Kultur : Der große Überbau am Ort der Täter

Wird es was? Wird es nichts? Neue Irritationen über die Zukunft der Topographie des Terrors in Berlin

Thomas Lackmann

Am 4. April hatte Peter Strieder, Berlins Senator für Stadtententwicklung, gute Laune. Er stand südlich des Brandenburger Tors am Gelände des Denkmals für die ermordete Juden Europas und freute sich vor der versammelten Presse über den Baubeginn. Am 8. Mai 2005 soll das Denkmal für die jüdischen Opfer des deutschen Genozids fertig sein. Heute stehe „der ganze Berliner Senat“ hinter dem Vorhaben“, anders als seinerzeit bei der Grundsteinlegung, sagte Strieder. Und gewiss werde man, fügte er hinzu, bei diesem Projekt „im Kostenrahmen bleiben“. Das war eine Pointe für Kenner, dann fuhr der Senator in Urlaub. Bis zum 8. Mai 2003 wird er der Öffentlichkeit mitteilen, ob auch der Ort der Erinnerung an die Täter, die Topographie des Terrors (TdT), im Kostenrahmen bleibt und wie geplant erstellt wird – oder nicht.

Seit 1993 entschieden wurde, dass ein künstlerisch ambitionierter Neubau des Architekten Peter Zumthor den schlichten Museumspavillon am ehemaligen Ort der SS- und Gestapozentrale ersetzen soll, sind dort lediglich drei Treppentürme gebaut worden. Sieben Achtel des Geländes sind gesperrt; nur zwei Füchse, die von Insidern mit den Namen projektbegleitender Bausenatoren belegt werden, frequentieren den „authentischen Ort“. Texte und Fotos an freigelegten Kellerwänden und wechselnde Bauzaunpräsentationen (so die Ausstellung „Vor aller Augen“ über den NS-Terror in der Provinz) werden jährlich von Hunderttausenden besichtigt. Aber „ich sehe keine Baukolonne“, sagt TdT-Geschäftsführer Andreas Nachama dieser Zeitung: „Wird es was? Wird es nichts?“

Die Frage ist schwer zu beantworten. Seit sich der Bund und Berlin auf die Kostenteilung geeinigt und mit dem Architekten die Deckelung des Vorhabens auf 76 Millionen Mark vereinbart haben, ist viel zu viel Baustoppzeit verstrichen. Nein, sagt die Sprecherin Senator Strieders, Petra Reetz: Die erste Ausschreibung musste wiederholt werden. „Nun prüfen wir Angebote, es sind zwischen fünf und zehn, dafür gibt es gesetzliche Fristen.“ Der Senator halte die Gedenkstätte „für unvezichtbar“, in vier Wochen werde er das Auschreibungsergebnis bekanntgeben. Das wäre Deutung Nr.1: Alles wird gut, im Mai geht’s los. Nachama hat nur getrommmelt.

Es gibt aber auch Deutung Nr. 2: Alles wird schlecht. Geschäftsführer Nachama („Die Milch wird teurer, und dieser Bau soll billiger werden?“) hat echten Alarm geschlagen: Die 76-Millionen-Absprache entsprang unrealisierbarem Wunschdenken – oder, irgendwie, einem Mark/Euro-Umrechnungsproblem. „Wenn es dafür keine Baufirma schafft,“ sagt auch Frau Reetz, „muss die Politik neu entscheiden.“ Irgendwann würden dann wohl die Zumthor-Türme abgerissen. Es würde neu geplant, mit immer weniger Mitteln: never ending history. Das gedenkpolitisch gern proklamierte Erinnerungdreieck – Jüdisches Museum, Mahnmal, Topographie des Terrors – geriete aus der Balance...

Da wir uns aber in Berlin befinden, gibt es auch Deutung Nr. 3. Wer weiß noch, dass die schräg konzipierten Wände des Libeskindbaus erst bezahlbar wurden, als dessen Architekt auf den letzten SchrägheitsSchnack verzichtete? Vielleicht hat der TdT-Geschäftsführer, als er dieser Tage im Interview die Zukunftsfrage stellte, dem Senator in der Frühlingsfrische eine Vorlage geliefert. Vielleicht verkündet Peter Strieder am 8.Mai den Völkern der Welt: Damit Deutschland nicht nur an seine Opfer, sondern an „eigene“ Taten angemessen erinnern könne, müsse Berlin einen Prozess mit dem Stararchitekten riskieren. Da die Ausschreibung zeige, dass Zumthors spezielle Fassadenaufhängung für 76 Millionen nicht zu haben sei, solle der Entwurf mit normalem Stahlskelett realisiert werden; den Unterschied würde kaum ein Besucher sehen.

Doch der bitterste Aspekt dieser Farce um die Dokumentation deutscher Menschheitsverbrechen 58 Jahre danach besteht in einer anderen Pointe: darin, dass Berlin seine „funktionierenden“ Erinnerungsorte demontiert. Wenn Andreas Nachama in die USA fährt, sagt er, führt er dort Micha Ullmanns Bücherverbrennungs-Denkmal „Bibliothek“ als Beispiel für das bewegendste, gelungene Shoa-Denkmal an. Rund um diese Skulptur am Bebelplatz wird zurzeit eine Tiefgarage gebaut, die historische Pflasterung des „authentischen Orts“ zerstört. Auch der sterile, improvisierte TdT-Pavillon war, bis zu den Neubauarbeiten, eine eindrucksvoll funktionierende Gedenkstätte. Am 11. Mai lädt die Topographie des Terrors mit Micha Ullmann zum Disput in die Akademie der Künste: Da dürfen die Berliner darüber streiten, warum sie der Erinnerung am Ort der Täter so gern mit großem Überbau den Garaus machen.

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