Kultur : Der große Unmut

GREGOR DOTZAUER

Wenn alles so kommt, wie es kommen soll, erlebt die Hauptstadt 2000 einen literarischen Jahrhundertsommer. Das Internationale Literaturfestival Berlin, das unter der Leitung von Ulrich Schreiber vom 15. bis zum 25. Juni stattfinden soll, will das literarische Zentrum der Republik zehn Tage lang zur europäischen Literaturhauptstadt erklären - frei nach dem Motto: Was die Berlinale für das Kino schafft, kriegen wir auch für die Literatur hin. Rund drei Wochen später wird der Literatur Express Europa 2000 unter der Leitung von Thomas Wohlfahrt nach seiner Fahrt durch 11 Länder und 23 Städte mit rund 120 ausgesuchten Autoren aus 45 Ländern im Berliner Ostbahnhof einfahren und zu einem mehrtägigen Finale laden. Think Big: Das hat nun auch die Literatur beherzigt. Und nachdem beide Veranstaltungen sich nicht unbedingt dem Mainstream verpflichtet fühlen, sondern nur einer öffentlichkeitswirksamen Präsentation, kann es eigentlich nicht schöner kommen. Oder?

Hinter den Kulissen knirscht und knackt es leider gewaltig. Dabei vermischen sich praktische und weitergehende Interessen der Organisatoren auf eine Art, die dringend der Klärung bedarf. Die gibt es inzwischen wohl nur noch unter Vermittlung des Kultursenats. Denn die beiden Projektleiter, Ulrich Schreiber, der Vorsitzende der Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik, und Thomas Wohlfahrt, der Direktor der literaturWERKstatt berlin, haben sich längst ergebnislos gesagt, was zu sagen ist.

Auf der praktischen Ebene geht es darum, ob es sich um eine glückliche oder unglückliche Koinzidenz handelt: Wieviel literarische Event-Kultur kann Berlin vertragen? Und von wegen Koinzidenz: Hat Wohlfahrt, der seit zweieinhalb Jahren den Express vorbereitet, nicht ältere Rechte als Schreiber, der mit seiner Idee erst dieses Jahr vorgeprescht ist und gegen alle Erwartungen ein illustres Kuratorium gewonnen hat, für das unter anderem Andrea Breth, Nadine Gordimer, Lars Gustafsson, Walter Kempowski und Charles Simic zugesagt haben.

Schadet das Internationale Literaturfestival also dem Literatur Express, weil es ihn Aufmerksamkeit und damit Publikum kostet? Nützt es ihm vielleicht sogar, indem es in unmittelbarer zeitlicher Nachbarschaft ein günstiges Klima schafft? Oder nehmen sich die Veranstaltungen nichts, weil es in einer so großen Stadt Potential für zwei derartige Ereignisse gibt?

Natürlich geht es auch um Geld. Der Literatur Express ist noch nicht völlig finanziert, und Wohlfahrts Angst, daß Sponsoren über die neue Situation verwirrt sein könnten, ist nicht ganz unberechtigt. Schreibers Internationales Literaturfestival wiederum hat bisher keinen öffentlichen Pfennig - was bei einem Etatbedarf von rund 2,6 Millionen Mark, hohem logistischem Aufwand und ziemlich knappem Vorlauf noch strapaziös werden dürfte.

Das Ganze wäre nur ein kleinkarierter Kampf, wenn sich darin nicht auch die Konkurrenz der großen Berliner Literatureinrichtungen spiegeln würde. Denn so wichtig es ist, Frieden für das nächste Jahr zu schließen, so viel mehr geht es um die Jahre danach. Schreibers Festival soll künftig alljährlich stattfinden, und auch Thomas Wohlfahrt denkt nicht daran, sein mühsam aufgebautes Kontaktenetz brachliegen zu lassen.

Wer hat in Berlin, wenn es um literarische Großveranstaltungen geht, die Hosen an? Das ist die entscheidende Frage. Und daß mit Ulrich Schreiber jemand vom Rand des Geschehens aufgetaucht ist, der die verdeckten Spannungen offengelegt hat - damit hatte niemand gerechnet. Mit Ausnahme der literaturWERKstatt, die sich aus begreiflichen Gründen an seinem Festival nicht beteiligen will, hat Schreiber nämlich alle übrigen wichtigen literarischen Häuser der Stadt als kooperierende Partner auf seine Seite gebracht - oder zumindest auf seinen Briefkopf: das Literaturhaus in der Fasanenstraße (Leitung: Herbert Wiesner), das Literaturforum im Brecht-Haus (Therese Hörnigk) und das Literarische Colloqium (Ulrich Janetzki). Die Befürchtung dieser Häuser, die Beteiligung an Schreibers inhaltlich noch nicht sonderlich profiliertem Mammutprojekt, könne ihre tagtägliche Arbeit beschädigen, wich der Angst, bei keinem der Großereignisse dabeizusein. In der Tat haben sie beim Internationalen Literaturfestival Gestaltungsmöglichkeiten, die sie beim Literatur Express, an dem sich nur das LCB am Rand beteiligt, nicht haben. Mangels eigener Infrastruktur braucht Schreiber die Partner im übrigen dringend.

Worin bestünde die Lösung? Thomas Wohlfahrt würde den Beginn des Internationalen Literaturfestivals - worauf Schreiber sich nicht einlassen will - am liebsten um ein Jahr verschieben. Dann könnte auch er mit von der Partie sein. Doch für diesen Fall bleibt offen, wer in dieser Großen Koalition die Integrationsfigur bilden soll. Nach den bisherigen Spannungen eignen sich dafür - ohne über die fachlichen und menschlichen Kompetenzen sonst zu urteilen - weder Schreiber noch Wohlfahrt. Gefordert ist eine Lösung, die alle Optionen offenläßt. Eine Aufgabe für die Politik.

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