Kultur : Der große Sanfte mit dem gnadenlosen Blick

Peter W. Jansen

Ein Einzelgänger des deutschen Films. Kurz nach seinem 80. Geburtstag ist der Schauspieler und Regisseur in München gestorbenPeter W. Jansen

Er hatte schon über dreißig werden müssen, um zum Film zu finden, den der Theaterschauspieler Bernhard Wicki lange Zeit für eine "After-Kunst" hielt, wie er selber sagte. Genauso wie die Fotografie. Bis er in Zürich die Foto-Ausstellung "Family of Man" sah. Da sei es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Er kaufte sich einen Foto-Apparat, nahm Ferien beim Theater und fotografierte ein halbes Jahr lang in Paris. Das Vorwort zu dem Fotoband, den er dann veröffentlichte, schrieb Friedrich Dürrenmatt, der Freund, der ihn vergeblich dazu zu überreden versuchte, die Gedichte seiner frühen Jahre drucken zu lassen, die bis heute unveröffentlicht geblieben sind.

Nach der Fotografie war Max Ophüls gekommen - der Mann, der es fertig gebracht hatte, den Leutnant Fritz in seinem Film "Liebelei" nach einem Telefongespräch rein seiner Stimme nach mit Wolfgang Liebeneiner zu besetzen. Ophüls engagierte auch Bernhard Wicki seiner Stimme wegen, für die Funkerzählung "Frau Berta Garlan" nach Schnitzler, beim Südwestfunk in Baden-Baden realisiert, und für die deutsche Synchronisation der Rolle des Arztes in seinem Film "Pläsier". Danach war das Eis gebrochen.

Geboren am 28. Oktober 1919 als Sohn eines Schweizer Fabrikdirektors und einer Österreicherin, ist Berhard Wicki vor allem in Dessau, Wien, Salzburg und schließlich Berlin aufgewachsen. Schon eingeschrieben an der Universität Breslau (für Literatur), bewarb er sich an der staatlichen Schauspielschule Gustaf Gründgens in Berlin. Dort hatte er 1938 eine nahezu groteske Konfrontation mit dem Gründgens-Protektor Hermann Göring, der den 19-jährigen Schauspieleleven, der jüdische Freunde und kommunistische Kontakte hatte, ins Konzentrationslager brachte. Das Theater und das KZ - er war ein Jahr lang im Block 6, der "politischen" Baracke von Sachsenhausen - haben Bernhard Wicki geprägt, den Schauspieler am Burgtheater, in Salzburg und in München, der gleich nach dem Krieg ans renommierte Schauspielhaus Zürich kam. Wegen seiner Vergangenheit im KZ, wie er bis zuletzt glaubte.

Große Popularität als Darsteller erwarb er sich vor allem in den so ganz unterschiedlichen Filmen "Die letzte Brücke" und "Die Zürcher Verlobung" von Helmut Käutner, bei dem er schließlich assistierte und das Filmemachen lernte. Schon sein zweiter eigener Spielfilm, "Die Brücke" (1959), einer der härtesten und bittersten Antikriegsfilme überhaupt und für den Oscar nominiert, machte ihn zum Vorläufer des neuen deutschen Films, mit dem ihn später allenfalls freundliche, besonders aber kritische Distanz verband. Sie waren zu ihm gekommen, die Oberhausener, Alexander Kluge vor allem, um ihn für ihr Manifest und ihre Ideen zu werben; er aber fühlte sich einer anderen Generation zugehörig, der von Käutner und Staudte.

Einzelgänger in Person, hat Wicki auch sehr persönliche, einzelgängerische Filme gemacht. Selbst dann, wenn sie von historischer oder politischer Realität erzählen, wie zuletzt noch "Das Spinnennetz" (1989), zeugen sie in der Härte der Inszenierung, zu der dieser überaus sanfte Mensch fähig war, von einer Erfahrung, über die Wicki nur verhalten sprach, von der am eigenen Leibe erlebten deutschen Geschichte.

"Die Brücke" brachte ihm den Ruf nach Hollywood ein und die Co-Regie in dem Invasionsfilm "The Longest Day", der ihm persönlich viel zu bieder erschien und alles andere als ein Antikriegsfilm war - und die erneute Oscar-Nominierung (im Kollektiv) Aufträge in Hollywood. "The Visit" - nach Dürrenmatts "Besuch der alten Dame" - und "Morituri" waren mit ebensoviel Aufwand und Hoffnungen verbunden wie mit Enttäuschungen. Da Ingrid Bergman nicht aus Rom weg wollte, konnte für "The Visit" die Stadt Güllen nicht in den Abruzzen liegen, wo Wicki sie nach langen Recherchen gefunden hatte, sondern musste in Cinecittà für zwei Millionen Dollar nachgebaut werden, womit der Film sehr artifiziell ausfiel. Und beim antifaschistischen Agententhriller "Morituri" müssen zwischen ihm und seinem anspruchsvollen Hauptdarsteller Marlon Brando die Fetzen geflogen sein. Nach zehn Jahren 1971 zurückgekehrt nach Deutschland, machte er sich vor allem die Erfahrung, mit genialen Schauspielern gearbeitet - und sie gebändigt - zu haben, zunutze. So hat er etwa Helmut Qualtinger in der Rolle des Eichmeisters Anselm Eibenschütz in der Fernsehproduktion "Das falsche Gewicht" (nach Joseph Roth) zu seiner nachdrücklichsten Leistung geführt. Oder, ganz zuletzt noch, Klaus Maria Brandauer, der als Benjamin Lenz, jüdischer Gegenspieler des nazistischen Leutnants Theodor Lohse (Ulrich Mühe) ungewöhnlich zurückhaltend "Das Spinnennetz" (ebenfalls nach Roth) zu einem skeptischen, aber von tiefer Menschlichkeit durchdrungenen Appell machte.

Das Apellative, gelegentlich auch Pamphlethafte, ist Bernhard Wicki nie fremd gewesen, wie etwa auch in "Sansibar oder der letzte Grund" (nach Alfred Andersch) oder dem Film "Die Eroberung der Zitadelle" (nach Günter Herburger), dessen Dreharbeiten Wicki nach einem Orkan, der die Aufbauten zerstört und ein Schiff zum Sinken gebracht hatte, nur retten konnte, indem er seine eigenen Besitztümer darangab. So sehr hatte ihn die persönlich erfahrene Zeitgeschichte geprägt, dass ihm die Gewaltdarstellungen nie krass genug sein konnten.

Er hat sich mit seiner Überzeugung von der Notwendigkeit des Realismus selten selbst einen Gefallen getan. Sein ästhetischer Horizont ging darüber hinaus. So aber konnte bis heute übersehen werden, dass er mit seiner Wirtschaftswunder-Persiflage "Das Wunder des Malachias" (1961 in Berlin mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet) der Zeit voraus war mit einer simultanen Dramaturgie und Erzählweise, die viele Jahre später den Ruhm der späten Filme von Robert Altman ausmachen sollten.

Jetzt ist Bernhard Wicki, wie seine Frau Elisabeth Endriss mitteilte, kurz nach seinem 80. Geburtstag in München gestorben.

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