Kultur : Der große Sprung

Christine Wahl

Entscheidungsfreude ist eine Kernkompetenz. Das lehren uns Helden wie Shakespeares Dänenprinz „Hamlet“, der sich ewig nicht zur Rache an seinem mörderischen Onkel Claudius durchringen kann. Letztlich wird nicht nur der Delinquent, sondern auch Hamlet selbst mitsamt des maroden Hofstaates hingemordet. Die Performance-Truppe mamouchi, die sich vor sieben Jahren an der Hildesheimer Universität formierte, will uns solche Wankelmütigkeiten abgewöhnen und hat in den Sophiensälen ein entsprechendes Programm mit Schauspielern und Sportlern entwickelt. Risikoathleten (20. und 22. 4., 20 Uhr) heißt die dramatische Maßnahme, die sich freilich weniger am Onkelmord als an den naturgemäß profaneren Dingen des modernen Alltagslebens orientiert. Zum Beispiel am Job-Dilemma.

„Der Risikoathlet ist ein Mensch“, definiert mamouchi, „der sich nicht um die Sicherheit seines Arbeitsplatzes sorgt, sondern jeden Tag neu offensiv das Wagnis des Lebens eingeht“ und also permanent zum großen „Sprung ohne Sicherheitsnetz“ ansetzt. Rat holte sich die Truppe beim ehemaligen DDR-Vorzeigeskispringer Jens Weißflog, der – leider nicht live on stage – die leitmotivische Erkenntnis beisteuert, dass der Weg zum Erfolg in erster Linie mit „Schinderei“ gepflastert ist.

Ein „Risikoathlet“ nach mamouchis Definition ist zweifellos auch der Wolf aus Tobias Lenels, Nikolaus Wegeners und Sebastian Undisz’ Oper für Schauspieler mit dem schönen Titel Die Liebe - Ein Grimmical im Ballhaus Ost (Pappelallee 15, 26.4., 20 Uhr) . Allerdings landet der Wolf quasi direkt im Bett seiner Erzrivalin, der Hexe. „Die Liebe“ zeigt, dass – wenn diese beiden größten Egoisten des Märchenwaldes sich ineinander verlieben – postfeministische Strukturen unseren Alltag bestimmen. Der Wolf muss hinaus ins feindliche Leben, drinnen wartet die züchtige Hexe, bis der Versorger devot mit der Beute gesprungen kommt.

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