyklus 1947 fort.

1945, mittlerweile Mitglied der Kommunistischen Partei, wird Neruda Senator im chilenischen Parlament. Dann treibt ihn die Politik Gonzáles Videlas in die Illegalität, später ins Exil nach Mexiko, in die Sowjetunion, nach Italien. Auf den abenteuerlichen Fluchten schreibt er am „Canto General“, dem „Großen Gesang“ (1950). Angetreten, „der Geschichte Lauf zu erzählen“, breitet Neruda in zehntausend Versen die Historie des lateinamerikanischen Kontinents aus – von der spanischen Eroberung bis zum Leiden der Arbeiter in den chilenischen Kupferminen. Mikis Theodorakis hat das Werk vertont. Che Guevara, erzählt Régis Debray, soll den Band immer bei sich getragen haben.

Spätestens in seinen Memoiren „Ich bekenne, ich habe gelebt“ (1974) war der Nobelpreisträger des Jahres 1971 sich selbst historisch geworden. Der Dichter erscheint als Ikone des Befreiungskampfes und Stimme des Volkes. Heute, zu seinem 100. Geburtstag, wird der Liebes- und Naturlyriker gern gegen den politischen Dichter Neruda ausgespielt. Eine Praxis, die die Dimensionen seines poetischen Universums unterschätzt.

Bücher zum Jubiläum:


Dieses Buch bestellen Pablo Neruda: In deinen Träumen reist dein Herz. Einhundert Gedichte. Hrsg. v. Fritz R. Fries. Luchterhand 2004. 12 €.


Dieses Buch bestellen Stefan Wieczorek (Hrsg.):„Ein Fest zu feiern und sich zu berauschen…“ Gedichte an Pablo Neruda. Sammlung Luchterhand 2004. 9,50 €.


Dieses Buch bestellen Pablo Neruda: Aufenthalt auf Erden. Sammlung Luchterhand 2004. 9,50 €.

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