Kultur : Der große Traum

Forum: Byun Young-Joos melancholisches Melodram „Mil-ae“

Daniela Sannwald

Alles hatte so schön angefangen: Eine Frau, ein Mann, eine Wohnung, ein Kind. Friedliche, häusliche Szenen, Freude, stilles Glück. Und dann? Es klingelt an der Tür, die Nachbarin steht da und klagt ihr Recht auf den Mann ein. Die Frau weiß: Es wird nie mehr so sein wie vorher. Nie. Die Frau bekommt Kopfschmerzen. Bohrende Kopfschmerzen, die sie praktisch lebensunfähig machen. Sie hört Stimmen und sieht Bilder. Kann sie, will sie gesund werden?

Der Arzt sagt: ja. Er ist auf sie aufmerksam geworden, lange bevor sie ihn konsultiert. Er verschreibt Tabletten und Sex zur Genesung. Sex mit ihm selbst als Geliebtem. Die Frau ist schockiert. Dann trifft sie ihn wieder, sie küssen sich. Jetzt weiß man, sie wird ihn lieben. „Mil-ae“ ist ein traumhafter, ein träumerischer Film: so schön, so melancholisch, so eindringlich, dass einem das Herz weh tut. Die erotischen Szenen verzichten auf jedes Klischee und schaffen es, das allmähliche Erwachen des Begehrens der Frau und ihre brennende Leidenschaft zu visualisieren. Die Patientin und der Arzt lieben sich im Hotelzimmer, dessen Farben pudrig wirken, verblasst wie die Sexualität der Frau. Später fallen sie in einem saftig grünen Wäldchen übereinander her; jetzt zählt nur noch das unbedingte Wollen.

Byun Young-Joo hat ihren Film in Cinemascope gedreht: Um das Liebespaar herum ist viel Platz – die beiden leben außerhalb des Alltags, jeglicher sozialer Regeln. Auch das drückende Klima Südkoreas kann man beinahe spüren. Ahnen kann man die Schönheit der weiten Landschaft und die Langeweile der dünn besiedelten Provinz sowie die Rigidität der gesellschaftlichen Regeln.

Byun Young-Joo hat zuvor zwei Filme über Koreanerinnen gedreht, die von japanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg zur Prostitution gezwungen worden waren. Unprätentiös wie diese Dokumentationen ist auch ihr Spielfilmdebüt. Sie verzichtet auf die Psychologisierung der Figuren und verlangt von uns, dass wir ihnen trotzdem glauben. Und dabei hat sie ein klassisches Melodram inszeniert, das die Genreregeln variiert und neu interpretiert. Ganz beiläufig ist ihr mit „Mil-ae“ ein kleines Meisterinnenwerk gelungen.

Heute 21.30 Uhr (Delphi), morgen 10 Uhr (Cinemaxx 3) und 15.15 Uhr (Arsenal), Mittwoch 19.30 Uhr (Cinestar 8)

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