Kultur : Der große Unterschied

Wettbewerb: „Madame Brouette“ von Moussa Sene Absa

Kerstin Decker

Alle fahren Auto, nur wir schieben diesen Handwagen! sagt Ndeye. Ndeye ist Madame Brouettes Tochter. Schon der zweite Handwagen in drei Tagen Berlinale: Im polnischen Film „Edi“ sammeln zwei Verlierer Schrott mit einem solchen Wagen; Madame Brouette ist also die senegalesische Schwester der Schrotthändler, und ihre Tochter hat Recht – wer solche Handwagen schieben muss, um zu leben, kommt nicht weit. Madame Brouette verkauft das billigste Gemüse des Marktes, aber ihr Name steht groß vorn an ihrem Wagen, und das ist ein Unterschied. Diese Madame Brouette (Osseynou Diop) ist stärker als die Schrottsammler. Und schöner. Und viel erotischer. Vor allem aber: stärker.

Denn sie ist keine Melancholikerin wie Edi aus Polen, sondern sie ist: emanzipiert. Wenn etwas gegen die Emanzipation spricht, dann wohl nur, dass es keine melancholische Emanzipation gibt. Darum haben die Emanzipationsstimmen so etwas Schrilles. Diese schöne, weiche, erotische Madame Brouette kann schimpfen wie ein außer Kontrolle geratener General. Melancholiker explodieren nie. Andererseits kommunizieren die Männer hier nur wie Amok laufende Generäle. Aber „Madame Brouette“ ist nicht bloß laut, sondern auch wunderbar bunt, während der Parallelhandwagenfilm sehr leise und bleigraublau war. Und dass man die ganze Emanzipation singen kann, von Anfang bis Ende – das haben wir auch noch nicht gewusst. Und sonst?

Ein bisschen kulissenhaft, launig und linear dieser Film von Moussa Sene Absa. Umso einfacher die Botschaft: Das Leben könnte so schön sein, gäbe es keine Männer. Anmaßende, brutale Kinder sind sie, und dass die schöne, starke, kluge und bereits lehrreich geschiedene Madame Brouette trotz ihrer Klugheit, Stärke und Geschiedenheit wieder auf einen reinfällt, ist die warnende Botschaft. Aber Madame Brouette – neuer Mann! – fährt plötzlich Taxi, und ihr bunter Handwagen ist oben aufs Dach gebunden. Das ist die schönste Szene des Films. Alles Unglück beginnt, wenn man nicht zu Fuß seinen Handwagen ziehen will. Mit dem Schuss Madame Brouettes auf den Mann fängt das an. Ganz anders hört es auf. Nicht Madame Brouette hat den Mann erschossen, sondern ihre Tochter. Ihr Blick auf die Erwachsenenwelt hatte so entschieden. So einfach, so schrecklich. Schlechte Nachrichten fürs senegalesische Patriarchat.

Heute 12 , 21 und 23.30 Uhr (Royal Palast)

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